Wo ist denn der Feind?

Also jetzt haben wir doch tatsächlich Krieg? Nicht nur in Frankreich sprechen Präsident, Ministerpräsident und Präsidentschaftskandidat vom Krieg. Sogar der deutsche Bundespräsident verwendet das Wort im Hinblick auf die Folgen des Angriffs auf Paris, passenderweise in seiner Rede zum Volkstrauertag. Die Bundesregierung versichert, man werde fest an der Seite Frankreichs stehen. Wir haben also Krieg und wollen ihn tatsächlich auch führen? Gut, wenn einem der Krieg erklärt wird – und ein solcher Angriff, wie der Massenmord in Paris ist durchaus eine Kriegserklärung – hat man kaum eine Wahl. Grob gesagt, kann man in einem solchen Fall eigentlich nur kämpfen oder sich zurückziehen und damit kapitulieren. Versteht man die Äußerungen unserer Staatenlenkerinnen und –lenker richtig, so haben sie sich fürs Kämpfen entschieden. Und Deutschland steht fest an der Seite Frankreichs, sagt unsere Kanzlerin.

Lassen wir im Moment mal den Aspekt außer Acht, dass es einigermaßen vermessen klingt, wenn eine deutsche Regierung, die schon vor der Kontrolle der eigenen Landesgrenzen zurückschreckt, meint, sie könne Frankreich ernsthaft zum Sieg in diesem Krieg verhelfen. Selbst die spannende Frage, ob die Regierung ernstlich erwägt, unsere Truppen nach Syrien in Marsch setzen, um das Heimatland vieler unserer Flüchtlinge vom „Islamischen Staat“ zu befreien, steht noch nicht auf der Tagesordnung.  Viel drängender müssen wir fragen, wer ist denn in diesem Krieg eigentlich nun der Feind?

Die offiziellen Ansprachen zu unserem neuen Krieg sind an diesem Punkt einigermaßen unkonkret. Ja, natürlich, von den Terroristen, die auf unsere Lebensart zielen, ist oft die Rede, natürlich auch vom „Islamischen Staat“, der – das muss bitte immer ganz oft betont werden – natürlich nichts mit „dem Islam“ zu tun hat, manchmal finden darüber hinaus noch ganz allgemein radikale Islamistengruppen Erwähnung. Das also ist der Feind, gegen den wir in den Krieg ziehen wollen? Ist das nicht ein etwas unscharfes und unvollständiges Feindbild für den Kriegsfall?

Gut, das mit dem Islamischen Staat ist noch am Konkretesten. Da gibt es in Syrien und Irak Kampfverbände und auch so etwas wie staatliche Strukturen einer brutalen Terrorherrschaft. Und eben solche Terrorgruppen, wie die, die das Pariser Massaker verübt haben. Doch sollten wir nicht wenigstens einen Blick auf die Unterstützer und Finanziers unseres neuen Feindes werfen? Wir müssten doch auch die Sponsoren unserer Kriegsgegner in angemessener Weise sanktionieren, oder? Wir können doch nicht Blutzoll in einem Krieg zahlen und uns möglicherweise gleichzeitig indirekt an der Finanzierung unserer Feinde beteiligen. Sie ahnen selbstverständlich schon, was jetzt kommt.

Klar ist, allein mit dem Geld, das der Islamische Staat durch Ölverkauf, willkürlich erhobene Steuern, Abgaben und Wegezölle, sowie Lösegelder mittlerweile selbst „erwirtschaftet“, hätte das Terrorregime nicht so expandieren können. Und die Geldgeber sitzen in Saudi-Arabien und in den Golfstaaten. Das Geld wiederum, das sie in den Islamischen Staat investieren, verdienen sie mit dem Ölverkauf an uns.

„Es ist eine Schande“, empörte sich der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Joseph III. Younan im Sommer letzten Jahres, nachdem Terroristen des „Islamischen Staates“ an einem Wochenende alle 25.000 Christen aus Mossul vertrieben und das Ordinariat seiner Kirche niederbrannten. Es gebe nur einen Weg, diese mörderischen Kommandos zu stoppen – ihnen das Geld zu entziehen.

„Woher beziehen diese Terroristen ihre Waffen? Von den fundamentalistischen Staaten am Golf, stillschweigend gebilligt von den westlichen Staatslenkern, weil sie deren Öl brauchen“, kritisierte der Geistliche.[1]

Jeder weiß, dass die gekrönten Häupter von Kuwait, Qatar, den Emiraten und Saudi-Arabien alle Augen zudrücken, wenn superreiche Privatleute, salafistische Stiftungen und Moscheevereine sunnitische Gotteskrieger finanzieren. Ohne sie gäbe es den Islamischen Staat nicht. Doch trotz dieses Wissens lässt uns keine noch so mörderische Bluttat zögern, mit diesen Staaten Handel zu treiben und ihnen, wenn gewünscht, auch Waffen zu verkaufen. Geht es darum, die Waren jüdischer Siedler im Westjordanland zu kennzeichnen, damit sie zielgerichtet boykottiert werden können, zeigen sich die EU-Staaten handlungsfähig. Bei den Terrorsponsoren unserer nunmehrigen Kriegsgegner sind wir nicht so kleinlich.

Wenn man jetzt angesichts dieser Tatsachen fordern würde, dass gegen die Finanziers derer, die uns doch de facto den Krieg erklärt haben, Sanktionen verhängt werden müssten, hätte man wahrscheinlich nur noch wenige der Politiker, die jetzt mit Kriegsrhetorik überraschen, an seiner Seite. Gute Handelsbeziehungen mit den arabischen Ölstaaten sind immer noch sakrosankt. Gut, billige publizistische und oppositionspolitische Unterstützung bekäme man immerhin, zumindest solange diese Forderung keinerlei Chance auf Realisierung hat. Denn dann müsste man ja mindestens eine drastische Ölpreissteigerung in Kauf nehmen. Wer will das schon?

