Geschlechtergerechte Prügel

Häusliche Gewalt war schon immer ein heikles Thema, aber in Zeiten von Geschlechtergerechtigkeit, Ehen für alle und verstärkter Einwanderung aus anderen Kulturkreisen wird es immer brisanter, darüber zu reden, denn man berührt ganz neue Tabubereiche.  Darf man denn in Personengruppen, die es gewohnheitsmäßig zu schützen und zu unterstützen gilt, jetzt plötzlich auch Täterinnen und Täter suchen?

Früher waren Gewalttaten in Ehen und Lebensgemeinschaften eine eindeutige Sache. Der Schläger war immer der Mann, die Geschlagene immer die Frau. Andere Konstellationen gab es ja nicht, zumindest hat man nicht darüber geredet. Eheähnliche homosexuelle Lebensgemeinschaften über die man ganz offen spricht, gehören noch nicht allzu lange zum selbstverständlichen Alltag und über Gewalt von Frauen in einer Familie redet immer noch kaum jemand. Welcher Mann kann es sich ohne den totalen sozialen Ansehensverlust erlauben, offen darüber zu sprechen, wenn er Opfer häuslicher Gewalt geworden ist? Er findet ja  kaum irgendwo Hilfe und Ansprechpartner. Die Steuerzahler werden zwar für die Einrichtung von Frauenhäusern in Anspruch genommen, aber Männerhäuser gibt es so gut wie nicht. Nur ganz vereinzelte ehrenamtliche Projekte bieten ein paar Notaufnahmeplätze für betroffene Männer an. Auch bei Ämtern oder bei der Polizei können Männer, die Frauengewalt ausgesetzt sind, kaum auf Verständnis hoffen. Alle gehen offenbar davon aus, dass sich ein richtiger Mann doch keine Gewalt bieten lässt. Soll er also zurückschlagen? Ganz schnell gilt er in diesem Fall der Täter.

Auch der offizielle Gedenktag am 25. November, den viele Initiativen nutzen, um an Opfer häuslicher Gewalt zu erinnern, heißt „Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen“. Im Vorfeld dieses Tages präsentieren die zuständigen Fachpolitikerinnen gern neue Programme und Projekte. So auch die sächsische Integrations- und  Gleichstellungsministerin Petra Köpping (SPD).  Sie lässt derzeit 20.000 Ärzte und Zahnärzte im Freistaat zu dem Thema befragen. Damit soll herausgefunden werden, wie die Mediziner mit Opfern häuslicher Gewalt umgehen. Ob der ärztliche Focus hier auch nur auf Frauen in heterosexuellen Partnerschaften gerichtet ist oder ob das Thema weiter gefasst wird, ist nicht ganz ersichtlich. Aber da, wo es praktische Folgen für den Etat hat, ist der Schwerpunkt klar: Die Mittel für Frauen- und Kinderschutzeinrichtungen sollen deutlich erhöht werden. Für Männer gibt es so etwas nicht.

Das hat natürlich auch einen guten Grund, denn immer mehr Flüchtlings-Frauen suchen hier Hilfe. Kerstin Kupfer, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft der Frauenhäuser und Interventionsstellen in Sachsen, sagte dem MDR, dass der Anteil der Migrantinnen in den Frauenhäusern generell gestiegen sei. Unter ihnen seien zahlreiche Frauen aus Osteuropa, aber auch aus Erstaufnahmeeinrichtungen oder Asylbewerberheimen. Kupfer geht davon aus, dass sich der Flüchtlingszustrom im kommenden Jahr in den Einrichtungen noch deutlicher bemerkbar machen wird.

Die Gewalt gegen Frauen in Asylbewerberunterkünften ist eigentlich ein Thema, an das Wohlmeinende lange nicht so recht heranwollten. Die Täter sind zwar Männer, aber eben auch zumeist Muslime und Ausländer. Lange haben deshalb selbst Frauenverbände vermieden, ihren bedrängten Schwestern im Asylheim zu helfen, weil das doch Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie schüren könnte.[1] Doch mittlerweile sind solche Probleme in den Massenunterkünften nicht mehr zu leugnen. Dennoch gilt: Wer Vergewaltigungen und gewalttätige Übergriffe in Asylheimen thematisiert, muss immer noch sehr geschickt formulieren können, um nicht mindestens als Rechtspopulist gebrandmarkt zu werden.

