Geräumte Schulen

Bislang wurden nur ehemalige Schulgebäude für die Unterbringung von Asylbewerbern genutzt. Schüler mussten allenfalls ihre Schulturnhallen räumen, um Notunterkünften Platz zu machen. Doch das reicht nicht mehr. Nun müssen Schüler auch damit rechnen, von einem Tag auf den anderen zwangsweise die Schule zu wechseln, weil ihr bisheriges Schulhaus zur Flüchtlingsunterkunft umgewidmet wurde.

Für die Schüler der Jahn-Realschule im westfälischen Lübbecke und deren Eltern begann diese Schulwoche mit einer bis dato unvorstellbaren Nachricht: Es gibt in diesem Hause ab sofort keinen Unterricht mehr, hieß es am Mittwoch ohne jede Vorwarnung. Bis zum Wochenende falle der Unterricht aus und am Montag hätten sich die Schüler in der Pestalozzi-Schule einzufinden, zu der sie künftig ersatzweise gehören. Die Jahn-Schule werde zur Flüchtlingsunterkunft.

Verfügt hat diese Maßnahme das Landratsamt, aber natürlich hat dort niemand gern diesen Beschluss gefasst. Doch anders bekommt der Landekreis die Zuwanderer, die ihm zugeteilt werden, nicht mehr untergebracht. Dennoch versuchen die Mitarbeiter, diese Notstands-Politik in schöne Worte zu kleiden. Kreisdirektorin Cornelia Schöder, die Leiterin des Stabes für Flüchtlingsfragen, verkündete in der Mindener Kreiszeitung: „Wir möchten den Weg im Sinne der Schüler in enger Absprache mit der Schule und gerade auch der Elternschaft gehen“.[1]

Die „enge Absprache“ bedeutet konkret, dass die betroffenen Eltern zu einer Informationsveranstaltung eingeladen wurden, die stattfindet, wenn schon die ersten Asylbewerber in die Schule ihrer Kinder eingezogen sind. Wahrscheinlich steigert die beschönigende Rhetorik den Unmut nur. Wenn Notstand herrscht, dann sollte man auch offen von Notstand reden.

Lübbecke ist kein Einzelfall. Im thüringischen Heiligenstadt hatte der Landrat noch kurz vor Beginn des neuen Schuljahres die Räumung einer Förderschule für lernbehinderte Kinder verfügt, damit dort Asylbewerber einziehen können. Die bisherigen Schüler des Förderzentrums werden auf verschiedene Schulstandorte in anderen Gemeinden aufgeteilt. Die Eltern sind wütend, vor allem weil es allein in Heiligenstadt sichtbaren Wohnungsleerstand gibt. Doch sie merken, dass die Resonanz auf ihren Protest eher verhalten bleibt. Die Furcht, in die rechte Ecke gestellt zu werden, ist deutlich spürbar.

Wenn das Beispiel, aktive Schulen für die Unterbringung von Zuwanderern zu räumen, Schule macht, steuern die Verwaltungen allerdings nicht nur auf Konflikte mit Eltern und Nachbarn zu. Wenn auch meint, den Einheimischen noch viel zumuten zu können, so droht auch wegen der Zuwanderer mancherorts eine Schulplatz-Knappheit. Dort, wo Familien mit schulpflichtigen Kindern ankommen, müssen diese auch in die Schule gehen können. In manchen Orten in Brandenburg haben Zuwandererkinder schon dafür gesorgt, dass Schulen, deren Schließung bereits feststand, wieder reaktiviert werden mussten. Selbst wenn man also nach dem Motto „Flüchtlinge zuerst“ verfährt, werden die Schulen als Schulen gebraucht und nicht als Notunterkünfte.

[1] http://www.kreiszeitung.de/lokales/minden-luebbecke/luebbecke-ort120641/jahn-realschule-luebbecke-wird-zweite-notunterkunft-kreises-5533398.html

3 Kommentare

  1. Jürgen Gabriel

    Ein Lehrstück aus der Abteilung: „Wie bringe ich Menschen dazu, fremdenfeindlich zu wirken“.
    Immerhin hat dann der Kampf gegen Rechts wieder neue Ziele – solange bis das System kollabiert.
    Es werden solange Menschen geopfert, bis nichts mehr geht oder man sich wehrt.
    Aber das man dies behinderten Kindern zumutet, deren Eltern ja ohnehin froh sind einen Platz für ihre Kleinen zu finden ist wirklich bodenlos. Da war viel Platz und wenig Beteiligte die sich wehren. Und wer sich wehrt wird ausgegrenzt und dämonisiert.
    Traurig – vor allem wenn 4 von 5 Flüchtlinge keine Syrer oder Iraker sind sondern nur Opportunisten.

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  2. Erik

    In einem Altenheim sollen Bewohner zusammengelegt worden sein damit…

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  3. L.Baecker

    Dazu fällt mir nichts mehr ein.

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