Rückkehr zur Moschee?

Regierungsnahe türkische Kreise überlegen, die Hagia Sophia, das bedeutende Museum und ehemalige Gotteshaus zweier Religionen zu reislamisieren.

 Darüber, welches Verhältnis der Gründungsvater der Türkischen Republik, Kemal Atatürk, zum Islam hatte, wird gern gestritten. Oft wird ihm folgendes Zitat zugeschrieben: „ „Der Islam gehört auf den Müllhaufen der Geschichte. Diese Gotteslehre eines unmoralischen Beduinen ist ein verwesender Kadaver, der unser Leben vergiftet”. Es verwundert kaum, dass türkische Islamisten dies energisch bestreiten, denn der sakrosankte Staatsgründer kann ja kein Islamkritiker gewesen sein. Sie verweisen gern auf andere Zitate über die wichtige Rolle der Religion. Dass er Religionsschulen schloss und den Koran nach der Einführung der lateinischen Schrift ins Türkische übersetzen ließ, zeigt aber doch deutlich, dass sich sein Religionsverständnis kaum mit dem des gegenwärtigen Ministerpräsidenten Erdogan vertragen hätte.

Es geht auch auf Atatürks Anregung zurück, dass die Hagia Sophia 1934 von einer Moschee zum Museum umgebaut wurde. Die einstige Sophienkirche in Konstantinopel war Staatskirche der byzantinischen Herrscher. 1203 wurde das Gotteshaus nach der Besetzung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer katholisch. Und nachdem Sultan Mehmet 1453 in Konstantinopel einmarschierte, begann der Umbau zur Moschee Hagia Sophia.

Atatürks Eingriff säkularisierte nicht einfach nur eine der bedeutendsten Moscheen Istanbuls, sondern mit dem Umbau zum Museum wurden auch alle erhaltenen baulichen Spuren der Sophienkirche wieder gezielt sichtbar gemacht. Die Nutzung der Hagia Sophia zu religiösen Handlungen ist seither verboten. Als Papst Benedikt XI. Im Jahr 2006 das ehemalige Gotetshaus besuchte, spekulierte ein Teil der türkischen Presse hinterher, ob er hier trotzdem heimlich ein Gebet gesprochen hätte.

Das könnte bald Geschichte sein, denn die nicht mehr ganz so schleichende und fortschreitende Islamisierung, der der Ministerpräsident Erdogan die Türkei unterwirft, erreicht vielleicht demnächst auch dieses Istanbuler Wahrzeichen.

Die Anzeichen dafür mehren sich. Zuerst sagte es Vizepremier Bülent Arinc Anfang des Jahres in einer Rede. Die „traurige Hagia Sophia“ solle wieder ihrer göttlichen Bestimmung dienen, sagte Anrinc. Jetzt veröffentlichte die als regierungsnah geltende Zeitung Yeni Safak auch detailliertere Vorstellungen, wie die Hagia Sophia als Moschee genutzt werden soll. Ganz aussperren möchte man die Touristen nicht. Für sie werden in den frühen Morgenstunden auch noch die christlichen Mosaiken und Fresken aus der Zeit als Sophienkirche zu sehen sein. Zum Mittagsgebet allerdings sollen sie mit einer speziellen Lichttechnik bis zur Unkenntlichkeit verdunkelt werden.

Selbst wenn die Erdogan-Getreuen noch zögern sollten, jetzt werden sie getrieben. Denn die Anhänger des einflussreichen Fethullah Gülen, dessen Bewegung lange zu den wichtigen Stützen Erdogans zählte, haben sich der Sache ebenfalls angenommen. Seit einiger Zeit hat sich Erdogan mit Gülen überworfen und versucht dessen Einfluss mit allen Mitteln zu begrenzen. Dass kürzlich ein Gülen treuer Parlamentsabgeordneter einen Antrag eingebracht hat, die Hagia Sophia wieder zur Moschee umzugestalten, kann dazu führen, dass die islamistischen Rivalen nun darum wetteifern, wer sich am stärksten für die Reislamisierung der Hagia Sophia eingesetzt hat.

Stephan Friedrichs

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