Niemand hat die Absicht, politische Inhalte vorzugeben.

Wieder äußert sich die Journalistin, die kurzzeitig als Kronzeugin für politisch-inhaltliche Anweisungen im WDR galt und dann – zusammen mit ihrem Sender und Auftraggeber – wieder dementierte. Was sagt sie nun? Und welche Wortmeldungen kommen von anderen freien Mitarbeitern des WDR? Vielleicht zuvor ein kleiner Rückblick.

Sie erinnern sich natürlich noch: Erst antwortete die freie WDR-Journalistin Claudia Zimmermann in einer Gesprächsrunde eines niederländischen Radiosenders auf die Frage, ob Sie Anweisungen bekomme: „Ja, im Prinzip nicht. Aber wir sind ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, das heißt, es gibt verschiedene Kommissionen, die bestimmen, wie unser Programm aussehen soll. Und wir sind natürlich schon angewiesen, das ein bisschen pro-Regierung zu tun.“ Und auch dieser Satz sorgte für Aufsehen, erinnert er doch eher an die Arbeit von Propagandisten als von Journalisten: „Es gab eine politische Mission und wir haben in die Richtung berichtet.“[1]

Diese von einer Deutschen live niederländisch gesprochenen Worte wurden ins Deutsche übersetzt und fanden den Weg ins Heimatland der Sprecherin, die für das WDR-Studio in Aachen arbeitet. Und plötzlich wurden sie zum Skandal, Zimmermann avancierte zur Kronzeugin, vielleicht nicht gleich für die „Lügenpresse“, aber doch für stramm tendenzielle Berichterstattung. Zumindest in der Asylfrage.

In einer Zeit, in der sich die offene Diskussion über das allgemeine Beschönigen der Zuwanderungsrealität nicht mehr vermeiden ließ, fielen Zimmermanns Sätze auf fruchtbaren Boden. All ihre relativierenden Halbsätze bekam niemand mit. Und man musste ihr doch glauben, denn die Berichterstattung veränderte sich unter dem Druck der Verschweigens-Debatte gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk spürbar. Außerdem – wie zur Bestätigung aller Vorwürfe zur Regierungstreue der Gebührensender – vollführte der SWR seinen Eiertanz um die Spitzenkandidaten zu den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Weil die rot-grünen Regierungsvertreter beider Länder nicht mit der AfD sprechen wollten, wurden die Schmuddelkinder wieder ausgeladen. Wie sollte das nicht danach aussehen, als dass ein öffentlich-rechtlicher Sender Vorgaben der Regierenden folgt?

Aber zurück zu Claudia Zimmermann. Von ihr hörte man alsbald ein Dementi. Natürlich gäbe es keine Vorgaben, wie zu berichten sei, verkündete sie nach einem Gespräch mit dem WDR. Sie bedaure ihren Fehler, der ihr unglaublich peinlich sei, aber nur der Unsicherheit in der Live-Situation geschuldet wäre.

Nun mochten viele nicht recht glauben, dass diese Äußerung ohne jeden Druck zustande kam. Weiter äußern zu dem Fall mochte sich die Kollegin  eine Zeit lang auch nicht. Jedem war klar, dass die 54-jährige Journalistin, die seit zwei Jahrzehnten für das WDR-Studio Aachen arbeitet, um ihre Existenz fürchten musste. Da sie beim Sender nicht fest angestellt ist, kann der sich jederzeit fristlos und ohne Begründung von ihr trennen. Eine Situation, in der sich die allermeisten Kollegen befinden, von denen die Beiträge fürs gebührenfinanzierte Radio und Fernsehen produziert werden.  Im Alter von 54 Jahren und nach 20 Jahren Arbeit für einen dominierenden Auftraggeber sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt der Medienschaffenden ziemlich gering.

