Der Feminist Mohammed

Manche gut gemeinten Sätze können von der Wirklichkeit ziemlich brutal erledigt werden. Beispielsweise dieser hier, der sich gegen das – damals noch als solches bezeichnet – Vorurteil wendet, „ dass die deutsche Frau vom muslimischen Mann bedroht wird. Obwohl es bislang keine Belege dafür gibt, dass es zu einer Zunahme sexueller Belästigungen durch Flüchtlinge gekommen ist.“[1]

Der Satz steht im fluter, dem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung. Im Heft geht es um Geschlechter und Geschlechterrollen und die Redaktion wollte natürlich auch den islamischen Blick auf selbige würdigen. Und wer kann den Islam mit schnellerem Wort und eindrücklicherem Augenaufschlag als missverstandene Religion des Friedens, der Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichberechtigung präsentieren als Khola Maryam Hübsch. In Talkshows macht sie das gern, wobei sie dort optisch nicht nur mit ihren Augen auffällt, sondern oft auch mit einer Kopftuch-Konstruktion, mit der sie es gekonnt schafft, das Stück Bekenntnisstoff auch bei Verwendung dezenter Farben dominant wirken zu lassen. Aber in einem Magazin wie dem „fluter“ muss ja allein ihr Wort überzeugen.

Sie konnte natürlich nicht wissen, dass ihr eingangs zitierter Satz alsbald Lügen gestraft wurde. Bis zu den mehrhundertfachen sexuellen Übergriffen bis hin zu Vergewaltigungen in der Kölner Silvesternacht, wurden Sexualdelikte von Asylbewerbern ja äußerst diskret behandelt, also oft gar nicht berichtet. Frau Hübsch konnte es also entweder gar nicht wissen, was ihre frisch zugewanderten Glaubensbrüder so trieben, oder sie konnte sich darauf verlassen, dass es die anderen nicht erfahren.

Ob die gestrigen Meldungen, wonach ein 35-jähriger pakistanischer Asylbewerber im westfälischen Kamen ein dreijähriges Flüchtlingsmädchen missbraucht hat[2] oder von der Vergewaltigung einer 15-jährigen Deutschen durch einen gebrochen Deutsch sprechenden Mann „südländischen Typs“ am frühen Abend am Hauptbahnhof von Mönchengladbach[3], auch schon vor Köln veröffentlicht worden wären, ist fraglich. Diesbezüglich haben sich die Zeiten wirklich geändert.

Doch alle weiteren Argumente von Frau Hübsch in der Publikation der Bundeszentrale dürften immer noch so geschrieben werden, auch nach Köln. Das Mantra, alles Schlechte, das Muslime im Namen Allahs tun, habe nichts mit dem Islam zu tun, gehört immer noch zum politischen und publizistischen Standardrepertoire. Nur mit der Ergänzung, das habe „nichts mit den Flüchtlingen“ zu tun, ging in der Welle der Fakten unter. Das grenzenlose Islamverständnis deutscher Amtsträger hat unter der rauhen Wirklichkeit hingegen kaum gelitten. Frau Hübsch wird’s freuen es ist auch ihr Erfolg.

Wie schön ist es doch, lästige Fakten abtun zu können mit dem Satz: „Sicherlich kann nicht geleugnet werden, dass es autoritäre islamische Staaten gibt, die Menschenrechte missachten und Frauen strukturell diskriminieren. Körperliche und sexuelle Gewalt gegen Frauen ist jedoch weltweit derart verbreitet, dass die Weltgesundheitsorganisation von einem ‚epidemischen Ausmaß‘ spricht. Sie kommt in allen Ländern und in allen Schichten vor. Ob wir an den Aufruhr nach den Vergewaltigungsskandalen im hinduistischen Indien denken oder eben an häusliche und sexuelle Gewalt in Deutschland: Gewalt gegen Frauen und Sexismus sind globale Massenphänomene, die ihre Ursachen oft in sozialen Missständen haben.“

Also es ist anderswo auch nicht besser und die deutschen Männer sind ebenso sexuelle Gewalttäter, wie ihre arabischen Geschlechtsgenossen? Sicher gibt es das Problem überall, aber doch in erheblich unterschiedlicher Größenordnung. Bis zur Silvesternacht am Ende des Jahres 2015 gab es mehrhundertfache Überfälle auf Frauen durch Männergruppen hierzulande in Friedenszeiten einfach nicht. Das haben in der Tat erst Zuwanderer im Lande etabliert.

