Geglückte und verunglückte Vergleiche

Die Übernahme der Krim durch Russland wird derzeit oft mit 1938 verglichen. Die einen denken dabei an den Anschluss des Sudetenlandes, andere eher an den Anschluss Österreichs. Leider interessieren wir uns vor allem für die falschen Vergleichenden. Die meisten denken momentan an die Äußerungen des Bundesfinanzministers Wolfgang Schäuble. Leider nur sehr wenige denken an den Moskauer Historiker Andrej Subow.

Die Welt ist äußerst ungerecht, wenn man an die Folgen denkt, die ein historischer Vergleich in Deutschland haben kann. Als die damalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin in einem Gespräch Analogien zwischen manchem Handeln des damaligen US-Präsidenten George W. Bush und dem Vorgehen Adolf Hitlers zog, da musste sie zurücktreten. Keine Erklärungen, wie sie denn diesen Vergkeich gemeint habe, halfen ihr. Obwohl die öffentliche Meinung in Deutschland dem amerikanischen Präsidenten alles andere als wohlgesonnen war, galt die Ministerin eines rot-grünen Kabinetts in der Regierung als unhaltbar.

Als jüngst Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble die Krim-Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit Adolf Hitlers Annexion des Sudetenlandes verglich, gab es zwar Protest von russischer Seite, doch politische Folgen scheint der Vergleich für den Finanzminister nicht zu haben. Kollegen und die meisten Medien werfen ihm in freundlichem Ton allenfalls diplomatisches Ungeschick vor und erklären, er hätte es ja gar nicht so böse gemeint. Ansonsten trifft die Putin-Kritik auf größtes Verständnis. Selbst in Kreisen, wo sonst Verständnis und Nachsicht für östliche Diktatoren ihre Heimat haben, wird Putin jetzt zu den Bösen einsortiert.

Es ist ein Phänomen. Über viele, viele Jahre hinweg wurde Putin von einer Mehrheit im Westen fast alles verziehen: Lagerstrafen für politische Gegner, der zweite Tschetschenienkrieg, die Unterstützung des tschetschenischen Gewaltherrscher Ramsan Kadyrow oder der Einmarsch in Georgien nebst initiierter Staatengründung eines von Georgien abgefallenen Landesteils. Auch ungeklärte Morde an Journalisten und Menschenrechtsaktivisten im Inland und an politischen Gegnern oder Überläufern im Ausland störten uns nicht besonders. Durch Putins Russland lernte die westliche Öffentlichkeit zwar, wie gut sich mittels Pollonium töten lässt, doch wirklich übel nahm sie dem politisch Verantwortlichen das nie. So wichtig waren die tradierten Grundwerte und die Menschenrechte seinerzeit nicht.

Die – vor allem mediale – Wahrnehmung änderte sich grundlegend erst, als die russische Regierung das Gesetz gegen die sogenannte Homosexuellen-Propaganda beschloss und in Kraft setzte. In einer Zeit, da es zum politisch-korrekten Glaubenssatz des Westens gehört, homosexuelle Paare unter der Flagge der Gleichstellung nun auch mit den angestaubten rechtlichen und steuerlichen Privilegien der bürgerlichen Ehe auszustatten, scheint ein Verstoß dagegen viel schwerer zu wiegen, als die gegen alle bisherigen Grundwerte.

Gerade im Vorfeld der Olympischen Spiele von Sotschi nahm die Focussierung auf dieses Gesetz teilweise absurde Formen an. Natürlich werden hiermit auch Menschenrechte beschnitten und dagegen zu protestieren ist völlig gerechtfertigt. Doch die Empörungswelle, die im Westen aufbrandete, stand im merkwürdigen Gegensatz zur weitgehenden Zurückhaltung, die bis dahin herrschte.

Und nun holte der russische Präsident auch noch die Krim heim ins russische Reich. Da liegen einem die Vergleiche natürlich sehr schnell auf der Zunge, auch wenn deutsche Vergleiche mit der nationalsozialistischen Zeit eigentlich immer nur verunglücken können.

