Rassistische Erreger

Flüchtlinge würden ansteckende Krankheiten einschleppen, heißt es gern bei Rechten und Asylgegnern. Wenn das ein Argument der Rechten gegen Flüchtlinge ist, dann darf man auch bei tatsächlich auftretenden Infektionen möglichst nicht über kranke Asylbewerber reden. Wenn es um ansteckende Krankheiten geht, ist das Herunterspielen aber ein fataler Irrweg. Denn ein verbales Gesundbeten statt Diagnose und gegebenenfalls der richtigen Behandlung schadet sowohl dem Flüchtling als auch seinen Helfern. Ideologische Reflexe sind dennoch leider oft stärker.

Man kann es vielleicht als Einzelfälle abtun, dass allein in den letzten Tagen bei zwei Mitarbeiterinnen des Dresdener Sozialamts, die sich um Asylbewerber kümmerten, offene TBC diagnostiziert wurde, ebenso wie bei einem Flüchtling in Dresden[1], zwei Männern und einem Kind in einer Asyleinrichtung im Weimarer Land[2], einem Flüchtling in einer Krefelder Turnhalle[3] oder einem asylsuchenden Patienten in Schwäbisch Gmünd[4]. Hätte es damals zur Vogel-Grippe-Saison so viele Einzelfälle in Deutschland gegeben, die allgemeine Hysterie wäre zur Höchstform aufgelaufen. Aber wir wollen hier ja einem Dramatisierungswettbewerb gerade nicht das Wort reden.

Es geht nur darum, Bescheid zu wissen. Viele Menschen fragen sich, ob sie von allen Fällen erfahren? Auch die medizinische Untersuchung und Betreuung der Flüchtlinge hat immer mehr Lücken. Wie bei der Registrierung lässt sich auch die medizinische Versorgung der ankommenden Massen kaum noch bewältigen. Wer dann wohlmeinend versucht, ein solches Problem kleinzureden, um keine Ressentiments und Ängste vor den Fremden zu stärken, tut genau das.Wo man das Verschweigen argwöhnt, blühen die wildesten Gerüchte. Die Behörden haben es nicht unbedingt aus freien Stücken mitgeteilt, wenn es einen TBC-Fall im Umfeld von Flüchtlingen gab. Auch in Dresden hat die Stadt erst auf die konkrete Anfrage von Radio Dresden reagiert. Und was die Kollegen dann von der Stadt gehört haben, klingt nicht gerade beruhigend:

Das Sozialamt teilte auf unsere Anfrage zu den Fällen mit, dass nach der Zuweisung eines georgischen Asylbewerbers mit offener (infektiöser) TBC im Dezember 2013 die potentiellen Kontaktpersonen im Nachgang auf TBC untersucht wurden. Im Ergebnis der Untersuchung wurde festgestellt, dass zwei Mitarbeiterinnen des Sachgebietes Ausländer/Aussiedler des Sozialamtes an latenter TBC leiden. Es ist nicht nachweisbar, wo die Ansteckung erfolgte. Die betroffenen Mitarbeiterinnen hatten in ihrem privaten Umfeld gleichwohl keinen wissentlichen Kontakt mit an TBC erkrankten Personen, so dass die Ansteckung in Ausübung des Dienstes im Bereich des Möglichen liegt, teilte das Sozialamt mit.[5]

Die beiden Mitarbeiterinnen waren also unwissentlich schon zwei Jahre an TBC erkrankt. Eigentlich ein alter Fall, der nichts mit der gegenwärtigen Masseneinwanderung zu tun hat. Ja, aber er zeigt auch, dass längst nicht alle Infektionsfälle zeitnah erkannt und registriert werden. Dresden hat außerdem auch einen aktuellen Patienten zu bieten und der wirft kein gutes Licht auf die angeblich obligatorischen Untersuchungen. Hören wir noch einmal Radio Dresden:

Weiter heißt es: Unter den in der 43. Kalenderwoche 2015 zugewiesenen Personen befand sich ein Asylbewerber mit offener TBC. Diese Erkrankung wurde jedoch erst im Nachgang bekannt. Damit hat die Landesdirektion Sachsen entgegen ihrer Zusage gehandelt, keine Flüchtlinge ohne vorherige Erstuntersuchung zuzuweisen. Die Einhaltung dieser Zusage wurde erneut und mit allem Nachdruck gegenüber der Landesdirektion eingefordert.[6]

Wie hoch wird wohl die Zahl derer sein, die ebenso mit unerkannten ansteckenden Krankheiten unterwegs sind? Das kann kaum jemand schätzen, wie es ja auch zu Zahl, Zusammensetzung und Identität der unzähligen Asylbewerber kaum verlässliche Zahlen gibt.

