Staatsauflösung im Südsudan

Der jüngste Staat der Erde droht sich in Bürgerkrieg und Armut aufzulösen. Auch hier haben demnächst also massenhaft Menschen einen nachvollziehbaren Grund, sich auf den Fluchtweg nach Norden, nach Europa, nach Deutschland zu machen. Wer also Fluchtursachen bekämpfen möchte, ist herzlich eingeladen, sich mit den Verhältnissen in einem der scheiternden Staaten auseinanderzusetzen. Doch vor lauter Flüchtlingen, Asylbewerbern und anderen Zuwanderern sehen wir die Verhältnisse in den Herkunftsländern schon gar nicht mehr.

Im Sommer 2011 wurde die Unabhängigkeit des jüngsten Staates der Welt, des Südsudan, offiziell anerkannt. Vorausgegangen war ein zwanzigjähriger Unabhängigkeitskrieg gegen die islamischen sudanesischen Machthaber im Norden.

Vier Jahre nach der Unabhängigkeit ist alle Euphorie verflogen. Der zwischen Präsident Kiir und seinem früheren Vizepräsidenten Machar entwickelt sich stattdessen zu einem Stammeskrieg. Mitte 2013 entließ Kiir seinen Vize, der ein halbes Jahr später mit einem Putschversuch reagierte und scheiterte.

Kiir mobilisierte zu seinem Machterhalt Milizen der Dinka, des Mehrheitsvolkes im Südsudan, dem er selbst auch angehört. Machar scharte Kämpfer aus seinem Volk, den Nuer, um sich. Damit wurde aus dem Machtkampf ein Bürgerkrieg, dem schon Zehntausende Südsudanesen zum Opfer gefallen sind. Zwei Millionen wurden vertrieben. Friedensverträge zwischen den Kontrahenten wurden mehrfach geschlossen und meist schon am nächsten Tag wieder gebrochen.

„Der Südsudan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, verfügt jedoch über große Erdölvorkommen. Das macht das Land auch zu einem Brennpunkt internationaler Interessen. Insbesondere die USA haben sich in den letzten Jahren stark im Südsudan engagiert, umso verständlicher ist die amerikanische Unruhe über die jüngsten Entwicklungen. Allerdings ist fraglich, ob angedrohte Sanktionen wie Kontensperrungen und Einreiseverbote Kiir und Machar wirklich unter Druck setzen können. Die beiden können auch ohne ausländische Konten und Reisen gut überleben. Bei ihrer Gier nach Macht ist es Machar und vor allem Kiir offenbar egal, dass sie das Land zerstören, für dessen Unabhängigkeit sie ihr Leben lang gekämpft haben.“ So fasst die NZZ die Situation im Südsudan treffend zusammen.[1]

Viele Wohlmeinende hierzulande sehen „den Westen“ immer als letztendlich Verantwortlichen für alles Elend dieser Welt, weshalb kein Notleidender, der an unsere Pforte klopft, egal warum und woher er kommt, abgewiesen werden dürfe. Also dann hier konkret die Frage: Wer von uns ist für das Südsudan-Drama verantwortlich? In welcher Form und mit welchem Gewinn?

Ich fürchte, ich werde auf diese Fragen keine befriedigende Antwort bekommen. Ebenso wenig wie auf die Frage danach.  was denn die Sonntagsreden-Forderung, man müsse die Fluchtursachen bekämpfen, in diesem Falle konkret bedeuten würde. Letztlich wäre das nur durch das Entsenden von Truppen und eine politische Neuordnung durch eine an Demokratieaufbau interessierte Besatzungsmacht möglich. Aber das riecht wiederum verdammt nach Kolonialismus, so gut es auch gemeint ist.

Die örtlichen Akteure scheinen kurzfristig nicht friedensfähig zu sein.  Im Gegenteil, es kommen neue Konflikte hinzu.  Die Gegner des Präsidenten beginnen gerade, sich auch noch gegenseitig zu bekriegen. Für Südsudanesen wird es also bald immer mehr gute Gründe geben, sich auch in großer Zahl auf den Weg nach Norden zu machen.

Wollen wir also doch irgendwann Fluchtursachen bekämpfen? Oder anderweitig die afrikanischen Machthaber in die Verantwortung für die Zustände zwingen, die ihre Landeskinder gegenwärtig außer Landes treiben?

[1] http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/der-junge-sterbende-staat-1.18598533, siehe auch hier: http://www.nzz.ch/international/friedensverhandlungen-gescheitert-1.18597256?reduced=true

 

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