Mit dem öffentlichen Kotau einer abweichlerischen Freien war die Debatte im WDR aber noch nicht beendet. Hinterdrein kam nun noch ein „Offener Brief“ der freien Mitarbeiter, mit dem sich einige Unterzeichner hinter ihren Sender stellten. Vielleicht sollte man ihnen wünschen, dass den nicht allzu viele Kritiker der öffentlich-rechtlichen Medien lesen. Zumindest keine Älteren aus dem Osten, denn – sicher ungewollt – erinnert der hölzerne Duktus sehr an die von SED-Propagandisten vorformulierten Zustimmungserklärungen einiger Kollektive aus „Volkseigenen Betrieben“ der DDR zu gerade aktuellen Parteitagsbeschlüssen, Dabei sollte es sicher gerade nicht nach Propaganda klingen.

„Niemand schreibt uns einen einseitigen oder parteipolitischen Inhalt vor. Politisch im freiheitlich-demokratischen Sinne, der sich im WDR-Gesetz ausdrückt, sind wir allerdings. Dort steht zum Beispiel unter Art.4.: ‚Der WDR soll die internationale Verständigung, die europäische Integration, den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ein diskriminierungsfreies Miteinander in Bund und Ländern und die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern fördern, zum Frieden und zur sozialen Gerechtigkeit mahnen, die demokratischen Freiheiten verteidigen und der Wahrheit verpflichtet sein‘
Die meisten Beiträge im Fernsehen und Hörfunk erstellen wir Freie. Und wir werden weder vom Rundfunkrat, noch von „Kommissionen“, Regierungsstellen oder von Redaktionen dazu angehalten, in unseren Berichten einer bestimmten Richtung zu folgen. Themen werden in den Redaktionen kontrovers diskutiert, so wie es sich für eine Demokratie und einen demokratisch kontrollierten Sender gehört. Dazu zählen auch Gestaltungsfragen wie Dreh, Schnitt usw…, denn die Erstellung eines Radio- oder Fernsehbeitrags ist immer auch Teamarbeit. Niemand gibt uns aber politische Inhalte vor.“[2]

Es ist selbstverständlich irrelevant, dass ich bei dem letzten Satz plötzlich an Walter Ulbrichts berühmte Worte „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ denken muss.  Wollen wir es auch dahingestellt sein lassen, ob nicht auch beim WDR am Ende doch das gewichtige Wort des verantwortlichen Redakteurs mehr zählt als der musterdemokratische Entscheidungsprozess mit den Freien.

Interessant ist aber schon, dass sich die Kollegen bei ihrem Bekenntnis zur Pressefreiheit nicht auf das verfassungsmäßige Grundrecht berufen, sondern auf das WDR-Gesetz, das  ja an sich schon inhaltliche Vorgaben macht, wenn auch auf den ersten Blick natürlich nur gute und richtige. Aber darf ein WDR-Mitarbeiter dann beispielsweise vor dem Verlust demokratischer Mitbestimmungsrechte an demokratisch nicht legitimierte EU-Institutionen warnen? Darf er verständnisvoll über Menschen berichten, die für die Bewahrung verbliebener Souveränitätsrechte eintreten, oder verstößt er damit schon gegen das Gebot, mit seiner Arbeit die „europäische Integration“ zu fördern? Das ist natürlich eine Interpretationsfrage. Ebenso wie die, ob eine Kritik an der Zerstörung deutscher Sprachkultur durch immer neue Regeln einer ausschließlich verordneten und nicht gewachsenen „geschlechtergerechten Sprache“ nun gegen das Prinzip „tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männer“ zu fördern verstößt? Dabei könnte die Warnung vor Übertreibungen es vielleicht auch verteidigen. Erinnert sei hier an den zwar jedem Journalisten bekannten aber kaum noch beherzigten Satz von Hanns Joachim Friedrichs: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Der Satz ist auch das Motto des alljährlich verliehenen Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises. Einer der Schirmherren des Preises ist übrigens WDR-Intendant Tom Buhrow.  Damit zurück zum WDR und dem „Offenen Brief“.

Der Schlusssatz dieses Schreibens hätte früher stilistisch auch gut in eine Parteiversammlung gepasst: „Unser Appell lautet deshalb: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss gestärkt werden. Er ist ein Gegenpol zu einer einseitigen, populistischen Berichterstattung. Und das sollte auch so bleiben.“ Gut, eine „einseitige, populistische Berichterstattung“ hätte wahrlich einen Gegenpol verdient. Aber wo gibt es den? Beim WDR? Zumindest in Sachen „Willkommenskultur“ und dem Umgang mit deren Kritikern herrscht doch seit dem Sommer selbst zwischen WDR und „Bild“ inhaltlich nahezu Gleichklang.

