Auf Zeitgeist-Safari die Freiheit befreien

Es ist ein schönes Motto, gerade in diesen Zeiten: „Nur der freie Mensch läuft Gefahr, seine Freiheit zu verlieren. Aber nur er kann sie auch verteidigen.“ Klare Schlussfolgerungen wie diese sollte man sich in Zeiten begrifflich eher unkonkret wolkiger Debatten öfter einmal gönnen. Im Buch „Zeitgeisterjagd“ von Matthias Heitmann findet man viele davon, inklusive der jeweils klaren, klugen und interessanten Herleitungen. Allein deshalb ist das kurzweilige Werk ein guter Begleiter durch den Irrsinn dieser Tage. Und das, obwohl oder vielleicht gerade weil es kurz vor den Höhepunkten der sogenannten Flüchtlingskrise geschrieben wurde. Mithin spielen die Themen Asyl und Einwanderung nicht die beinahe ausschließliche Rolle, die sie im öffentlichen Diskurs derweil zu spielen scheinen. Das ist nicht nur erholsam, sondern verschafft auch etwas mehr Klarheit. Denn der Verlauf der Asyldebatte, der unerklärte und dennoch politischem Handeln zur Legitimation dienende Notstand, diese Kultur der Alternativlosigkeit, lässt sich fast besser dort erkennen, wo nicht der Pulverdampf aktuellen publizistischen Trommelfeuers für Unschärfen sorgt.

Zwischendurch muss ich Sie mit einem Geständnis belästigen. Eigentlich hätte diese Rezension schon lange geschrieben sein sollen. Sie stand schon unendliche Wochen auf meiner Liste der zu erledigenden Aufgaben und sie gehörte leider bis jetzt zu den Dingen, die ich immer wieder verschoben habe. Warum ich das tat? Nicht nur, weil mir der Tag immer zu kurz ist für das zu erledigende Tagwerk und sich die Arbeit, bei der niemand mit einem Termin drängelt, am leichtesten verschieben lässt. Schon gar nicht, weil es mir unangenehm wäre, dieses Buch zu rezensieren. Es zu lesen war ein Genuss ganz eigener Art und ich stehe deshalb nicht vor dem Problem, eine schlechte Kritik in freundliche Formulierungen kleiden zu müssen, um einen geschätzten Autor nicht zu kränken. Ich kann die „Zeitgeisterjagd“ von Matthias Heitmann ehrlichen Herzens nur wärmstens empfehlen.

Vielleicht liegt es daran, dass mit verstrichener Zeit mein Anspruch wuchs, die Rezension möge doch möglichst so gut wie das besprochene Werk geschrieben sein, um die lange Zeit seit Zusendung des Rezensionsexemplars zu rechtfertigen. Jetzt habe mich von diesem Anspruch verabschiedet, damit diese Zeilen über die „Zeitgeisterjagd“ endlich geschrieben werden, denn das Buch verdient viel mehr Aufmerksamkeit als es gegenwärtig hat.

Es bietet nämlich mehr, als Sie wahrscheinlich bei dem Titel erwarten. Ja, natürlich werden die Engstirnigkeit und die Ideenverhinderung durch die ideologischen Figuren des herrschenden Zeitgeistes in den verschiedenen Facetten aufgespürt und vorgeführt. Aber Heitmann geht es nicht nur darum, in geistreichen Worten die proklamierte Alternativlosigkeit anzuprangern, die zumindest im professionell politischen Raum eine beängstigend breite Akzeptanz gewonnen hat. Ihm geht es um nicht weniger als die Freiheit, die auf diese Weise nach und nach erstickt wird. Und bei solch einem Anspruch verbietet es sich natürlich, dem Leser einfach nur mit wohlformulierten politischen Unkorrektheiten gefallen zu wollen. Heitmann versucht das auch gar nicht erst, sondern wir können mit ihm durch eine vielfältige Gedankenwelt flanieren, mit zahlreichen Beispielen dafür, welch vielfältige Überlegungen wir uns eigentlich inzwischen verbieten, weil sie vom Pfad des Zeitgeistes zu weit abweichen. Und vor allem führt er uns vor, welch wichtige Worte wir uns schon haben umdeuten und entwerten lassen.

