Eine katholische Bitte um eine Fatwa

Wenn es eine Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie gebe, „dann könnte es auch eine Fatwa gegen die Mörder des IS geben“, sagt der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, um damit seinen Appell an die muslimischen Gemeinden zu untermauern, sich doch bitte von Terror und Mord im Namen des Islam zu distanzieren.[1]

Meint der Mann das wirklich ernst? Wahrscheinlich, denn er sagt es im Gespräch mit einem Zeitungsjournalisten, also nicht in einer Lebenslage, in der man zu unbedachten Äußerungen neigt. Als CDU-Landtagsabgeordneter dürfte er diesbezüglich hinreichend medienerfahren sein. Und was er mit diesem Satz alles sagt, müsste der in Germanistik und Theologie promovierte Mann eigentlich auch erfassen können. Man kann ihm sicher nicht unterstellen,den Mordaufruf gegen Salman Rushdie für legitim zu halten, aber dennoch hebt Sternberg diesen gezielten Mordaufruf damit auf eine Ebene mit der von ihm gewünschten Distanzierung islamischer Autoritäten vom Massenmord. Unerträglich ist vor allem, dass ein Mann, der mit seinem Leben für die Meinungsfreiheit einstehen muss und ein Massenmörderregime auf eine Stufe gestellt werden, wenn die existierende Fatwa gegen den einen herangezogen wird, um die Möglichkeit einer Fatwa gegen die anderen zu begründen.

Vielleicht ist es ja einer gewissen Überempfindlichkeit geschuldet, dass ich diesen Satz so ungeheuerlich finde. Ich wünschte mir auch, ich hätte da etwas missverstanden, nur leider lesen sich viele andere Sätze im gleichen Artikel auch danach, als würde der Präsident des Zentralkomitees die Gefahren der islamistischen Ideologie gern übersehen wollen.

Aber bevor ich einen falschen Zungenschlag hineinlege, lesen wir einfach weiter, wie die Nordwestzeitung nach einem Gespräch mit Sternberg dessen Haltung beschreibt:

Angesichts der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten geht der CDU-Politiker von einer „Veränderung des Islam“ aus. „In Deutschland nehmen wir derzeit viele arabische Muslime auf“, sagte er. Daher werde die zahlenmäßige Dominanz der türkischstämmigen Muslime zurückgehen, die sich häufig in der sunnitisch-hanafitischen Auslegung des Islam heimisch fühlten.

Mit Blick auf bildungspolitische Auseinandersetzungen um Glaubensfragen sprach sich Sternberg für eine Etablierung des islamischen Religionsunterrichts an den Schulen aus. So könne man dem Missbrauch der Religion das Wasser abgraben. „Wenn der Islamunterricht montags in der Früh auf dem Stundenplan stünde, man ihn damit gewissermaßen aus der dunklen Ecke holt, verlöre er im kriminellen Milieu an Anziehungskraft.“ Es sei anderseits ein Fehler, davon auszugehen, dass sich die meisten muslimischen Gemeinden von gewaltbereiten Salafisten unterwandern ließen.[2]

Ja, wenn sich die meisten muslimischen Gemeinden nicht von gewaltbereiten Salafisten unterwandern lassen und außerdem noch die türkische Dominanz zurückgeht, dann ist doch alles in Ordnung, oder? Dann müssen wir nicht so misstrauisch sein und können ihnen endlich den Zugriff auf den Schulunterricht erleichtern? Es ist auch schön, wenn man dadurch „dem Missbrauch der Religion“ das Wasser abgraben kann. Wir erfahren leider nicht, wo der Missbrauch genau beginnt. Wenn sich Anhänger der Ahmadiyya-Gemeinschaft, die in Hessen schon als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt ist, wegen ihres Ansehens zum Mord an ihrer Tochter genötigt sehen? (siehe auch hier) Hilft es, wenn die, deren Glaubenspraxis einen solchen Druck auf Gemeindemitglieder ausübt, auch den Schulunterricht mitbestimmen dürfen?

Es ist immer wieder erschreckend, wie stark im Blick auf den islamistischen Extremismus das Bedürfnis herrscht, möglichst viele scheinbar moderate Islamisten aus dem Bedrohungspotential herauszudefinieren. Ebenso gern übersieht man das demokratiefeindliche und freiheitsverachtende Potential in den mittlerweile etablierten Islamverbänden. Mit denen verhandelt die Politik aber gern. Die wenigen organisierten liberalen Muslime, die im Gegensatz zu diesen Verbänden über keine Zuwendungen islamischer Staaten verfügen, werden hingegen von der Bundesregierung nicht einmal zur Deutschen Islamkonferenz eingeladen.

Auch für Präsident Sternberg wären sie vielleicht nicht die richtigen Partner, denn sie fordern keine Fatwa von irgendwem, sondern setzen sich für „Mündigkeit statt Autoritätengläubigkeit“ unter den Muslimen ein. Wie steht es doch im Koran geschrieben: „Die übelsten Lebewesen sind nach Gottes Urteil die, die sich ihres Verstandes nicht bedienen.“ (9:31; 8:22)[3]

[1] http://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/645749/katholiken-drangen-auf-fatwa-gegen-morder-des-is

[2] Ebd.

[3] http://www.lib-ev.de/index.php?c=1

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