Zwölf Jahre aktuell

Eigentlich ist es unglaublich, dass sogar in der Tagesschau – einst Flaggschiff deutscher Fernsehnachrichten, mithin eine journalistische Institution dieser Bundesrepublik, Manipulationen mit falschem Bildmaterial möglich sein sollen. Doch nach eigenem Eingeständnis haben sie einen Bericht über eine eher schwächer besuchte Lichterkette für Flüchtlinge mit einem Bild einer gut besuchten Lichterkette gegen den Irak-Krieg aus dem Jahr 2003 unterlegt. Ein Fehler, der schon mal passieren kann?

Der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ist in der Tagesschau vom 17. Oktober etwas Merkwürdiges aufgefallen.[1] Ausgerechnet eine Zeitung, die im Weltbild eines jeden öffentlich-rechtlichen Redakteurs so weit rechts angesiedelt ist, dass sie in den Bereich der Unberührbaren gehört, entdeckt einen schweren Fehler. Die meisten Zuschauer werden – geschockt von der Nachricht über das Kölner Messerattentat auf Henriette Reker – bei dem kurzen Stück über die Berliner Lichterkette für Flüchtlinge nicht so genau hingesehen haben. Was lief, war schließlich das Erwartbare. Man sah viele Menschen, die mit Kerzen eine Menschenkette quer durch die Stadt bildeten, um für „mehr Solidarität mit Flüchtlingen“ zu demonstrieren. Ganz im Sinne unserer Wir-schaffen-das-Kanzlerin. Aufgerufen hat ein gefühltes Allparteienbündnis aus CDU, SPD, Linken, Grünen und Piraten, sowie allen namhaften Gewerkschaften und zahlreichen weiteren Vereinigungen.[2] Die guten Deutschen sollten sich einmütig zur Politik ihrer Regierung und der Aufnahme aller Asylbewerber bekennen. Das war das Bild, das die Initiatoren der Welt zeigen wollten.

Gerade die Planer einer besseren Welt, sei es im Großen oder im Kleinen, machen oft die unschöne Erfahrung, dass sich die Menschen und die Wirklichkeit freiwillig einfach nicht so verhalten wollen, wie es gut und richtig wäre. 30000 Teilnehmer und eine lückenlose Lichterkette waren für den guten Zweck geplant, doch nur schätzungsweise 8000 kamen. Zwar sprachen die Veranstalter immer noch von 20000[3], die sich eingereiht hätten, aber die aktuellen Bewegtbilder zeigten leider etwas anderes. Zum Glück können Archivbilder auch aus einer lückenhaften Lichterkette optisch noch eine Massenveranstaltung machen. Schließlich gab es 2003 an gleicher Stelle schon einmal eine solche Veranstaltung – damals aus Protest gegen den Irak-Krieg – zu der tatsächlich 100000 Menschen kamen. Die Tagesschau sendete nun die kurze Nachricht von der Lichterkette mit einem 12 Jahre alten Bild vieler Teilnehmer. Hat die immer noch wichtigste deutsche Nachrichtensendung – ganz wie in billigen Propaganda-Kanälen – die traurige Wirklichkeit einfach mit den Archivalien von 2003 aufgehübscht? Ein ungeheuerlicher Verdacht, den die verantwortliche Redaktion von ARD-aktuell zurückweist. Man hätte das Bildmaterial nur aus der Berichterstattung des regionalen RBB übernommen, schreibt Chefredakteur Kai Gniffke. „In dieser Sendung wurde auch Archivmaterial aus dem Jahr 2003 verwendet, aus dem auch in der Tagesschau insgesamt rund 3 Sekunden gezeigt wurden. Während im RBB im Text darauf hingewiesen wurde, dass es sich um Archivmaterialhandelt, unterblieb in der Tagesschau dieser Hinweis.“[4]

Dass man in den drei Sekunden einen Rückblick auf 2003 machen wollte, ist allerdings auszuschließen, weshalb das Bild mit dem Hinweis, dass es sich um Archivmaterial handelt, gar keinen Sinn in dem aktuellen Beitrag gehabt hätte.