Insofern ist es ja ein guter und richtiger Schritt, wenn sich die Frauenhäuser stärker gezielt für die von ihren Männern, Verwandten, Landsleuten und Glaubensbrüdern bedrohten Frauen und Kinder öffnen und ihnen so vielleicht auch einen Absprung aus den traditionell-islamischen Milieus ihrer Familien ermöglichen. Das müsste es mehr geben, denn es ist auch ein gutes Zeichen, wenn Flüchtlingsfrauen den Mut finden, sich hierzulande an ein Frauenhaus zu wenden.

Mit den meist muslimischen Einwanderern wird auch ein althergebrachtes Familienbild importiert. Frauen, die etwas zu sagen haben, können viele Zuwanderer aus muslimisch geprägten Ländern nicht akzeptieren. Und im Zweifel muss Mann halt den Anweisungen des Propheten für das richtige Züchtigen  seiner Frau folgen, deutsche Gesetze hin oder her. Schließlich wollen viele Männer ebendiese Familienstrukturen vor dem Aufgehen in westlicher Freiheit bewahren.

Wenn nun die Flüchtlingsfrauen kommen, werden die Opfer häuslicher Gewalt, die man gerade erst begonnen hatte wahrzunehmen, schnell wieder vergessen. Was ist beispielsweise mit Schlägen und Vergewaltigungen in homosexuellen Ehen und Lebensgemeinschaften? Auch hier werden weder nennenswert Daten erfragt, noch gibt es Hilfsangebote. Homosexuelle Männer haben ebenso wie ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossen keinen Zufluchtsort für den Ernstfall. Lesbische Opfer können wie ihre heterosexuellen Schwestern ins Frauenhaus kommen. Wenn sich Letztere durch den Zulauf von immer mehr Flüchtlings-Frauen herausgefordert sehen, findet sich kaum jemand, der noch die Hilfe für Nicht-Frauen, die Opfer häuslicher und sexueller Gewalt werden, fordert. Betroffene Männer können – egal ob homo- oder heterosexuell – in diesem Bereich kaum auf größere Geschlechtergerechtigkeit hoffen.

Immerhin nehmen manche Engagierte das Problem wahr, auch wenn dafür gelegentlich eigene liebgewordene Ideologiebausteine abgeworfen werden müssen. So bringt das österreichische feministische Magazin Anschläge in seiner derzeitigen Ausgabe ein Interview mit Angela Schwarz von der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen (WASt). Frau Schwarz geht selbstverständlich davon aus, dass das Ausmaß der homosexuellen Beziehungsgewalt ähnlich hoch wie in Heterobeziehungen sei. Jedoch suchten dort bereits ca. 20 bis 24% der Betroffenen Hilfe, bei lesbischen Beziehungen sei die Quote lediglich bei 3% bis 5 %. Hintergrund sei unter anderem, dass viele Frauen denken, sie wären eine Art Nestbeschmutzer, wenn sie zugeben, dass lesbische Beziehungen auch nicht gewaltfrei sind.

Doch zurück zur häuslichen Gewalt von Frauen an Männern. Hier ist das Tabu wahrscheinlich noch am mächtigsten. Es gibt nur wenige Anzeigen und die Dunkelziffer lässt sich nur sehr schwer schätzen. Als Mann zuzugeben, dass man Gewaltopfer seiner Frau geworden ist, ohne zurückgeschlagen zu haben, ist in kaum einem sozialen Umfeld so einfach möglich.

Und die meisten, die  gegenwärtig in diesem Bereich ihr Geld verdienen haben kaum Interesse, die Ressourcen mit Betreuern männlicher Opfern häuslicher Gewalt teilen zu müssen. Die verantwortlichen Politiker meiden das Thema ebenfalls gern, denn neue Anspruchsberechtigte auf Hilfe verursachen auch mehr Kosten.

Tut die Politik nun gar nichts in dieser Richtung? Ganz so ist es nicht. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat immerhin im Jahre 2004 schon mal eine Studie zum Thema anfertigen lassen. Darin wird zunächst einmal festgestellt, dass kaum einer etwas zu dem Thema weiß, weil sich niemand darum gekümmert hat.

