Deutsche Förderung des konservativen Islam

Wer lehrt eigentlich welche Islamkunde an staatlichen deutschen Schulen? Welche Religionsauslegung lernen Kinder im Rahmen ihrer Schulpflicht kennen? Die Antworten auf diese Fragen sind zuweilen erschreckend.

Hessen sieht sich in Deutschland als Vorreiter des Islamkunde-Unterrichts an staatlichen Schulen und baut dieses Angebot immer weiter aus. Im Schuljahr 2013/14 startete der Islamunterricht verteilt an 27 Grundschulen. Im vergangenen Schuljahr wurde er auf 38 Schulen ausgedehnt. Nach den Sommerferien kommen erstmals Schülerinnen und Schüler aus den dritten Klassen dazu, nachdem bisher nur Kinder aus der ersten und zweiten Klasse unterrichtet wurden. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) freut sich, dass die Zahl der muslimischen Kinder, die an der deutschen Schule in ihrem Glauben unterwiesen werden, um mehr als 50 Prozent wachsen wird. Das sei doch eine „Erfolgsgeschichte“, zitiert ihn die Frankfurter Rundschau.[1] Und diese Erfolgsgeschichte könnte – rein nach Zahlen – immer weiter gehen, denn mit den zumeist muslimischen Zuwanderern wächst auch die Zahl der schulpflichtigen muslimischen Kinder. Und dem hessischen Beispiel, islamischen Religionsunterricht regulär schon in der Grundschule anzubieten, folgen andere Bundesländer nach.

Es gilt schließlich als Beitrag zur besseren Integration, wenn die Kinder nicht nur in den Moscheen und in den Familien im Glauben unterwiesen werden, sondern den Islam auch in deutscher Sprache an der deutschen Schule kennenlernen. Da schwingt die Erwartung mit, den Kleinen werde gezeigt, dass man auch weltoffener und liberaler, als sie es vielleicht daheim kennenlernen, gottgefällig leben kann. Aber lernen sie das auch? Wer lehrt denn eigentlich welche Glaubensinhalte?

In Hessen sind es die Religionsgemeinschaften Ditib und Ahmadiyya, die das Kultusministerium für würdig befand, nach einer Vereinbarung mit dem Land, den Unterricht zu erteilen. Dabei ist es gerade bei der Ditib schon zweifelhaft, inwieweit sie nur eine Religionsgemeinschaft ist und inwieweit sie einer islamistisch-politischen Agenda folgt. Immerhin ist die Ditib eine Gründung der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet und von dieser sowohl inhaltlich als auch organisatorisch und finanziell abhängig. Die in Ditib-Moscheen predigenden Imame werden vom türkischen Staat entsandt und bezahlt. Da ist es durchaus angeraten, zu schauen, was denn die Ditib aus dem Religionsunterricht an staatlichen deutschen Schulen macht.

In Hessen wollte das ein christdemokratischer Parteifreund des Kultusministers genauer wissen. Aus der Arbeitsgemeinschaft Christlich Demokratischer Lehrer (ACDL) bekam deshalb Prof. Abdel Hakim Ourghi, Leiter des Fachbereiches Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, den Auftrag, den Ditib-Lehrplan zu untersuchen. Das neunseitige Gutachten, das bereits Ende 2014 fertig wurde, hat es in sich, weshalb es wohl eigentlich auch nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollte. Zumindest nicht, wenn es nach dem Willen der Landesregierung gegangen wäre, die das Gutachten auch bekommen hat. Der eigentliche Auftraggeber des Gutachters will den Vorgang ohnehin sehr diskret handhaben und gibt nicht einmal seinen Namen preis.

Die kurze Einschätzung zum Islam-Lehrplan verschwand also zunächst in verschiedenen Schubladen und die öffentliche Debatte, die sich sein Verfasser erhofft hatte, blieb aus. Ende August endlich gelangten Ourghis Ergebnisse durch einen Artikel in der Welt am Sonntag  erstmals in die Öffentlichkeit.[2]

Die Ditib vertritt die islamistisch-nationalistische Linie des türkischen Präsidenten Erdogan, für den jeder im Ausland lebende Türke in erster Linie Muslim und Türke bleiben soll. Assimilation gilt als Verbrechen. Eine mögliche Emanzipation der türkischen Muslime in Deutschland sieht die Religionsbehörde in Ankara und damit auch die Ditib als eine zu bekämpfende Gefahr. Findet sich dieser Geist auch im hessischen Islamkunde-Lehrplan?

Das Curriculum der Ditib, anhand dessen hessischen Grundschülern ihre islamische Religion maßgeblich erklärt werden soll, sei „keineswegs konstruktiv oder kritisch“, sagt Ourghi, im Gegenteil. Die Ditib beruft sich in ihrem Lehrplan auf den Koran und die Sunna, ohne dass der historische Entstehungskontext berücksichtigt wird. „Das ist eine sehr konservative, allein auf Weitergabe der Tradition bedachte Sichtweise“, lautet ein Fazit des Gutachters.