Also verlassen wir jetzt das Spielfeld der naiven Weltverbesserung? Oder fragen wir uns vielleicht zuvor noch, warum eigentlich die Gelder vom Golf so reichhaltig an die Islamisten fließen. Ja es gibt die Erklärung, die Könige und Emire würden sich damit die Ruhe im eigenen Land erkaufen. Das ist sicher nicht ganz falsch, aber viele der Sponsoren treibt noch mehr um. Und es ist nicht in Geldwert zu berechnender Gewinn und auch nicht so sehr der Zuwachs an persönlicher Macht, der viele zu ihren Investitionen in die Islamisten treibt. Es ist tatsächlich die Idee des Machtzuwachses der Islam-Ideologie, der die Geldgeber selbst anhängen, die sie zu ungeahnter Großzügigkeit treibt. Dass damit ein eigener Machtzuwachs einhergehen kann, ist ein erwünschter Kollateralnutzen, scheint aber keine zwingende Bedingung zu sein.

Die gleichen Sponsoren investieren nicht nur in den Krieg des Islamischen Staates. Sie finanzieren Moscheen, Koranschulen und Islamzentren überall in der Welt, auch in Europa. Vor allem entstehen solche Zentren der Indoktrination in Regionen, die bislang kaum islamisch geprägt waren. In Tansania, weitab der auch islamisch geprägten Küstenregion, kann man durch weltabgeschiedene Dörfer fahren, in denen neue Koranschulen und Islamzentren entstehen, die mit kostenfreier Kinderbetreuung werben, wie auch Moscheen, die sich ihre Gemeinden erst noch suchen müssen. Es wird mit großem Geldeinsatz missioniert und rekrutiert.

Und in Europa? Wer weiß schon, in welchen Islam-Gemeinden und Moscheebauprojekten die Gelder von IS-Sponsoren stecken? Was man weiß: Gerade von Saudi-Arabien finanzierte Einrichtungen, wie die König-Fahd-Akademie in Bonn, widmen sich der Verbreitung rigider und radikaler Islamvorstellungen. Im September löste das Angebot Saudi-Arabiens, in Deutschland 200 Moscheen für die syrischen Flüchtlinge zu bauen, für etwas Aufregung. Aber jenseits dieses offiziellen Angebots, steckt sicher in so mancher neuen Moschee in Europa Geld von den Geldgebern, die auch für den IS-Terror spenden.

Das führt zu einer unangenehmen Frage, nämlich ob wir uns nicht viel stärker und kritischer mit den Islamisten in Deutschland auseinandersetzen müssen. Natürlich auch mit den Islamisten, die zwar noch nicht mit Terror-Unterstützung aufgefallen sind, aber dennoch die Radikalisierung von Muslimen betreiben. Auch hier sind die Finanzquellen interessant. Und dann müssen wir uns auch der Frage stellen, ab wann ist die Islam-Ideologie ähnlich gefährlich wie anderer ideologischer Extremismus auch.

Dann muss die Bunderegierung auch aufhören, mit zwielichtigen Verbänden in der Deutschen Islamkonferenz darüber zu verhandeln, welche Privilegien man ihnen zugestehen kann, während sie doch andererseits aus gutem Grund in Teilen im Visier deutscher Verfassungsschutzämter sind. In diesen Verbänden finden sich Islamisten, die munter am ideologischen Fundament des Terrors arbeiten.

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht darum, in jedem islamischen Theologen und Imam einen ideologischen Wegbereiter der Radikalislamisten zu sehen. Es geht aber durchaus darum, welch zwielichtige Strömungen ausgerechnet in den Verbänden beheimatet sind, die sich die Bundesregierung als Verhandlungspartner auserkoren hat, während liberale Muslime ausgeschlossen bleiben.

Selbst die türkische DITIB, die hierzulande als Agentur der türkischen Religionsbehörde agiert, die wiederum direkt dem türkischen Präsidenten untersteht, vertritt eine Spielart des Islamismus. So wie ihr Inspirator Erdogan. Der wiederum machte vor zwei Jahren mit Geheimkontakten zum saudischen Banker Yasin al-Qadi ungewollte Schlagzeilen. Al –Qadi stand zu dieser Zeit auf der UNO-Terrorliste und galt US-Behörden als Finanzier verschiedener terroristischer Verbände. Aber offenbar auch politischer Parteien, Erdogans AKP soll er finanziell auch geholfen haben.[2]

Begnügen wir uns vielleicht vorerst damit, dass sich hier inhaltlich ein Kreis schließt. Angefangen hat es ja mit der Frage, wer nun alles unser Feind sein kann, in diesem Krieg, den wir jetzt führen sollen. Und da sehen wir nun, dass das Feindbild bis zu unseren türkischen NATO-Verbündeten reichen könnte. Das geht jetzt nun wirklich zu weit. Der alte Spruch „Viel Feind, viel Ehr“ ist ja schließlich lange überholt. Nein, dann beschränken wir uns lieber. Nicht so genau hinzusehen, wenn es um islamistische Netzwerke geht, haben wir schließlich schon geübt. Davon soll uns keine Kriegsrhetorik abbringen. Und Fakten schon gar nicht.

[1] http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-07/islamischer-staat-gotteskrieger-finanzierung-syrien-irak

[2] http://www.todayszaman.com/anasayfa_new-evidence-of-erdogans-secret-meeting-with-al-qadi-emerges_355836.html

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