Das Wenige, das bekannt ist, ist dennoch interessant. Beispielsweise Zahlen wie diese, auch wenn sie schon etwas älter sind: Bei „vorsätzlicher leichter Körperverletzung“ findet sich zum Beispiel im Hellfeld der Polizei in Berlin im Jahr 2001 die folgende Geschlechterverteilung: Bezogen auf alle Opfer gab es „11,7 % weibliche Täter und männliche Opfer“.220 Auffällig ist, dass im gleichen Zeitraum die Geschlechterverteilung bei „Gefährlicher und schwerer Körperverletzung“ eine deutlich andere ist: Der Anteil von Männern, die schwere häusliche Gewalt von Frauen erlebt haben, ist mit 24,3 % der Gesamtopferzahl mehr als doppelt so hoch wie bei „vorsätzlicher leichter Körperverletzung“. Warum dies so ist, wird in der Quelle nicht diskutiert.

Immerhin 22,6 Prozent aller Männer – so ermittelte die Studie noch  – hatten körperliche Gewalt in ihrer Beziehung erlebt. Das ist dann kein Randphänomen mehr, wie es in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer erscheint. Und auch die Geschichten der Gewaltopfer klingen nicht harmloser, als die, die weibliche Opfer häuslicher Gewalt erzählen:

„Wenn ihr das zu viel wurde […] [hat sie] regelmäßig getrunken, ist handgreiflich geworden und hat auf mich eingeschlagen, mich geschubst. Dann hat auch das Kind angefangen darunter zu leiden, weil sie das Kind gewürgt und gedrückt hat. Da bin ich dann handgreiflich geworden, weil ich ihr das Kind weggenommen habe, um es  zu beruhigen und es wieder hinzulegen. Sie hat Türen geknallt, sie hat es geschafft, an einem Abend zwei Türen kaputt zu machen, […] und immer wenn ihr irgendetwas nicht gepasst hat, dann ist sie aggressiv geworden, wenn man nicht nach ihrem  Willen gearbeitet hat“.

[…]

Die Situation spitzt sich zu. Von Notärztin und Polizei erhält er keine Hilfe: „Eines Abends hat sie sich bis zur Bewusstlosigkeit betrunken und ist zwischendurch immer wieder auf mich losgegangen, stand dann vor mir und diskutierte mit mir. Dann ist sie einfach umgefallen. Dann habe ich sie ins Wohnzimmer gelegt aufs Sofa, und weil sie nicht ansprechbar war, habe ich den Notarzt gerufen, und die Notärztin kam.“ Er bat sie, sie mitnehmen. Die Ärztin weigerte sich: „Na ja wir können Sie nicht einfach so mitnehmen“. Nach einigem Diskutieren meinte sie: „Wir müssen die Polizei holen.“ Die Polizei kommt. Die Freundin ist inzwischen wieder zu sich gekommen. Doch die Polizei entscheidet sich nicht, Herrn E. zu schützen: „Wir können sie nicht mitnehmen.“

Kaum ist die Polizei weg, wird sie wieder gewalttätig: „…, die waren fünf Minuten  weg, da habe ich die nächsten Schläge abgekriegt. Sie hat mich mit dem Kopf an den Küchenschrank gehauen, das T–Shirt zerrissen, die Regale ausgeräumt, meine Wäschefächer leer gemacht, herumgeschrieen, auf mich eingeschlagen.“

Die zitierte Studie für die Frauenministerin ist inzwischen gut elf Jahre alt. Praktische Folgen hatte sie keine. Mit männlichen Opfern und weiblichen Täterinnen befasst man sich im Hause sicher nicht gern, denn diese Seite der Geschlechtergerechtigkeit  passt nicht so ganz zu den Leitlinien, denen sich Frauenministerinnen verpflichtet fühlen.

Aber für die Flüchtlingsfrauen soll immerhin etwas getan werden. Auch wenn hier die Täter muslimische Männer sind, wurde hier immerhin der Handlungsbedarf anerkannt.

[1] http://sichtplatz.de/?p=4051

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