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Sponsorengerechte Kunst im Exil statt Regimekritik in der Heimat?

Ai Weiwei war zweifelsohne in China einmal ein mutiger Künstler. Er kritisierte das kommunistische Regime und musste dafür Konsequenzen tragen, obwohl er durch seine weltweite Bekanntheit ja einen gewissen Schutz genoss. Zuerst wurde der Abriss seines Ateliers verfügt, dann ließ man ihn nicht mehr das Land verlassen und schließlich – im Frühjahr 2011 –  wurde er verhaftet und einige Zeit an einem unbekannten Ort gefangen gehalten.

Denen, die aus dem Westen ständig nachfragten, wurde die Verhaftung damals bekanntlich mit Wirtschaftsdelikten begründet. Es sollte angeblich keine politischen Gründe zu geben, doch das war ein zu durchsichtiges Manöver, um vielleicht die Solidarität und Freilassungsforderungen etwas abzuschwächen, die von westlichen Prominenten aus Kunst und Kultur, sowie Institutionen und Politikern kamen.

Ai Weiwei wurde in Abwesenheit in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen und bekam eine Gastprofessur angetragen. Das waren deutliche Zeichen, dass Ai Weiwei nicht vergessen wurde, deshalb lockerte das kommunistische Regime in China Weiweis Verfolgung widerstrebend nach und nach. Zuerst wurde er aus der Haft entlassen und 2015 durfte er auch wieder das Land verlassen und machte sich auf den Weg nach Berlin.

Mischt sich der Künstler nun auch hier politisch ein? Auf den ersten Blick scheint die Meldung vom Neujahrstag „Ai Weiwei plant Flüchtlingsmonument auf Lesbos“ genau das anzuzeigen. Jetzt bezieht der in seiner Heimat verfolgte Künstler auch in den europäischen Debatten mutig Position. Aber ist das wirklich so, wie es aussehen soll?

Lesen wir zunächst weiter in der dpa-Meldung: „Der chinesische Bildhauer und Menschenrechtler Ai Weiwei plant auf der griechischen Insel Lesbos ein Monument zur Erinnerung an die in der Ägäis umgekommenen Flüchtlinge. ‚Das, was ich gesehen habe, hat mich als Mensch und Künstler berührt‘, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Zuvor hatte er die Insel besucht und sich selbst ein Bild von der Lage gemacht. Auf Lesbos kommen täglich Tausende Migranten an. ‚Wir erleben ein historisches Ereignis, und ich als Künstler muss mich beteiligen‘, sagte Weiwei, der in Berlin lebt.

Über die genaue Form des Mahnmals hat Weiwei zunächst noch keine Vorstellungen. ‚Die Lage ist nicht leicht, und alles ist noch in Entwicklung‘, sagte der Künstler. Er habe bereits mit seinen Mitarbeitern ein Studio auf Lesbos gefunden. Auch seine Studenten sollen sich an dem Projekt beteiligen. Das Monument könnte seiner Schätzung nach bis zum Jahresende fertig sein. ‚Ich bin auf der Suche nach Sponsoren‘, sagte Weiwei weiter.“[1]

Der Mitarbeiter-Stab ist also schon unterwegs, das Studio ist gefunden, nur Form und Geld fehlen noch. Wäre man böse, könnte man argwöhnen, dass sich die genaue Form des Mahnmals auch nach der Höhe der eingeworbenen Sponsorengelder richtet. Aber eigentlich ist das gar nicht böse. Eine Dienstleistung, wie die Errichtung eines Mahnmals, kostet nun einmal Geld und man kann schließlich nicht mehr liefern als bezahlt wird. Aber die Meldung deutet an, so ganz billig wird das Mahnmal des prominenten Künstlers nicht.

Die Sponsorengelder in hinreichender Höhe dürften ihm dennoch sicher sein, im Notfall springen deutsche Kulturinstitutionen sicher gern ein. Dieses Projekt hat nichts, zu dem irgendjemand „Nein“ sagen könnte. Das Mahnmal spricht das schlechte Gewissen Europas an, mitschuldig daran zu sein, wenn Flüchtlinge vor seinen Küsten ertrinken, weil sie keine Einreisevisa zur legalen Einwanderung bekommen. Wer der toten Flüchtlinge gedenkt, muss auch nicht über politisches Asyl, Armutsmigranten oder Terrorgefahr diskutieren, solche Fragen sind nur bei denen relevant, die lebend übers Mittelmeer kommen. Und mit Ai Weiwei kümmert sich jetzt ein weltweit prominenter Künstler um das Flüchtlings-Gedenken, der auch noch selbst Verfolgung im Heimatland durchlitten hat und nun im Exil lebt. Dass er eine für einen Exilanten komfortable Situation genießen darf, kann ihm ja niemand zum Vorwurf machen. Er ist halt ein erfolgreicher Künstler, das sollte ihm keiner neiden.

Nach Lage der Dinge dürfte also mit dem Projekt nichts schiefgehen. Das Geld wird fließen, Ai Weiwei wird wieder ein von den Medien hinreichend beachtetes Werk schaffen, das auch niemand schlecht finden kann, wenn es fertig ist. Mit dem Gedenken an tote Flüchtlinge symbolisiert es einfach das Gute, gerade in Zeiten der „Willkommenskultur“.

Wer würde da ketzerisch anmerken, dass das alles der Marktwertpflege des Künstlers dient. Er selbst sagt, wie wichtig es sei, auf das Thema aufmerksam zu machen. Das klingt immer gut, auch wenn es in Zeiten, in denen seit Monaten in allen Medien von kaum noch etwas anderem als von Flüchtlingen die Rede ist, eigentlich etwas von gehobenem Unsinn hat.

Aufmerksam machen könnte der Künstler vielleicht auf weniger namhafter Kollegen, die in China verfolgt werden. Dafür finden sich allerdings schon viel weniger Sponsoren, denn die chinesische Führung reagiert ja schnell verschnupft auf Kritik und das stört nur die Geschäfte. Vielleicht tut man Ai Weiwei auch Unrecht und ohne große Medienresonanz arbeitet er ständig für chinesische Verfolgte. Es nimmt nur niemand zur Kenntnis, wie laut er seine Stimme für sie erhebt.

Nein, man darf das natürlich auch von niemandem verlangen. Es ist eine individuelle Entscheidung, sich lieber in die gefahrloseren und dennoch vielleicht nicht minder brisanten politischen Debatten Europas einzumischen. Doch das was gerade auf Lesbos geschieht, sieht einfach zu sehr nach geschicktem Agieren auf dem Gedenkmarkt zum eigenen Vorteil aus. Vielleicht wäre ein syrischer oder eritreischer Künstler im Exil doch geeigneter für solch ein Denkmal. Nur ohne den großen Namen ist das dann wiederum für Sponsoren vollkommen uninteressant.

[1] http://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/654040/ai-weiwei-plant-fluchtlingsmonument-auf-lesbos

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