Anker lichten zum Abtauchen

GELESEN: „Zentrales Thema des Romans sind die fatalen Folgen der von 1979 bis 2015 verfolgten Ein-Kind-Politik des chinesischen Staates für eine weitgehend rechtlose Landbevölkerung. Erzwungene Abtreibungen, Familienplanungstrupps, die die Partei durch die Dörfer schickt, um die Einhaltung ihrer Gebote zu kontrollieren, Bestrafung der Familien von Schwangeren, die sich dem Zugriff des Staates wie Meili zu entziehen versuchen, blühendes Denunziantentum – der Roman lässt nichts aus, um eine Praxis zu brandmarken, bei der der Mensch nicht mehr über sein Leben bestimmen darf, sondern die Verfügung über seinen Körper an den Staat abgeben musste.

Meilis Leidensweg, der dem Leser keine Grausamkeit dieser restriktiven Politik erspart, ja an etlichen Stellen des Buches die Grenzen des Erträglichen ganz bewusst überschreitet, steht dabei exemplarisch für das Schicksal all jener Frauen, die mit ihrer zweiten Schwangerschaft in Konflikte gerieten, denen sie sich nur durch die Flucht in Nischen, die schlechter zu kontrollieren waren, entziehen konnten. Der Weg von Ma Jians jungem Paar führt deshalb auf die großen Flüsse des Landes. Schließlich landet die Familie auf einem eigenen Hausboot auf dem Jangtse, wo man den Anker lichten kann, wenn die Gefahr des Entdecktwerdens zu groß wird. Trotzdem entgeht Meili nicht einer Zwangsabtreibung, wird daraufhin ein weiteres Mal schwanger, allerdings mit einem Mädchen, das von Kongzi später weggebracht – offenbar verkauft – wird. Ihr viertes Kind entzieht der Autor den in der Welt lauernden Schrecken schließlich, indem er es den Mutterleib durch eine erzählerische Volte des Romans ins Surrealistische über Jahre nicht entkommen lässt.“ Mehr hier: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=21376

Ma Jian: Die dunkle Straße.

Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Susanne Höbel. Rowohlt Verlag, Reinbek 2015. 491 Seiten, 24,95 EUR. ISBN-13: 9783498032395

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