Aber man sollte sich doch auf Krankheiten vorbereiten, das Problem erkennen. Es hat doch nichts diskriminierendes, wenn man den Fakt zur Kenntnis nimmt, dass Flüchtlinge, die aus Kriegsgebieten kommen, in denen die medizinische Versorgung weitgehend zusammengebrochen ist und in denen kaum ein Mensch angemessen untersucht oder gar behandelt werden kann, ansteckende Krankheiten mitbringen können, mit denen wir sonst kaum noch zu tun haben.

Doch um die Stimmung gegenüber Flüchtlingen nicht noch mehr kippen zu lassen redet keiner darüber, was zuerst den kranken Asylbewerbern und den ansteckungsgefährdeten Mitbewohnern und Helfern schadet. Um keine Ängste zu schüren, hat sich die Kreisverwaltung im Weimarer Land beispielsweise geweigert, mitzuteilen, in welchen Orten denn ihre drei TBC-Fälle aufgetreten sind.

Und so funktionieren auch angesichts der Notwendigkeit, Krankheiten zu erkennen und zu behandeln, noch die gewohnten Reflexe. Wenn beispielsweise Dr. Ralf Mütterlein von der Klinik für Lungen- und Bronchialheilkunde in Parsberg gegenüber Spiegel TV die Vermutung äußert, dass 8000 bis 10 000 Flüchtlinge in Deutschland an Tuberkulose erkrankt sein könnten, reagiert ein Mitarbeiter der Mainzer Flüchtlingshilfe sofort: „Schwachsinn“ sei diese Annahme.[7]

„Schwachsinn“ ist noch eine vergleichsweise harmlose Diagnose. „Das ist eine ganz gefährliche Stimmungsmache, die wir aufs schärfste kritisieren und zurückweisen“[8], sagt die Landrätin des brandenburgischen Landkreises Teltow Fläming, Kornelia Wehlan (Linke). Sie bezieht sich auf eine Äußerung des Bürgermeisters von Jüterbog, einer Stadt in ihrem Kreis. Der parteilose Arne Raue warnte die Bürger seiner Stadt „ausdrücklich“ vor dem Kontakt mit Asylbewerbern. Er sei von einer Ärztin darauf hingewiesen worden, „dass schon bei geringfügigem Kontakt mit Neuankömmlingen Gefahr von Infektionskrankheiten besteht“, auch solche, gegen „die es leider keine wirksame Impfung gibt und die in vielen Entwicklungsländern noch weit verbreitet sind“, etwa Tuberkulose. Für das städtische Personal werde er Impfungen anbieten, erklärte er in einer Mitteilung.

Regionale Medien berichten, dass der Bürgermeister schon auf Facebook mit asylkritischen Beiträgen aufgefallen sein soll. Also ist er ein Rechter, der die Krankheiten der Flüchtlinge politisch ausschlachtet? Ich weiß es nicht, aber selbst wenn, ist die große Empörung wenig hilfreich. Denn das führt dazu, dass das Thema lieber gemieden wird.

Das Gesundheitsministerium verweist darauf, dass das Robert Koch-Institut (RKI) derzeit keine erhöhte Infektionsgefährdung durch die Asylsuchenden sieht. 90 Prozent der erkrankten Asylsuchenden hätten sich erst in Deutschland angesteckt. Ja und bei wem? Das spricht doch eigentlich für die Gefahr einer Verbreitung. Nein, es soll selbstverständlich keine Hysterie geschürt werden. Nur dort, wo es Probleme gibt, muss man darüber endlich sprechen. Nur dann, um es noch einmal zu wiederholen, werden wild wuchernde Gerüchte nicht so schnell geglaubt. Und Gerüchte düngen Vorurteile und Ressentiments viel stärker als Informationen.

Siehe auch hier: http://www.welt.de/gesundheit/article148378154/Fluechtlinge-erst-einmal-ins-Einzelzimmer.html

 

[1] http://www.radiodresden.de/nachrichten/lokalnachrichten/mitarbeiterinnen-des-sozialamtes-an-tbc-erkrankt-1177924/

[2] http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Drei-Faelle-von-Tbc-in-der-Region-Apolda-1260722655

[3] http://www.wz-newsline.de/lokales/krefeld/fluechtling-an-tbc-erkrankt-1.2051121

[4] https://www.schwaebische-post.de/account/login/?aid=840401

[5] Siehe Fußnote 1

[6] Ebd.

[7] https://merkurist.de/mainz/gesellschaft/update-tuberkulose-faelle-in-mainz_jZ

[8] http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/1022552/

2 Kommentare

  1. Willi

    Der Arzt ist anscheinend nicht gut in Mathe.Im TV Bericht wurde doch gesagt das 10-15% der Asylbewerber TBC haben.Das sind jetz rund 100000 TBC erkrankte,bei Kosten von ca. 200000 macht das 20 Milliarden Euro Behandlungskosten.

    Antworten
  2. Pingback: Kriminalisierung, Kreuzfahrtschiffe und Kranke | sichtplatz.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.