Die Ethik deutscher Narren

„Satire darf alles“, hieß es einst. Und jetzt zur Karnevalszeit könnte sich mancher daran erinnern, dass es in früheren Zeiten gerade den Narren vorbehalten war, das auszusprechen und über das zu lachen, worüber man sonst schwieg. Aber jetzt, da wir schon jahrzehntelang in einem freien Land mit garantiertem freien Rederecht leben, denken die organisierten Narren lieber ernsthaft darüber nach, worüber sie lachen dürfen und worüber nicht.

„Der Karneval lebt von der Satire. Wir Narren halten der Politik einen Spiegel vor“, sagt Rainer Rentzsch, der Ordenskanzler vom Verband Sächsischer Carneval (VSC)[1]. Eine schlichte Selbstverständlichkeit eigentlich, die der Narren-Funktionär gar nicht extra hätte aussprechen müssen. Satire darf doch alles und Narren auch, gerade in den „tollen Tagen“.

Doch das scheint für die Narren-Organisationen so nicht mehr zu gelten. „Uns brennen viele Themen unter den Nägeln. Doch ich packe die heißen Eisen gegenwärtig lieber mit Samthandschuhen an“, gesteht Hannelore Fischer, die Präsidentin vom Skifasching in Oberwiesenthal. Konkret gilt bei ihr: „Wir wollen keinen im Publikum verprellen, also verzichten wir weitgehend auf aktuell-politische Bezüge in unserem Programm.“ Das hört sich schon anders an als beim Herrn Ordenskanzler. Auch dessen Vorsitzender beim VSC, Günter Bührichen, schränkt die Narrenfreiheit ein: „Wir haben mit den Vereinen gesprochen, Themen wie Flüchtlinge und Asyl nicht in den Umzug hereinzubringen.“

Hat sich der offizielle deutsche Vereins-Narr nun von der Satire, die alles darf, generell verabschiedet, oder ist es nur die spezielle Rücksicht auf Asylbewerber? Eine Antwort findet man vielleicht in der Ethik-Charta des Bundes Deutscher Karneval, die seit 2008 gilt. Und das liest sich nicht gerade wie ein Papier aus frecher Narrenhand, sondern eher wie Benimm-Regeln aus dem Kindergarten. Kostprobe: „Lachen auf Kosten anderer hat am Ende immer einen schalen Nachgeschmack. Lachen miteinander bleibt in bester Erinnerung.“[2] Oder vielleicht hier: „Fastnacht, Fasching und Karneval dürfen niemandes Gefühle verletzen. Das gilt in ganz besonderem Maße für den Umgang mit religiösen Dingen. Ebenso wie die anderen Weltreligionen hat das Christentum – als die prägende Kraft europäischer Kultur und als Rahmenbedingung unseres Tuns zumal – Anspruch auf gebührenden Respekt.“

Wie bitte? Satire darf niemanden verletzen? Wenn sich keiner getroffen fühlt, dann ist es doch keine Satire. Muss man das heutzutage dem deutschen Vereinsnarren wirklich erklären? Besonders bezeichnend ist ja die Fürsorge für die Christen. Weil gegenwärtig zwar oft über die Kirchen böse gelästert wird, während man Spott über die schnell beleidigten Muslime gern meidet, sehen die offiziellen Narren einen Gleichstellungsbedarf. Doch statt klar zu sagen, dass sich hierzulande auch die Anhänger Mohammeds daran gewöhnen müssen, dass in einer freien Gesellschaft auch über Dinge gelacht werden darf, die anderen heilig sind und dass zur Freiheit auch das Aushalten von Geschmacklosigkeiten gehört, soll man lieber mehr Rücksicht auf die Kirchen nehmen?

Rücksicht ist in der Narren-Ethik wichtig, denn sie stellt sich großen gesellschaftlichen Aufgaben: „Eine große Herausforderung für die Gegenwart und Zukunft von Fastnacht, Fasching und Karneval  stellt die Integration von Migranten ins Brauch- und Festgeschehen dar.“

Also einfaches satirisches Narrenspiel reicht heutzutage nicht mehr aus, um ein verantwortungsvoller Narr zu sein. Humor ist wirklich eine zu ernste Sache, als dass man ihn den unorganisierten Laien überlassen kann. Oder sollte diese Narren-Ethik vielleicht eine unverstandene Realsatire sein? Dazu klingt die narrenamtliche Faschings-Definition etwas zu ernst: „Fastnacht, Fasching und Karneval dürfen nicht auf Grund kulturhistorischer Kenntnislosigkeit an den Schaltstellen der Politik als temporäre Spielräume für flache Blödeleien und anspruchslose Massenunterhaltung missverstanden werden, sondern müssen als in der europäischen Ideen- und Geistesgeschichte tief verankerte komplexe Kulturphänomene und als Teil des kulturellen Gedächtnisses der abendländischen Welt, die Wertschätzung gerade der Verantwortung tragenden Eliten genießen.“

Na dann Helau, Alaaf oder was auch immer!

[1] Alle Zitate von sächsischen Vereinsfunktionären aus: https://mopo24.de/nachrichten/sachsen-karneval-fasching-jecken-witze-themen-46042

[2] Alle Zitate aus der Ethik-Charta: http://www.karnevaldeutschland.de/86.html

2 Kommentare

  1. Emmanuel Precht

    Niedecken gehört zur Schmierschicht auf der die Weltenscheibe nach links abrutscht.

    Wohlan…

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  2. dentix07

    Der Refrain aus „Nit für Kooche“ von BAP (Niedecken) [Kölner Mundart-Rocker]

    „Oh, nit für Kooche, Lück,
    bliev ich Karneval he.
    Nä, ich verpiss mich hück
    ich maach nit met dobei.“

    Auch der Rest des Textes ist treffend! s. hier [http://www.bap.de/start/musik/songtexte/titel/nit-f%C3%BCr-kooche]
    Nur die „tausend Jahre“ müsste Niedecken wohl heute durch „hundert Jahre“, bzw. 41 Jahre (1949-1990) ersetzen! (Was er nicht tun wird/würde! Denn in genau dem – inzwischen politisch korrekten – Denken ist auch er gefangen!)

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