Guter Balkan, schlechter Balkan?

Beinahe aus dem gesamten politischen Spektrum kommen die Aussagen, dass Asylbewerber aus den Balkan-Staaten eigentlich nicht ins Asylverfahren gehören würden. Die einen möchten ihre Anträge schnell ablehnen und die Betroffenen dann abschieben. Die Wohlmeinenderen möchten den Zuwanderern aus Südosteuropa andere Perspektiven in Deutschland öffnen.

Während solchen Äußerungen bislang keine praktischen Handlungen folgen und die Zuwanderung auch aus Südosteuropa ununterbrochen anhält, könnte man sich ja etwas differenzierter einen anderen Einwanderungsstrom von der Balkan-Halbinsel anschauen. Denn ein Balkan-Teil gehört ja zur EU und bulgarische wie rumänische Staatsangehörige genießen seit letztem Jahr die volle Freizügigkeit in der Union.

Von ihnen kamen etliche gern nach Deutschland und vor allem die Roma unter ihnen fielen auf, was die deutsche Öffentlichkeit allerdings nur verschämt zur Kenntnis nahm. Zu sehr entsprachen die auftauchenden Probleme den Negativ-Klischees über „Zigeuner“, als dass man allzu oft hätte davon berichten können, ohne in den Verdacht zu geraten, Vorurteile gegen Roma schüren zu wollen.

In vielen Fällen retteten sich Amtsträger und Journalistenkollegen damit, immer entsprechend der jeweiligen Staatsbürgerschaft von Bulgaren und Rumänen zu sprechen und ihre Volksgruppe möglichst unerwähnt zu lassen. Das ersparte auch die lästige Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen der Roma in diesen EU-Staaten. Die Gründe, die Befürworter der Aufnahme von Roma aus Serbien und Mazedonien dafür anführen, dass sie Asyl in Deutschland verdienen, nämlich die alltäglichen Diskriminierungen und schlechten Zukunftschancen, gelten für die EU-Balkanstaaten ebenso. Wer will schon deutlich aussprechen, dass Länder, in denen solche Zustände herrschen, nicht in die Europäische Union gehören. Lieber nennen wir nichts beim Namen.

Auch der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, kann deshalb nur die halbe Wahrheit sagen, wenn er „vor viel größeren Problemen“[1] warnt. Grund für seine Aussage: Der dramatische Anstieg der Zahl der Hartz IV-Bezieher unter den Bulgaren. Ein Viertel der hier lebenden bulgarischen Staatsangehörigen bezieht den Lebensunterhalt vom deutschen Steuerzahler. Im letzten Jahr war das „nur“ ein Fünftel.

Weise bemüht sich, darauf hinzuweisen, wie viele der hier lebenden Bulgaren arbeiten und in die Sozialsysteme einzahlen, so als müsse er darauf hinweisen, dass es gute Bulgaren und schlechte Bulgaren gebe. Und damit auch jeder versteht, auf welche Volksgruppe er anspielt, ohne sie beim Namen zu nennen, verweist er – laut Medienberichten – darauf, dass der Anteil der Hartz IV-Bezieher unter den hier lebenden Rumänen nicht angestiegen ist. Schon ein paar Monate zuvor musste die Bundesagentur nämlich mitteilen, dass die Zahl der rumänischen und bulgarischen Hilfeempfänger im Verlauf des letzten Jahres um stolze 83,6 Prozent auf mehr als 83000 gestiegen ist.[2]

Nun möchte niemand die Roma diskriminieren, weshalb es kein Thema ist, dass ihr Anteil an den bulgarischen Unterstützungsempfängern wahrscheinlich ziemlich hoch ist. Doch wenn sich Probleme bei einer speziellen Zuwanderergruppe häufen, so kann man nur zielgerichtet nach Lösungen suchen, wenn man die Probleme möglichst genau zur Kenntnis nimmt. Und nach Lösungen muss man suchen, sonst wird die Akzeptanz in der Gesellschaft für die Zuwanderung mit Sicherheit in Bälde dramatisch sinken.

Wenn man sich speziell um junge Roma kümmern würde, könnte man sie vielleicht befähigen, sich aus den Clan-Strukturen, die einer Integration in die deutsche Gesellschaft oft im Wege stehen, mit eigener Kraft und aus eigenem Willen zu befreien. Wenn wir sie hingegen in die Parallelstrukturen abgleiten lassen, verschaffen wir den Parallelwelten eine dauerhafte Überlebensgarantie. Das kann eine Gesellschaft eigentlich nicht wollen.

Bei den Zuwanderern aus den EU-Balkanstaaten, bzw. bei den Roma aus diesen Ländern, die nach Deutschland kommen und von vornherein ein volles Bleiberecht haben, müssten solche Projekte beginnen. Es wäre ein Testlauf für das, was man dann bei den Zuwanderern fortsetzen kann, die jetzt statistisch meist noch als Serben und Mazedonier erfasst werden und auch nach Ablehnung ihres Asylgesuchs das Land sicher nicht verlassen werden. Differenzieren hilft, wie gesagt, immer bei der Problemlösung, sowohl den Roma als auch den Bulgaren, Rumänen, Serben und Mazedoniern, die keine Roma sind. Und den Deutschen natürlich auch.

[1] http://www.wiwo.de/politik/deutschland/bundesagentur-chef-weise-hoher-anteil-von-bulgaren-bezieht-hartz-iv-/12222556.html

[2] http://www.focus.de/politik/deutschland/arbeitsmarkt-immer-mehr-bulgaren-und-rumaenen-beziehen-hartz-iv_id_4595170.html und http://www.bild.de/geld/wirtschaft/hartz-4/hartz-iv-bezuege-fuer-bulgaren-und-rumaenen-verdoppelt-40438456.bild.html

1 Kommentar

  1. Ziganist

    Differenzieren bei der Zuwanderung? Das darf man doch nicht. Das ist Rassismus. Erinnern Sie sich, die Unterscheidungen zwischen Migrantengruppen wollte schon Sarrazin machen und wurde u.a. dafür geprügelt. Aber andererseits durfte einer ja nach dem Sortieren der Asylanten nach Ethnie und Religion verlangen, ohne dass es ihm schadete: Bodo Ramelow. Aber der ist ja auch ein Linker und damit per Definition kein Rassist. Da darf man dann auch Völker sortieren. Also wenn, dann muss zwingend ein Linker der Bundes-Roma-Beauftragter werden.

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