Wahrscheinlich hat man das Bild einfach mitgenommen, weil es inhaltlich gut aussah und passte. Nach dem Alter hat lieber keiner gefragt, obwohl man eigentlich aufgrund der Entwicklung der technischen Standards in den letzten 12 Jahren einen Unterschied hätte erkennen müssen.

Als Zuschauer, dem das am 17. Oktober nicht aufgefallen war, hat man keine Chance mehr, noch einmal hinzuschauen, denn die ARD hat das Stück aus der Mediathek entfernt. „Der Beitrag zur Lichterkette darf aus redaktionellen Gründen nicht gezeigt werden, da in diesem Beitrag irrtümlich drei Sekunden Archivmaterial enthalten war, das wir nicht gekennzeichnet haben“ [5], steht jetzt auf der Seite. Es wäre vielleicht ehrlicher, das Stück mit einem entsprechenden Hinweis zu zeigen. Vielleicht wäre es dann einfacher, nachzuvollziehen, wie bewusst oder unbewusst den Kollegen hier ein Fehler unterlaufen ist.

[1] Die Junge Freiheit berichtet es hier als eigene Recherche: https://jungefreiheit.de/kultur/medien/2015/ard-manipulierte-bericht-ueber-lichterkette-fuer-fluechtlinge/. Focus-.Online berichtet darüber, ohne die Junge Freiheit als Quelle zu nennen.

[2] http://www.berliner-lichterkette.de/

[3] http://www.berliner-lichterkette.de/news/aktuelle-pressemitteilung-zur-berliner-lichterkette-fuer-fluechtlinge/

[4] http://www.focus.de/kultur/medien/ard-aktuell-chefredakteur-gibt-zu-versaeumnis-bedauern-wir-ard-verfaelschte-bericht-ueber-fluechtlinge_id_5029327.html

[5] https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-10673.html

1 Kommentar

  1. dentix07

    Diese, um es zurückhaltend zu formulieren, tendenziöse „Berichterstattung“ ist in den ÖR wahrlich nichts Neues.
    Einst Carmen Thomas („Hallo, Ü-Wagen!“; WDR 2) die nur reden/aussprechen ließ wer ihre Meinung vertrat. Während „Nobby“ Blüms Jahrhundert-Gesundheitsreform (die nicht mal 3 Jahre Bestand hatte) ein WDR-Fernsehbeitrag bei dem Politik und Kassen je 30 Sekunden Statement eingeräumt wurde, dem interviewten Zahnarzt nur 10 Sekunden, bei herausgeschnittener zentraler Aussage. Aussage des zur Rede gestellten Journalisten: „Dafür kann ich nichts! Das war mein Redakteur, der meinte es würde ansonsten zu zahnarztfreundlich!“
    (Der Fall war mein Weckruf bezüglich Neutralität und Objektivität der ÖR!)
    Die Tagesschaumeldung zum 2 Jahrestag des Tsunamis in Japan, in der im Text suggeriert wurde die Zigtausende Todesopfer wären Folge des Reaktorunfalls!
    Jetzt die Manipulation von Bildern und Filmaufnahmen zur Lichterkette, kurz zuvor der Flüchtlingszug in den
    deutlich sichtbar fast nur junge Männer einsteigen, am Ende (angeblich wurde der Zug vom Team begleitet) aber fast nur Familien und Fauen und Kinder aussteigen.
    Die nicht genannten Vorgaben und Einschränkungen durch die Hamas bei der „Berichterstattung“ z.B. aus Gaza während protective edge, usw. usw.

    Nahezu Gleiches bei den anderen Medien! Man erinnere sich an den italienischen Journalisten, der dadurch daß er Bilder (Intifada) aus anderer Perspektive schoß, die später durch die Medien verbreiteten Bilder, als gestellt entlarvte.
    Die Bilder die die israelischen Stromsperren in Gaza belegen sollten: Gaza-Parlament in einem dunklen Klassenraum. Die Anwesenden mit brennenden Kerzen vor sich! Bloß wer genau hinsah entdeckte hinten rechts den Spalt in den Vorhängen durch den Sonnenlicht einfiel!
    Die dunkle Straße mit dem Zug mit brennenden Fackeln Protestierender! Links mittig die leuchtende Neonwerbung eines Frisörladens, hinten, in der Querstraße leuchtende Straßenlaternen!

    Und da wundern die sich über „Lügenpresse“!

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.