Nehmen wir beispielsweise die Toleranz, der Heitmann ein Kapitel widmet. Das Wort kann man eigentlich schon gar nicht mehr hören, denn jeder ist tolerant und wenn man jemanden als intolerant brandmarken kann, so hat man ihn beinahe schon zum Unberührbaren erklärt.

Dabei hat die Toleranz das nicht verdient. Heitmann  will sie aus dem bereits weitgehend akzeptierten Würgegriff der Harmonie und Beliebigkeit befreien und stellt uns die Toleranz stattdessen als starke Geliebte der Gegensätze, klarer Werte und des harten aber zivilisierten Streits vor. „Eine tolerante Gesellschaft ist kein konfliktfreies und harmonisches Paradies. Toleranz setzt voraus, dass man sich eben nicht einig ist, und sie schlägt eine grundsätzliche Haltung vor, wie man mit unterschiedlichen und sich widersprechenden Aussagen und Überzeugungen umgehen kann. Sie verfolgt nicht das Ziel, verschiedene und sich widersprechende Interessen auszumerzen, deren Entstehen zu verhindern und somit zu vermeiden. Im Gegenteil: Toleranz setzt die Verschiedenheit von Ansichten und Vorstellungen und Menschen voraus.“ Das ist etwas anderes, als das, was Bündnisse für Toleranz praktizieren.

Der Wert des Buches liegt nicht unbedingt in neuen, sensationellen Erkenntnissen, aber es ist die Stärkung die man erfährt, wenn ein paar wichtige Einsichten, die unter vielen Ideologietrümmern  und dem dazugehörigen vernebelnden Wortwerk mit gesellschaftsverbesserndem Anspruch verschüttet wurden, freigelegt und in schöner Klarheit dargebracht werden.

Ob es darum geht, wie wichtig gesunder Egoismus für eine soziale Gesellschaft ist, um die Frage, wessen  Emanzipation nötig ist oder das Hohelied auf die Genussmenschen im „Genusskulturkampf“ – man kann sich an den einen Gedankengängen erfreuen, an anderen reiben und manchen nachzuvollziehen fühlt sich an wie eine sportliche Übung, an der man sich nach Jahrzehnten das erste Mal wieder versucht.

Heitmann will den Zeitgeist ja nicht nur sezieren, er bläst zur Jagd, denn er hält ihn durchaus für gefährlich, wenn er nahezu ausschließliche Wirkungsmacht bekommt. Und hier auf die Pirsch zu gehen kann man gerade den Zeitgenossen raten, die sich beispielsweise in der „Flüchtlingskrise“ fragen, was sie denn noch wie sagen können, ohne von den einen als „Nazi“ und von den anderen als „Volksverräter“ gebrandmarkt zu werden. Viele, die gern selbst denken, haben erfahren, dass man heutzutage durchaus beides gleichzeitig sein kann.

Dabei geht es vielen Akteuren im Grunde gar nicht um Zuwanderer und Flüchtlinge. Auch daran wird man bei der Lektüre von Heitmanns Buch erinnert, denn es ist durch seine Entstehungszeit noch nicht der Dominanz der „Asyldebatte“ und „Willkommenskultur“ unterworfen. Gerade die aktuelle Dynamik der veröffentlichten und  öffentlichen Meinung hat man viel besser vor Augen, wenn man – wie Heitmann – auf die Pirsch geht und sich genau anschaut, welche Wege der Zeitgeist nimmt, welche Formen und Tarnungen er annimmt und welchen Flurschaden er anrichten kann, wenn er nicht gejagt wird. Insofern zeigt Heitmann auch, dass die Zeitgeisterjagd – so paradox es klingen mag – auch eine sehr zeitlose Aufgabe ist.