Das letzte verbleibende Argument sind nur noch die „sozialen Missstände“, denn mit denen konnte man lange Zeit jedem, dessen Herz politisch links schlug, großes Verständnis für fast alles abpressen. Allerdings ist das schwieriger, wenn Frauen die Opfer von Sexualstraftaten  sind. Da hört auch politisch-korrektes Verständnis auf.

Doch Frau Hübsch weiß, wie sie den Islam vom Verdacht freispricht, er könne das ideologische Fundament der männlichen Allmachtsphantasien vieler seiner Anhänger sein. Der Prophet war einfach ein Frauenrechtler: „Mohammed, der Prophet des Islam, versuchte trotz heftigen Widerstands die Unterdrückung der Frau zu bekämpfen. ‚Die Besten unter euch werden die sein, die am besten zu ihren Frauen sind.‘ Das sind seine Worte. Mohammeds erste Frau Khadija war eine emanzipierte, erfolgreiche Kauffrau. Eine der wichtigsten Gelehrten des Islam ist eine Frau: Aischa, die schon im Frühislam Männer unterrichtete. Ihrem Vorbild folgend wurde 859 in Marokko eine der weltweit ersten und ältesten Universitäten von der Muslimin Fatima al-Fihri gegründet. Auf die Bildung von Frauen legte Mohammed viel Wert: ‚Wer zwei Töchter hat, sie gut aufzieht und ihnen Bildung zukommen lässt und die Söhne nicht bevorzugt, der erwirbt dadurch das Paradies.‘ Allerdings gibt es auch frauenfeindliche Überlieferungen, die dem Propheten zugeschrieben werden, die nicht selten von einer männlichen Orthodoxie zitiert werden, um Frauen zu benachteiligen.“

Klingt optimistisch und ausgewogen, mithin ist eine Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung dafür der richtige Platz, oder? Nun, über Hübschs Koran-Auslegung könnte man streiten und andere Zitate heranziehen, doch wenn man den Umgang des Propheten mit seinen Frauen zum Beweis für den frauenfreundlichen Islam nimmt, hätte man dann nicht auch Aischa erwähnen müssen, die der Prophet ehelichte, als sie neun Jahre alt war? Vielleicht hat das ja auch Auswirkungen auf das Frauenbild von Strenggläubigen gehabt.

Doch solche unbequemen Tatsachen haben im Islam-Bild, das Khola Maryam Hübsch zeichnet, keinen Platz. Sie beruhigt uns stattdessen mit der Feststellung: „Viele muslimische Frauen möchten aber nicht zulassen, dass die Deutungshoheit über ihre Religion von Ideologen bestimmt wird.“

Wie schön. Dann übersehen wir also nur die vielen muslimischen Frauen, die völlig selbstbestimmt ihr Leben in die eigene Hand nehmen und genießen? Naja, eher so: „Sie leben einen spirituellen Islam, der die Gleichheit von Mann und Frau betont. Für beide Geschlechter gilt die Philosophie, die den Islam im Kern ausmacht: die Überwindung des Egos, um sich Gott hingeben zu können. Dazu gehört, leidenschaftliche Triebe mit der Vernunft zu steuern, um moralische Eigenschaften zu entwickeln. Der oft missbrauchte Begriff ‚Dschihad‘ meint ursprünglich diesen Kampf des Menschen gegen sein eigenes Ego, gegen niedere Leidenschaften.“

Also statt individueller Freiheit, zu der natürlich auch die Verantwortung des Einzelnen gehört, empfiehlt Frau Hübsch den Dschihad gegen das eigene Ego. Als individuelle Glaubens- und Lebensentscheidung ist das natürlich legitim. Es als Akt der Gleichberechtigung anzupreisen, dass sich Mann und Frau gleichermaßen dem unterwerfen sollen, was der Prophet als Gottes Wille verkündet, ist hingegen ziemlich dreist. Zumal dann, wenn man anderen vorwirft, dass sie die Missachtung von Frauenrechten anprangern, auch wenn sie keine lupenreinen Feministinnen sind.

