„Das Böse erscheint mir so sinnlos“

„Für alle Qual, die das Gesetz mir verursacht hat, wird die Entschuldigung sein: Der Irrtum. Der Mensch irrt. Bösen Willens kann er nicht sein. Wäre es dennoch so, ich möchte nicht einen Augenblick länger leben. Das Böse erscheint mir so sinnlos, so unvernünftig. Der Sinn ist der Grund, die Ursache, das Fundament; der Stein, auf dem sich alles aufbaut. Der Sinn ist die Brücke. Alles aber ist Liebe. Und was alles ist, kann nicht fehlen.“

Von einem „wunderlichen und unbegreiflichen“ Buch sprach Hermann Hesse, kurz nachdem im Mai 1919 ein kleines Bändchen mit dem schlichten Titel „Gefängnis“ erschienen war: Eine junge Frau erzählt darin von ihrer Zeit in Haft, vom Trauma, weggesperrt zu werden.

Emmy Hennings: „Das Gefängnis – Das graue Haus – Das Haus im Schatten“ © Wallstein Verlag Die gebürtige Flensburgerin war mit dem Künstler Hugo Ball verheiratet und gehörte zum Kreis der Dadaisten.

Die Frau hieß Emmy Hennings, sie war Schauspielerin und Kabarettistin, sie war vor 100 Jahren an der Gründung des „Cabaret Voltaire“ in Zürich und damit an der Entstehung des Dadaismus beteiligt – und sie war offenbar eine begnadete Dichterin. „Ein Wunder von einem Buch“ habe sie geschrieben, sagte Hesse, der mit dem Schwärmen gar nicht mehr aufhören konnte.[1]

Der Göttinger Wallstein-Verlag bringt jetzt Emmy Hennings‘ „Gefängnis“ und ihre beiden Nachfolgeromane in einem großen Studienband heraus.

Die 29-jährige Emmy Hennings kommt 1914 in Untersuchungshaft, weil sie angeblich einen Freier bestohlen hat. Kurz nach ihrer Entlassung wird sie erneut verhaftet, diesmal weil sie eine Freundin, deren Mann während seines Fronturlaubs nach Österreich desertiert ist, aufs Polizeipräsidium begleitet, wo diese für sich und die Kinder Reisepässe beantragen will. Sie werden der Passfälschung und Fluchthilfe verdächtigt, Hennings fünf Wochen lang in „militärische Schutzhaft“ genommen. Sie beteuert ihre Unschuld, wird aber immer wieder verhört – sie glaubt, man werde sie lebenslänglich einsperren.

„Mir ist, als hätte ich für immer einen Schock bekommen, einen Knacks, der sich nicht rückgängig machen lässt“, schreibt sie über die sie traumatisierenden Erlebnisse. Ihre Möglichkeit der Bewältigung war die künstlerische Be- und Verarbeitung. Zunächst schrieb sie Gedichte, dann den Roman „Gefängnis“, der 1919 erschien; dann noch zwei weitere Romane, „Das graue Haus“ und „Das Haus im Schatten“, die beide zu Lebzeiten unpubliziert blieben.[2]

Zu den Rezensionen folgen Sie bitte den Fußnoten

Emmy Hennings: Gefängnis – Das graue Haus – Das Haus im Schatten

Christa Baumberger (Hg.), Nicola Behrmann (Hg.), Mitarbeit von Simone Sumpf. Mit einem Nachwort von Christa Baumberger.

Wallstein 2016 · 576 Seiten · 24,90 Euro ISBN: 978-3-8353-1834-2

[1] http://www.ndr.de/kultur/buch/Emmy-Hennings-Das-Gefaengnis-Das-graue-Haus-Das-Haus-im-Schatten,emmyhennings102.html

[2] http://www.ndr.de/kultur/buch/Emmy-Hennings-Das-Gefaengnis-Das-graue-Haus-Das-Haus-im-Schatten,emmyhennings102.html

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