Doppelt falsche Flaggen?

Der ehrliche Flüchtling, der plötzlich viel Geld findet und es zur Polizei bringt, statt es einzustecken, ist vor einigen Wochen in den Medien sehr präsent gewesen. Positive Meldungen über Zuwanderer finden schnell Verbreitung. Dass sie in allen Medienhäusern so gut laufen, darüber mokieren sich wiederum Kritiker der aktuellen Zuwanderungspolitik. Propaganda sei dies, sagen sie. Hohn und Spott wird ausgegossen über die vielfachen Berichte über die guten, ehrlichen Flüchtlinge und Pegida-Mitläufer haben wieder einen Grund, sich über die „Lügenpresse“ zu ereifern. Jetzt könnte man sagen, da haben die Kollegen selbst schuld, wenn sie die gute Nachricht über einen ehrlichen Asylbewerber geradezu inflationär über das ganze Land verbreiten, während beispielsweise über die alltägliche Gewalt in Asylbewerberunterkünften allenfalls verschämt berichtet wird.

Aber investigative Journalisten, wie Natalie Diedrichs von der Stuttgarter Zeitung deckten auf: Die Ehrliche-Finder-Geschichten kamen gar nicht von der Presse, sondern Rechtsextreme hatten solche Meldungen produziert, um sie dann als Propaganda zu entlarven und der Presse vorwerfen zu können. Perfide!

„Dem Leser wollen sie auf diese Weise offenbar suggerieren, dass die ‚Systempresse‘ auf Geheiß der Behörden bewusst Fehlinformationen gestreut hat, um Flüchtlinge in ein positives Licht zu rücken. Diese Methode nennen Experten ‚False-Flag-Kampagnen‘“[1], schreibt Frau Diedrichs. Also waren die Ehrliche-Finder-Geschichten alle nur Produkte rechtsextremer Desinformation?

Eine der eigens produzierten Falschmeldungen kann die Stuttgarter Zeitung nachvollziehbar präsentieren: „Ein Beispiel: Ein Foto zeigt einen Flüchtling mit einem 50-Euro-Schein in der Hand. Die Fälscher dichten ihm die Überschrift ‚Flüchtling aus Syrien findet 50 Euro und übergibt sie feierlich dem Rathaus‘ an. Die fiktiven Meldungen thematisieren dabei häufig Geschichten über Flüchtlinge, die etwas gefunden und an ihren rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben haben sollen. In Wirklichkeit zeigte das oben beschriebene Foto jedoch einen Flüchtling aus Eritrea. Ein Busfahrer hatte ihm die Mitfahrt verweigert, weil er den Geldschein nicht wechseln konnte. Das Westfalen-Blatt hatte den Artikel im Juni veröffentlicht.“

Aufgedeckt wurde dieser Schwindel von der Internetplattform mimikama, die sich auf das Entlarven solcher Falschmeldungen spezialisiert hat. Dort heißt es zu den ehrlichen Findern: „Ja, es gibt vermehrt Findermeldungen, aber auch wir gehen davon aus, dass diese oftmals nicht echt sind. Jedoch stammen sie nicht von ‚der Systempresse‘ sondern sind mehrere davon augenscheinlich eher als False Flag Meldungen zu verstehen.“[2]

Selbstkritisch habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht auch rechtsextremer Desinformation auf den Leim gegangen bin, als ich annahm, es läge an den Redaktionen, dass man seinerzeit in den Medien dem ehrlichen syrischen Finder nirgends entgehen konnte, während seine im Asylheim zusammengeschlagenen Landsleute keine Erwähnung wert waren. Eine Antwort kann man ja im Netz finden, wenn man sich all die publizierten Geschichten von den ehrlichen Findern noch einmal kritisch anschaut. Die Kollegen der Stuttgarter Zeitung oder von mimikama muss diese Frage nicht so sehr geplagt haben, jedenfalls haben sie diesen Check wahrscheinlich für unnötig befunden. Sonst hätte ihr Urteil ein klein wenig anders ausfallen müssen. Eine wirklich nur äußerst kurze Suche im Netz fördert ein klares Ergebnis zu Tage: Überall gab es den ehrlichen Flüchtling, manchmal sogar in Fortsetzungsgeschichten. An den Quellen (siehe Fußnoten) kann man unschwer erkennen, dass es sich aber hier keineswegs um rechtsextreme Fake-Nachrichten handelt.