„Da es dem aktuellen Zeitgeist entspricht, die Welt aus der Position des passiven Beobachters von außen oder aber des haltlos Mitgerissenen wahrzunehmen, gibt man sich häufig mit oberflächlicher Außenansicht zufrieden. Das Bild der scheinbar vorbeirasenden Welt wird verschwommen, und man empfindet es als nahezu unmöglich (und letztlich auch als unerheblich), genauere Einblicke zu erlangen. Je verschwommener das Bild vom Hier und Jetzt, desto stärker wird die Tendenz, in der Vergangenheit Halt zu suchen, auch wenn es immer schwieriger wird, dort sinnstiftende Ankerpunkte zu finden.“

Heitmanns Blick richtet sich hingegen lieber auf die Zukunft. Er streitet gegen eine ängstliche „lebensmüde Gesellschaft“. Er mag keine sich inszenierenden „Querdenker“, jedoch mag er das tatsächliche eigene Denken. Das soll sich in alle Richtungen versuchen können, woher auch sollen sonst neue Ideen kommen? „Um unseren Verstand also, wo er schon einmal da ist, sinnvoll einsetzen zu können, ist es wichtig, ihn nicht versteinern zu lassen, sondern ihn in Bewegung zu halten. Dies gelingt durch kontinuierliche Perspektivwechsel, durch das Hinterfragen des scheinbar Feststehenden, durch das gezielte Öffnen der Augen, durch das Suchen nach Alternativen, durch das Erkunden neuer Welten und durch das Verlassen alter, scheinbar bewährter, aber dennoch baufälliger Gedankengebäude und Verhaltensmuster.“

Heitmann zeigt nicht nur in seinem Plädoyer für ein Überflussdenken, statt im Mangeldenken zu verharren oder auch im Kapitel „Entopfert Euch!“, wie gut er die Disziplin des häufigen Perspektivwechsels beherrscht. Er hofft, da den einen oder anderen Leser mitreißen zu können, auch wenn er für Offenheit und eine neue „Vertrauenskultur“ plädiert. Auch hier will uns der Begriff natürlich etwas anderes sagen, als wir vielleicht in einem anderen Zusammenhang vermuten würden. Es geht vor allem um das Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft. Sich aus den Fängen des Zeitgeistes zu befreien, das heißt für Heitmann auch, Verantwortung zu übernehmen und darauf zu vertrauen, dass auch andere Verantwortung übernehmen können. So lapidar das klingt, in Zeiten, in denen Menschen immer stärker durch Vorschriften und Anreize zum „richtigen“ Verhalten genötigt und erzogen werden sollen, ist das durchaus unruhestiftend.

Ob Sie sich von Matthias Heitmann mitreißen lassen oder sich an seinem Fazit reiben, kann ich natürlich nicht voraussehen, aber in jedem Fall finden Sie eine interessante und inspirierende Lektüre. Überlassen wir dem Autor das Schlusswort mit den letzten Sätzen aus seinem Buch: „Scheuchen Sie den Zeitgeist aus seinem Versteck und lassen Sie seine Tarnung auffliegen! Und an je mehr Stellen Ihnen das gelingt, desto mehr Bausteine können Sie für den Aufbau einer neuen Vertrauenskultur sammeln. Für diese gibt es keinen Bauplan, das Ergebnis ist offen. Wir können lernen, mit dieser Unsicherheit, die in der Offenheit steckt, zu leben, und wir können lernen, sie zu lieben, denn nur sie ermöglicht Freiheit. Das ist das Ziel dieser Safari: Sie jagt den Zeitgeist und befreit seine Beute, Doppelpunkt die Freiheit.“

  • Gebundene Ausgabe: 197 Seiten
  • Verlag: TvR Medienverlag Jena; Auflage: 1 (20. Juli 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3940431532
  • ISBN-13: 978-3940431530
  • Größe und/oder Gewicht: 15,2 x 2,2 x 23,3 cm

Ausschnitte aus Lesungen finden Sie hier: https://www.youtube.com/channel/UClbZdpFehf2AetJ0PyuY4rQ

Mehr auch hier: http://www.zeitgeisterjagd.de/

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