Wer sind die falschen Syrer?

Selbst Asylkritiker betonen immer wieder, dass syrische Kriegsflüchtlinge Aufnahme finden müssen. Die Bilder des Krieges und des schrecklichen IS-Terrorregimes hat fast jeder in Deutschland vor Augen, da wächst auch bei denen Verständnis und Empathie, die ansonsten für eine harte Linie gegenüber „Wirtschaftsflüchtlingen und Scheinasylanten“ plädieren. Deshalb haben es Syrer auch bei der eigentlich immer noch illegalen Einreise in die EU und nach Deutschland nicht so schwer, wie manch andere Volksgruppe. Für sie wurden die Regelungen des Dublin-Abkommens außer Kraft gesetzt, d.h. sie werden nicht mehr in ein anderes EU-Land zurückgeschickt. Und eine Abschiebung in die Heimat ist auf absehbare Zeit ohnehin ausgeschlossen.

Keine Frage, gerade für Zuwanderungswillige, die nur geringe Chancen auf eine Asyl-Anerkennung haben, wäre es von Vorteil, Syrer zu sein. Und deshalb geben sie sich als Syrer aus. Welcher europäische Polizist, Grenzkontrolleur oder Bearbeiter eines Asylantrags kann schon zweifelsfrei einen Syrer beispielsweise von einem Ägypter oder Tunesier unterscheiden?

Doch selbst Zuwanderer aus Bangladesch, Indonesien oder Pakistan geben sich gelegentlich als Syrer aus, um in den Genuss von Vorteilen zu kommen. Die Kriegsflüchtlinge aus dem zerstörten Land sind sauer. „Es gibt hier viele Lügner, die behaupten, aus Syrien zu kommen“, empört sich der 35-jährige Syrer Ahmet Mohamet Ende August an der griechisch-mazedonischen Grenze. „Sie versuchen, die Polizei auszutricksen, damit diese sie über die Grenze lässt“, beschwert er sich bei Journalisten.[1]
Als es Ende August an der mazedonischen Grenze Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen und Polizisten gab, sollen daran auch zunächst nur „falsche“ Syrer beteiligt gewesen sein, zum Leidwesen der „echten“ Syrer. „Es waren Iraker, die diese Sache angezettelt haben“, erzählte einer von ihnen damals dem „Donaukurier“. „Sie haben Steine auf die Polizisten geworfen.“ Anschließend habe es ein Handgemenge zwischen den Irakern, also den „falschen“ und den „echten“ Syrern gegeben. „Ich denke, es wäre sehr einfach, dieses Problem zu lösen, wenn die UN Vertreter zur Registrierung schicken würden“[2], sagte der 45-jährige Ratim damals. Aber inzwischen gibt es ja oftmals auf dem Weg nach Deutschland schon gar keine Registrierung mehr. Immerhin berichtete der Donaukurier von einem kaum zur Kenntnis genommenen Vorgang. Aus Protest gegen das Gebaren der „falschen“ Syrer grenzten sich rund tausend „echte“ Syrer mit einer Sitzblockade vom Rest der Menge ab. Als die Polizei kam, hielten sie ihre Pässe in die Höhe, um ihre Nationalität zu beweisen.

Doch der Pass hat nicht mehr viel zu sagen. Zum einen reist ein großer Teil der Asylbewerber ohne echte Papiere in Deutschland ein. Da kann sich jeder leicht eine neue Identität erfinden. Selbst wer einen syrischen Pass vorweisen kann, beweist damit noch gar nichts. In dem weitgehend zusammengebrochenen Staat ist es kein allzu großes Problem, an echte Blanco-Pässe zu kommen. Dazu muss man auch nicht in Syrien gewesen sein. Offenbar gibt es einen regen Pass-Versandhandel. Die Personaldokumente werden in Paketen nach Deutschland geschickt. Der Zoll soll bereits mehrfach Pakete sowohl mit echten als auch mit gefälschten syrischen Pässen entdeckt und beschlagnahmt haben.[3]

Vor allem floriert der Handel mit syrischen Pässen in der Türkei. So reist manch falscher Syrer schon mit einem echten syrischen Pass nach Europa. Nur die vermeintlichen Landsleute wären in vielen Fällen in der Lage, den Schwindel zu erkennen.

Noch problematischer ist die Frage, wer sich hier unter falscher Staatsbürgerschaft so einreist. Nordafrikanische Wirtschaftsflüchtlinge wären ja vergleichsweise harmlos. Auch Kämpfer aus der multiethnisch zusammengesetzten Truppe des Islamischen Staats könnten sich problemlos syrische Pässe für einen Trip nach Europa ausstellen. Genügend frühere Passämter dürften sie besetzt haben.

Natürlich wäre die Forderung folgerichtig, die syrischen Flüchtlinge genauer zu prüfen, ob sie Syrer sind. Ein System aber, dass gegenwärtig nicht einmal die Erstregistrierung der Asylbewerber nicht ohne Verzögerungen schafft, ist damit eindeutig überfordert.

[1] http://www.donaukurier.de/nachrichten/topnews/Idomeni-Falsche-Syrer-mit-Ziel-Europa;art154776,3114178

[2] Ebd.

[3] http://www.mdr.de/mdr-info/syrische-paesse100.html

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