Wenn allerdings ein russischer Historiker einen solchen Vergleich anstellt, ist das schon interessanter. Andrej Subow, Historiker am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) beschrieb am 1. März in der liberalen Tageszeitung Wedomosti Analogien zwischen dem russischen Vorgehen auf der Krim und 1938, allerdings verglich er es nicht mit der Besetzung des Sudetenlands nach dem Münchner Abkommen und sondern mit dem Anschluss Österreichs. Ob das inhaltlich als Vergleich geglückter ist als der Verweis auf das Sudetenland ist vielleicht einer eigenen Erörterung wert. Weniger verunglückt wirkt es allein dadurch, dass es von einem russischen Historiker kommt und nicht von einem deutschen Finanzminister. Und vor allem mutiger.

Denn Subow hat diesen Artikel geschrieben, als die nationale Euphorie in Bezug auf die Krim gerade besonders geschürt wurde. „Wir müssen uns besinnen und Halt machen. Unsere Politiker ziehen unser Volk in ein schreckliches Abenteuer“, heißt es in seinem Artikel, in dem er auch auf mögliche negative Folgen des Anschlusses der Krim für Russland hinweist, etwa auf die Gefahr, dass unter den Tataren auf der Krim Dschihadisten Zulauf finden und dass die Ukraine nun tatsächlich russlandfeindlich werde.

Dieser Artikel zog nahezu umgehend Subows Entlassung aus dem Institut nach sich, offizieller Grund: „amoralisches Verhalten“. Was die Leitung des MIGMO unter „amoralisch“ versteht, hatte sie Subrow gegenüber schon vor fünf Jahren demonstriert. Damals hatte sie sich allerdings von dem kritischen Hirtoriker nur offiziell distanziert und ihn nicht entlassen. Seine damalige „Verfehlung“ war die zweibändige „Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert“, die vierzig Autoren unter seiner Leitung verfasst hatten. Dort war nach dem Geschmack kremltreuer Geschichtsschreiber zu viel von den Verbrechen der Sowjetunion die Rede.

Dabei soll sich auch Subow als russischer Patriot verstehen, fest in der russisch-orthodoxen Kirche verwurzelt sein und durchaus ein starkes Russland wünschen. Allerdings eines, das auch die sowjetischen Verbrechen ohne Tabus aufarbeitet und nicht einfach in simplen Hurra-Patriotismus verfällt.

Hierzulande ist der Fall Surow leider kaum wahrgenommen worden. Ebensowenig gab es in Deutschland demonstrative Solidarität mit ihm. Die Masaryk-Universität in Brünn hatte ihm dagegen sofort nach Bekanntwerden seiner Entlassung eine Professorenstelle angeboten. Das allerdings hatte Subow dankend abgelehnt. Solange es möglich ist, wolle er in Moskau bleiben und sich vor Ort engagieren, teilte er dem tschechischen Fernsehen mit. Das ist insbesondere deshalb mutig, weil am 9. Mai ein neues Gesetz, das die Meinungsfreiheit weiter einschränken wird, in Kraft tritt. Danach drohen jedem fünf Jahre Haft, der die territoriale Integrität Russlands in Frage stellt. Danach können vielleicht auch Überlegungen, wie sie Subow in seinem Artikel anstellte, künftig strafwürdig sein. Doch dieses Gesetz hat in der westlichen Wahrnehmung nicht für angemessene Aufregung gesorgt. Stephan Friedrichs

1 Kommentar

  1. Ella Langer

    Freut mich, dass der Name Andrej Subows nun endlich auch im deutschen Sprachraum auftaucht. Nur geben Sie ihn am Ende Ihres Artikels leider falsch wieder: Surow.
    Historischer Vergleich, den Professor Subow gemacht hat, ist nicht die einzige seiner Leistung. Er ist ein großartiger Historiker und Denker. Gäbe es nur mehr von solchen Russen! Auf YouTube gibt es – in Russisch – eine Rejhe seiner Vorträge und Interviews mit ihm. Sehr zu empfehlen!

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