Sätze wie diese von Khola Maryam Hübsch wurden auch nach der Kölner Silvesternacht gern zur Entlastung der Tätergruppen vorgebracht: „Stutzig machen sollte auch die Tatsache, dass sich im aktuellen Diskurs über Flüchtlinge nun ausgerechnet diejenigen den Kampf gegen das Patriarchat auf die Fahnen schreiben, die bisher eher mit antifeministischen Positionen aufgefallen sind. Darunter rechtspopulistische Aktivisten, die die Frau sonst an den Herd wünschen. Spätestens hier dürfte deutlich werden: Die neuen alten Ressentiments gegen den muslimischen Mann sind auch Ausdruck eines Kulturchauvinismus, der den Feminismus vereinnahmt, um vom eigenen Sexismus und Rassismus abzulenken.“

Es ist ein alter Trick, gezielte Kritik auszuschalten, indem man jegliche Differenzierung ausmerzt und damit jeder Relativierung den Weg bahnt. Aber es gibt wichtige und festzuhaltende Unterschiede, auch zwischen jenen stockkonservativen oder reaktionären europäischen Männern, mit einem an Hausfrau und Mutter orientierten Frauenbild, die ihre Probleme mit selbstbewussten und selbstbestimmten Frauen haben und jenen muslimisch-arabischen Männergruppen, die jede Frau, die ihnen unverschleiert entgegentritt, als „Hure“ und legitimes Freiwild betrachten und auch dementsprechend behandeln.

Auch wenn man Erstere nicht mag, so sind sie doch weitaus harmloser als Letztere.  Wer krude Lebensauffassungen hat, kann sie in einer freien Gesellschaft pflegen. Aber wir dürfen nicht dulden, dass jemand versucht, sein ideologisches Weltbild mit Gewalt durchzusetzen. Diesen Unterschied dürfen wir uns nicht länger wegrelativieren lassen, wenn wir die Freiheit nicht verlieren wollen.

[1] Alle Zitate aus: http://www.fluter.de/attachment/000000189.pdf

[2] http://www.news.de/panorama/855629061/fluechtlingsheim-kamen-dreijaehrige-angeblich-vergewaltigt-asylbewerber-soll-maedchen-sexuell-missbraucht-haben/1/

[3] http://www.rp-online.de/nrw/staedte/moenchengladbach/bilder-aus-bus-sollen-vergewaltiger-ueberfuehren-aid-1.5690211

2 Kommentare

  1. Blinse

    Sauber geschrieben!

    „Es ist ein alter Trick, gezielte Kritik auszuschalten, indem man jegliche Differenzierung ausmerzt und damit jeder Relativierung den Weg bahnt.“

    Ja, dieser Trick funktioniert meistens auch in den Talkshows, da der so ‚überlistete‘ Gesprächspartner wegen der Relativierung erstmal einige Sekunden sprachlos ist. Das reicht im TV aus, um zum nächsten Thema bzw. Gast zu gehen. Nur einmal (!) habe ich einen Moderator sofort reagieren sehen auf derartige Verschleierungsversuche: Es war Frank Plasberg in ‚hart aber fair,‘ von vor 2 Wochen. Er fuhr Renate Künast sofort über’n Mund als sie diesen Trick anwenden wollte. Und so blieb es die ganze Sendung. Meine Verneigung dafür.

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  2. Eckart Reichl

    Eine herausragende Argumentation-danke!

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