Den Anfang machte Mahmud Abdullah aus Syrien. Der Mann lebte Ende Juli in einer Asylunterkunft in Alsdorf bei Aachen. Im Ort fand er zufällig 1000 Euro in bar, ohne einen Hinweis auf den Besitzer. Trotz der sicher großen Versuchung gab er seinen Fund bei der nächsten Polizeidienststelle ab und alle Zeitungen und Sender berichteten.[3] Es war nicht nur die Geschichte des Flüchtlings, der so ehrlich ist, sondern auch die eines Mannes, der seine Frau mit der kleinen Tochter suchte, weil die auf einem anderen Fluchtweg unterwegs waren. Ein Stoff für Fortsetzungen. Schon das Flüchtlingsschicksal weckte schließlich Verständnis und dann war der Mann auch noch so ehrlich. Also war es auch eine Nachricht wert, als Abdullah endlich mit seiner Frau telefonieren konnte, als die noch in Griechenland war.[4] Selbstverständlich zeigte das Fernsehen das Happy End: Frau und Tochter konnten zu ihm nach Deutschland kommen, die Familie wurde zusammengeführt.[5]

Das Portemonnaie einer 46 Jahre alten Frau aus Germersheim machte ebenfalls bundesweite Schlagzeilen. Mit stolzen 1450 Euro Bargeld hatte sie es auf einer Parkbank liegen lassen und ein 16-jähriger syrischer Flüchtling fand es, um gleich darauf bei der örtlichen Polizeidienststelle abzugeben.[6] Der junge Mann konnte kein Deutsch und musste den Beamten seinen Fund mit Händen und Füßen erklären. Die Polizei sei so beeindruckt gewesen, dass sie die Geschichte selbst auf Facebook postete, hieß es in einigen Artikeln.[7]

Und es hört nicht auf: Im bayerischen Deuerling gab dieser Tage ein syrischer Flüchtling eine gefundene Fotokamera bei der Polizei ab.[8] Der Fall sorgte allerdings nicht mehr für überregionale Schlagzeilen. Eigentlich sollte es ja auch nicht verwunderlich sein, dass unter den vielen Zuwanderern die in diesen Monaten nach Deutschland kommen auch ehrliche Finder auftauchen. Aber liegt es jetzt an der Medienwahrnehmung oder wieder an irgendeiner Desinformation, dass die ehrlichen Flüchtlinge allesamt Syrer sind?

Jedenfalls, bei allem Verachtenswerten, was Rechtsextreme im Netz so treiben, für den Eindruck, den die etablierten Medien mit ihrer Berichterstattung über Flüchtlinge, Asylbewerber oder Zuwanderer beim breiten Publikum hinterlassen sind die jeweiligen Redaktionen schon selbst verantwortlich und keine Falsche-Flaggen-Falschmeldungen von rechten Desinformanten.

[1] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.hetze-in-sozialen-medien-rechte-hetzen-mit-fingierten-falschmeldungen.f22d50eb-53c5-486f-bbe8-3ae7290aa9dc.html

[2] http://www.mimikama.at/allgemein/das-neue-hobby-von-rechtsauen-finder-erfinden/

[3] http://www1.wdr.de/fernsehen/aks/themen/fluechtling-geld-gefunden-100.html und http://www.ksta.de/nrw/ehrlicher-finder-in-alsdorf-bei-aachen-fluechtling-aus-syrien-bringt-gefundene-1000-euro-zurueck-zur-polizei,27916718,31274540.html und http://www.aachener-nachrichten.de/ehrlich-syrischer-fluechtling-gibt-vermisste-1000-euro-ab-1.1139650 und http://www.brigitte.de/frauen/gesellschaft/ehrlicher-finder-1250806/

[4] http://www1.wdr.de/themen/aktuell/syrischer-fluechtling-sucht-familie-100.html

[5]http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/aktuelle_stunde/videoehrlicherfinderwiedervereintmitfamilie100.html

[6] http://www.bild.de/news/ausland/germersheim/syrischer-fluechtling-findet-geldbeutel-und-bringt-ihn-zur-polizei-41706558.bild.html und http://www.huffingtonpost.de/2015/07/08/ein-alte-frau-verlor-ihr-portmonnee-ein-fluchtling-steckte-es-ein_n_7752780.html und http://www.pz-news.de/nachrichten_artikel,-Ehrlicher-Finder-Junger-syrischer-Fluechtling-gibt-Geldbeutel-mit-1450-Euro-ab-_arid,1033267.html

[7] http://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/syrer-findet-geldbeutel-mit-1450-euro-und-bringt-sie-zur-polizei-6338238.html

[8] http://www.tvaktuell.com/mediathek/video/ehrlicher-finder-in-deuerling-so-reagiert-das-netz/

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