Krisen-Wünsche für den „Islamischen Staat“

Es machte den Eindruck einer Siegesmeldung, als in allen Zeitungen lesen war, dass der „Islamische Staat“ den Sold seiner Kämpfer halbieren müsse. Künftig sollen einheimische Söldner – neben den ungekürzten Lebensmittelrationen für die Grundversorgung – nur noch 200 Dollar bekommen. Ausländische Kämpfer werden von 800 Dollar auf 400 Dollar monatlich gekürzt. Offenbar gehe dem „Islamischen Staat“ das Geld aus, hieß in allen Meldungen über die Soldkürzungen, die sich alle auf Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) beziehen. Auch wenn die SOHR keinesfalls unparteiisch ist, so gelten ihre Informationen doch als zuverlässig.

Also geht dem IS die Puste aus? Kann er keine Kämpfer mehr anheuern, weil ihm die Einnahmen aus dem Ölgeschäft fehlen, seit einige irakische Ölquellen verloren gingen? Sicher hat das selbsternannte Kalifat finanzielle Probleme und muss Ausgaben streichen, doch diesen Umstand schon für einen halben Sieg zu halten, verkennt die Art des Krieges, den der IS führt.

Das Kalifat setzt nicht allein auf territoriale Herrschaft in einem geschlossenen Staatsgebiet. Das ist zwar hilfreich aber nicht notwendig. Jede Art von Angriff ist den Islamisten möglich, an jedem Ort. Was die Wahl der Waffen und der Schlachtfelder anbelangt, kann der IS viel flexibler die Initiative ergreifen, als seine Gegner.

Schon zum Jahreswechsel verwies so mancher Berichterstatter die Hoffnung auf ein Zusammenbrechen des IS nur aufgrund erlittener Niederlagen ins Reich der Illusionen. Natürlich bleibt keine Niederlage folgenlos, doch wie schrieb es ein Kollege der dpa schon zum Jahresbeginn, quasi als Neujahrsgruß von der Front: „Doch in den Stunden der Schwäche beweist die Terrormiliz ihre Wandlungsfähigkeit und Flexibilität, die sie schnell an neue Situationen anpassen lässt. Der IS lebt von seinem Expansionsdrang. Seine Popularität zieht er aus dem Ruf, eine starke, rücksichtslose Macht zu sein. Fehlen militärische Erfolge, um das zu untermauern, müssen sie ersetzt werden – durch Propaganda oder Terroranschläge.“

Je mehr der „Islamische Staat“ militärisch in die Enge getrieben wird, desto mehr steigt die Gefahr von Anschlägen, die dem IS immerhin noch genug scheinbare Siege zur Bewahrung der Attraktivität für andere islamistische Terrorgruppen bescheren. Militärischer Niederlagen des IS zum Trotz sehen sich selbst die Taliban in ihrer Heimat Afghanistan plötzlich mit islamistischen Kämpfern konfrontiert, die sich nicht ihnen, als den Platzhirschen, anschließen, sondern lieber dem IS.

Zum neuen Jahr hat der dpa-Kollege das ganz treffend so beschrieben: „Weil im eigenen Herrschaftsgebiet, dem ‚Kalifat‘, Erfolge gegen den ‚nahen Feinde‘ rar werden, wendet sich der IS dem ‚fernen Feind‘ im Ausland zu. Ins Visier der Miliz geraten dabei die ‚Kreuzfahrer‘, die im Irak und in Syrien gegen sie kämpfen.

Generell trieb der IS 2015 seinen Wandel von einer regionalen Kraft zu einem internationalen Netzwerk voran. Ableger der Extremisten finden sich mittlerweile nicht nur im Jemen, in Ägypten, Libyen oder Tunesien, sondern auch in Südostasien. So hat der IS seinem Konkurrenten Al-Kaida den Rang als mächtigste Terrororganisation abgelaufen. Dazu trägt auch das riesige Herrschaftsgebiet in Syrien und im Irak bei, in dem die Miliz zwar keinen vollwertigen Staat hat, aber doch ein ‚dschihadistisches Staatsbildungsprojekt‘, wie es der Nahost-Experte Volker Perthes in seinem Buch ‚Das Ende des Nahen Ostens‘ nennt.“[1]

Dennoch ist eine gravierende Geldknappheit ein härterer Einschnitt als ein Rückzug mit Verschiebung der Frontlinie. Vielleicht sind es auch nicht so sehr die fehlenden öleinnahmen, die jetzt zur Soldkürzung führten, sondern möglichweise fließen auch die Sponsorengelder aus den Golfstaaten nicht mehr so üppig, wie noch vor wenigen Monaten.

Allerdings werden sich die Herren des Kalifats sicherlich nicht mit den Einnahmeausfällen abfinden, sondern sie zu kompensieren versuchen. Und dies möglicherweise analog zu ihrer Angriffsstrategie. Das Geschäft mit Geiseln und Lösegeld beispielsweise lässt sich auch auf andere Weltgegenden ausdehnen. Und warum sollten IS-Kämpfer nicht bald auch Banken im Westen überfallen? Unislamische Geldinstitute auszurauben dürfte dem selbsternannten Kalifen als gottgefälliges Werk dienen. Die IS-Finanzplaner können an dieser Stelle skrupellos ideenreich sein. Wahrscheinlich viel ideenreicher als der Autor dieser Zeilen.

Statt also die Kürzungspolitik im „Islamischen Staat“ erleichtert als kleinen Sieg zu verbuchen, muss man sich darauf einstellen, dass die Islamisten zunächst einmal noch gefährlicher geworden sind, speziell für Westeuropa, aber nicht nur.

Um die Kassen zu füllen könnte das Kalifat die eigenen Untertanen stärker zur Kasse bitten. Und Söldner, die Einbußen hinnehmen müssen, greifen umso leichter beim Ausrauben von rechtlosen Zivilisten zu. Viele Szenarien sind hier denkbar.

Außerdem sind in  etlichen Regionen der Welt selbst für die reduzierten Honorarsätze noch islamistische Kämpfer zu finden, für die sich keine lukrativere Beschäftigung findet. Mit protestierenden IS-Kämpfern, die dem Kalifen ihre Tarifforderungen vortragen, ist daher nicht zu rechnen. Allenfalls könnte der eine oder andere, der des Krieges ohnehin leid ist, sich überlegen, zu desertieren und nach Europa zu fliehen, von dem man hör, dass einige Länder jedem Ankömmling Rundumversorgung bietet.

Über kurz oder lang wollen die Finanzplaner im Kalifat ohnehin eine eigene Währung einführen und nicht mehr in der Leitwährung der „Ungläubigen“ abrechnen, wie auch dpa wieder berichtet: „Sogar Gerüchte über eine eigene Währung kursieren immer wieder. Ein aufwendig produzierter Film mit dem Titel ‚Die Rückkehr des Gold-Dinar‘ zählt unter den Dschihadisten zu den populärsten Videos. Darin droht der IS, das ‚satanische Finanzsystem‘ des Westens zu zerstören. Bislang ist eine eigene Währung nur ein Hirngespinst. Eigene Münzen aber will der IS schon geprägt haben.

 

[1] Zitiert aus:  http://www.handelsblatt.com/politik/international/islamischer-staat-in-geldnot-is-halbiert-offenbar-zahlungen-an-seine-kaempfer/12854322.html. Alle Zitate des Artikels stammen aus dieser Quelle.

 

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