Wer erfriert zuerst?

Mit ihr werde es keinen obdachlosen Flüchtling geben, hatte die Dresdener Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke) im Hinblick auf den nahenden Winter jüngst verkündet. Für obdachlose Einheimische gab es keine solchen warmen Worte zum Geleit in die kalte Jahreszeit. Doch auch für sie wird es Winter und es stellt sich die Frage nach warmen Plätzen in frostigen Nächten. Hat in dem Wir-schaffen-das-Rausch keiner daran gedacht, dass spätestens mit der Kälte die Flüchtlinge und die Obdachlosen zwangsläufig in eine furchtbare Konkurrenz um die grundlegendste Sozialfürsorge getrieben werden, wenn man für die einheimischen Armen kein adäquates Programm startet? Oder kommt nur, wie bei der Bahn, der Winter einfach wieder vollkommen unerwartet?

In Dresden, der Stadt der fürsorglichen Sozialbürgermeisterin, gibt es für Obdachlose in jedem Winter die sogenannten Nachtcafés. Ab 1. November bieten diese kirchlichen Einrichtungen im Wechsel etwa 25 nächtliche Ruheplätze an, wie der Sprecher der Nachtcafé-Koordinatoren, Gerd Grabowski, sagt. Es sei wegen des Flüchtlingsstromes aber unklar, ob die Kapazitäten reichten. „Wir bereiten uns darauf vor, auch gestrandete Asylsuchende für eine Nacht aufzunehmen.“[1] Doch wie wird entschieden, wenn es nicht reicht? Wer wird nach draußen in die Kälte geschickt? Wer zu spät kommt, den bestraft die Kälte? Oder dürfen die frierenden Flüchtlinge in Dresden zu Genossin Kaufmann geschickt werden?

Während die Wir-schaffen-das-Parolen oft auch damit begründet werden, dass Deutschland doch so ein reiches Land sei, geht die massenhafte Aufnahme von Asylbewerbern zuerst zu Lasten der Armen. Und zuallererst der Obdachlosen bzw. derer, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Eine unschöne Tatsache, die man gerade angesichts der ins Asylkritische tendierenden Stimmung in der Bevölkerung gern verdrängen würde. In den Medien kommt dieses Thema deshalb kaum vor, oder nur etwas verdruckst. Die taz konnte nun nicht umhin, bei einem Ausflug in die Welt von Hamburger Obdachlosen aus Anlass des Beginns der Kältehilfe am 1. November, auch deren Meinungen zur „Flüchtlingskrise“ zu zitieren. Aus der Perspektive von Einheimischen, die nichts besitzen, hört sich die Wir-schaffen-das-Romantik offenbar nur noch zynisch an.

„Die Ausländer nehmen uns die Plätze weg. Was wollen die alle hier?“, fragt Rudi mit Blick auf die immer längere Schlange vor der Essensausgabe „seines“ Obdachlosen-Tagestreffs. Neben Rudi am Tisch sitzt Andy, ein kräftiger Kerl mit langem Schnauzbart, tätowierten Armen und St.-Pauli-Mütze. Er hat dazu auch so einiges zu sagen. „Alles kriegen die hinterhergeschoben und am Ende meckern sie, weil ihnen das Essen hier nicht schmeckt“.

 „Ich krieg keinen Platz zum Pennen, denn die Flüchtlinge, die Ausländer, die haben immer Vorrang“, sagt Rudi. Ausländerfeindlich sei er nicht und die Kriegsflüchtlinge, „denen es richtig dreckig geht in Syrien“, die müsse Deutschland natürlich aufnehmen, Wirtschaftsflüchtlinge sollten aber gar nicht erst einreisen dürfen. „Wie soll ich denn sonst eine Wohnung bekommen, wenn die nun alle kommen?“ In seinen trüben braunen Augen sitzt die Angst. [2]