Doch kommen wir endlich zurück zu Claudia Zimmermann. Die hat sich jetzt nun doch wieder zu Wort gemeldet. In einem Interview mit rp-online.de beschreibt sie, was sie eigentlich sagen wollte, ohne Fremdsprache und Rückübersetzung. Vielleicht ist das ein Zeugnis der journalistischen Wirklichkeit.

„Unausgesprochen haben sich fast alle Journalisten über Jahre einen Maulkorb auferlegt, so wie auch die Polizei und die Politik. Wir haben doch alle die Tatsachen verschwiegen, political correctness falsch verstanden.

Frage: Und dann kam Merkel mit ihrer Willkommenskultur …

Genau. Und dass wir Journalisten, egal ob wir regierungsfreundlich oder regierungsfeindlich eingestellt sind, auch in einer gewissen Euphorie zu diesem ausgegebenen Slogan der Willkommenskultur standen, ist doch nur klar. Wer wollte denn Merkel stoppen, als sie so mutig vorpreschte? Ich habe doch nur ausgedrückt, was alle wussten.

Frage: Der WDR kam in der Vergangenheit nur selten in den Verdacht, allzu merkelfreundlich zu berichten.

Ja, wenn man den ganzen Talk hört, dann hört man auch, dass ich unterbrochen wurde. Niemals gab es senderintern Anweisungen, merkelfreundlich zu berichten. Nur, es gibt auch eine gefühlte Wirklichkeit. Ich habe das eben so empfunden, dass man als Journalist in diesen Monaten, als die Flüchtlinge kamen und manche dann auch straffällig wurden, nicht allzu kritisch berichten sollte.

Frage: Wie geht es weiter mit Ihnen?

Ich weiß es nicht. Natürlich habe ich Angst, dass ich entlassen werde.“[3]

[1] Alle Zitate aus der Radiodiskussion zitiert nach: http://uebermedien.de/1046/wdr-mitarbeiterin-bestaetigt-und-dementiert-tendenzioese-berichte/

[2] Alle Zitate aus dem Offenen Brief zitiert nach: http://wdr-dschungelbuch.de/wp/offener-brief-freie-mitarbeiterinnen/

[3] http://www.rp-online.de/panorama/fernsehen/wdr-journalistin-claudia-zimmermann-rechtfertigt-sich-aid-1.5709516

 

1 Kommentar

  1. dentix07

    > Da sie beim Sender nicht fest angestellt ist, kann der sich jederzeit fristlos und ohne Begründung von ihr trennen. Eine Situation, in der sich die allermeisten Kollegen befinden, von denen die Beiträge fürs gebührenfinanzierte Radio und Fernsehen produziert werden. Im Alter von 54 Jahren und nach 20 Jahren Arbeit für einen dominierenden Auftraggeber sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt der Medienschaffenden ziemlich gering. <
    Unter solchen Bedingungen würden in jeder anderen Branche bei der Arge, dem Zoll und Finanzamt die Alarmglocken schrillen und Scheinselbstständigkeit vermutet werden! (Kann aber sein, daß freischaffende Journalisten da gesetzlich ausgenommen sind!)

    Hab' ich's schon mal erzählt? Zu Zeiten Nobert "Nobby" Blüms und seiner "Jahrhundert-Gesundheitsreform" wurde ein in der Berufspolitik engagierter Zahnarzt von einem WDR-Fersehteam (!) in seiner Praxuis zu der Reform interviewt. Nachdem der Beitrag gesendet war stellte der Zahnarzt den Journalisten zur Rede warum Politik und Krankenkassen je 30 Sekundestatements hatten, er aber nur 10 Sekunden und warum seine zentrale Aussage herausgeschnitten wurde? Der Journalist entschuldigte sich damit, daß das nicht er, sondern sein Redakteur gewesen sei. Der hätte gemeint der Beitrag würde sonst zu zahnarztfreundlich!

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