Die Sunna – zwei Jahrhunderte nach dem Tod Mohammeds entstanden – beschreibt, wie der Prophet den Islam vorgelebt hat und enthält auch Aufrufe zu Krieg und Gewalt. Beispielsweise: „Mir wurde befohlen, die Menschen zu bekämpfen, solange sie sich nicht zum Islam bekennen“. Unter Islamforschern ist die Sunna umstritten. Einige vermuten, diverse angebliche Aussagen des Propheten könnten aus ideologischen Gründen erfunden worden sein. Für viele konservative Muslime ist die Sunna jedoch ein Leitfaden fürs Leben. Sie plädieren dafür, Mohammeds Verhalten zu kopieren. Für Islamisten ist die Sunna wichtig zur Legitimierung ihrer Gewalttaten.

Bei der Berufung auf die Sunna ist es kaum verwunderlich, dass die Schüler auch nicht mit kritischen Koranauslegungen in Berührung kommen. „Im Lehrplan werden Koranverse, aus denen eine Ungleichheit der beiden Geschlechter abgelesen werden kann, weder angesprochen noch kritisch hinterfragt.“ Zu denken sei hier an Verse, die die Männer auf eine Stufe über den Frauen sehen, Polygamie legitimieren oder das Schlagen von Frauen erlauben. „Eine Auseinandersetzung mit diesen problematischen Stellen findet nicht statt“, sagt Ourghi, „ebenso wenig wird das Thema der Identitätsfindung der Schüler zwischen islamischem Glauben und ihrer westlich geprägten Lebenswirklichkeit angesprochen.“

Islamunterricht gibt es mittlerweile in fast allen alten Bundesländern. In Hessen ist der Ditib-Einfluss besonders groß, weil sie hier am Lehrplan mitschreiben konnte, doch entscheidende Mitspracherechte hat die Ditib auch in Niedersachsen, NRW oder Rheinland-Pfalz. Dort sitzt die türkische Staatsreligionsgemeinschaft sie in den Beiräten, die über die Unterrichtsinhalte oder die Lehrer entscheiden. Weil bislang die meisten hier lebenden Muslime türkischer Abstammung sind, erschien der Ditib-Einfluss folgerichtig. Wie bei der Islamkonferenz hat niemand hinterfragt, wie viele Muslime die staatlich hofierten Islamverbände denn eigentlich wirklich vertreten. Insofern ist der Islamunterricht an der staatlichen Schule vorrangig eine staatliche Förderung der Ditib-Indoktrination.

Gleichzeitig erfahren die, die sich viel eher als Partner für einen demokratischen westlichen Staat anbieten, keinerlei Unterstützung. Liberalere Strömungen wie der liberalislamische Bund oder das Muslimische Forum Deutschland werden derzeit in keinem Bundesland an der Verantwortung des Religionsunterrichts beteiligt. Angesichts der Radikalisierung junger Muslime im Westen und der stetig steigenden Zahl von islamistischen Kämpfern, die sich aus Deutschland dem Terror-Regime des Islamischen Staats anschließen ist das eigentlich unglaublich und unverantwortlich.

Bezeichnend ist auch die Reaktion des hessischen Kultusministeriums auf das Gutachten: „Die Autoren des Gutachtens haben offenkundig einen allgemeinen, gewissermaßen ‚überkonfessionellen‘ islamischen Religionsunterricht vor Augen, der Ausdruck eines ‚humanistischen und modernen‘ Islams und gerade nicht dem ‚konfessionellen‘ Islamverständnis einer bestimmten islamischen Religionsgemeinschaft entsprechen soll“, schreibt ein Sprecher des Ministeriums der Welt am Sonntag. Heißt das also im Umkehrschluss, dass das Kultusministerium keinen humanistischen und modernen Islam an staatlichen Schulen wünscht? Es war doch die Landesregierung, die sich Ditib ausgesucht hat, das war doch nicht alternativlos.

Ourghis Resümee klingt entsprechend bitter: Durch die Macht der Dachverbände hat sich ein konservativer Islam in Deutschland etabliert, der nicht in der Lage ist, kritisch mit seiner Vergangenheit umzugehen. Der Gutachter warnt vor allem davor, den muslimischen Dachverbänden eine Lehrerlaubnis für den Religionsunterricht zu erteilen und sie den Kirchen gleichzustellen. Dann könnte der Verband jeden prüfen, der in Deutschland Islamlehrer werden möchte, und ihm seinen religiösen Segen geben – oder eben verwehren. „Ich denke, dann würden nur noch Türken Islamlehrer werden, nur noch Frauen, die Kopftuch tragen, nur noch Vertreter, die dieselbe konservative Lesart des Islam teilen.“

[1] http://www.fr-online.de/rhein-main/hessen-mehr-schueler-im-islamunterricht,1472796,31597848.html

[2] Alle folgenden direkten und indirekten Zitate aus: http://www.welt.de/print/wams/politik/article144979431/LebenwiederProphet.html

siehe auch: http://www.deutschlandfunk.de/islamischer-religionsunterricht-mehr-aufklaerung-gefordert.680.de.html?dram:article_id=328279

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