Spätestens im September brachen den meisten Obdachloseneinrichtungen die Spendengelder weg, seither kommt kaum noch Geld an. Auch Kleiderspenden mit Winterkleidung gehen fast ausschließlich an Asylbewerberunterkünfte. „Ich weiß nicht, wie es nach Weihnachten weitergehen soll“, sagt die Leiterin des Obdachlosentreffs von Rudi und Andy. Die Weihnachts-Spendengelder müssten normalerweise immer reichen, um für die spendenärmeren Sommermonate vorzusorgen. Doch jetzt flössen die Spenden woandershin. „Die Menschen spenden eben für die Themen, die medial präsent sind. Obdachlose fallen da leider schnell durchs Raster“.[3]

Auch in Berlin beginnt mit dem 1. November die Kältehilfesaison  für Obdachlose. Auch hier zeigt sich, dass sie ein doppeltes Problem haben. Zum einen müssen die Helfer erst einmal die Räume finden, in denen sie Schlafplätze für Obdachlose einrichten können. Das war schon immer ein Problem, da ist es schon ein bisschen bitter, zu sehen, was politisch möglich ist, wenn es um die Akquise von Unterkünften für Asylbewerber geht. Zum anderen ist das Sozialamt mit den Asylbewerbern so überfordert, dass man diese von dort gerne zu den Obdachlosenunterkünften schickt. Keiner der Obdachlosen-Helfer möchte Flüchtlinge und Arme gegeneinander ausspielen, doch die einheimischen Notleidenden dürfen bei aller Wir-schaffen-das-Kraftanstrengung nicht vergessen werden. Für die Berliner Kältehilfe wird es jedenfalls immer schwerer Notübernachtungsplätze einzurichten. Ein existenzielles Problem. „Wir sind hilflos, weil wir keine Räume finden“, sagt Karen Holzinger, bei der Berliner Stadtmission für die Kältehilfe zuständig.[4]

„Bisher waren wir noch nicht an dem Punkt, an dem wir keinen mehr eingelassen haben. Aber die Enge ist für alle Gäste und Mitarbeiter eine enorme Belastung.“ Und jetzt stehen trotz aller akquirierten Asylbewerberunterkünfte immer mehr Flüchtlinge vor der Tür. „Es gibt welche, die eine Anerkennung haben, aber keine Wohnung finden. Auf diese Menschen sind wir gar nicht vorbereitet. Und die soziale Wohnhilfe in den Bezirken auch nicht.“ Und ja, „es gibt zunehmend Gewalt in den Einrichtungen“, sagt Holzinger.[5]

Vor Beginn der Kältehilfe, in den ganzjährigen Obdachlosenunterkünften, gab es allerdings sehr wohl schon die Situation, dass Schlafplatzsuchende abgewiesen werden mussten.

„An bestimmten Tagen müssen wir bis zu 350 Menschen abweisen. Das kannten wir früher nicht.“, sagt Jürgen Mark, Leiter einer Obdachlosenunterkunft mit 73 Betten in der Berliner Franklinstraße dem Tagesspiegel. Wenn diese 73 Betten belegt sind, muss er dicht machen, aus Brandschutzgründen. „Unter den Abgewiesenen sind viele Flüchtlinge“, sagt Mark. Sie kommen, weil sie in anderen Heimen nicht unterkommen oder weil das Sozialamt keinen Platz für sie hat und sie zur Franklinstraße schickt. Dann stehen sie vor der Tür mit anderen Obdachlosen, die seit Jahren kommen. „Unser früherer Kundenkreis ist ja nicht weg“, sagt Mark. Wenn er Obdachlose mit deutschem Pass abweist, hört er immer öfter: „Aber die Kanaken dürfen rein, ja?“ Es ist die derbe Sprache der Straße. „Die Fremdenfeindlichkeit nimmt zu“.[6]

 

[1] https://mopo24.de/nachrichten/kirche-dresdner-nachtcafe-oeffnen-fuer-obdachlose-22856

[2] http://www.taz.de/Winternotprogramm-fuer-Obdachlose/!5242791/

[3] Ebd.

[4] http://m.tagesspiegel.de/berlin/schlafplatzmangel-in-berlin-fluechtlinge-und-obdachlose-stehen-in-konkurrenz/12511166.html?utm_referrer=

[5] Ebd.

[6] Ebd.

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