Russische Werften an deutschen Küsten

Russische Investoren, die dem Kreml mehr als nahe stehen, kaufen gezielt deutsche Werften auf. Sie rechnen mit Aufträgen zur Modernisierung der russischen Marine. Während diese maritimen Coups nahezu ungestört über die Bühne gehen üben sich deutsche Politiker in kleinlichen und peinlichen Nadelstichen gegen Moskau, wie dem Einlaufverbot für eine russische Fregatte zur Kieler Woche.

Beim Geld hört nicht nur die Freundschaft auf, es kann auch gut aktuell praktizierte Feindschaften überwinden. Einerseits wird mit Sanktionen gegen Moskau und Persönlichkeiten aus dem Machtapparat gedroht, doch wenn auf der anderen Seite der russische Investor kommt, ist er noch immer hoch willkommen. Auch dann, wenn die Russen gezielt eine Werft nach der anderen übernehmen.

Der jüngste Erfolg der russischen Werftkäufer ist die Ende Mai vereinbarte Übernahme der Volkswerft Stralsund durch Witali Jussufow und sein Unternehmen Nordic Yards.

Offiziell ist über den Kaufpreis nichts bekannt, aber Jussufow soll 5 Millionen Euro geboten haben und weitere 1,5 Millionen Euro sobald das Unternehmen Gewinn abwirft. Doch entscheidend sind die versprochenen Investitionen und Aufträge. 260 Arbeitsplätze – so der Plan – werden damit gerettet, ihre Zahl soll auf 500 in den nächsten Jahren steigen. Damit ist Jussufow im deutschen Nordosten zum Werften-König aufgestiegen, denn ihm gehören schon die Werften in Wismar und Warnemünde.

Über die Nähe zum russischen Präsidenten Putin kann eigentlich kein Zweifel bestehen. Die gab es schon zum Vater, Igor Jussufow. Als Wladimir Putin in den Kreml einzog, machte er Jussufow senior zum Minister, später zum Energie-Sonderbeauftragten. Mit dem Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew verbrachte er einige Jahre an der Spitze des Energiekonzerns Gazprom.

Die Nähe zum Energieriesen war auch für den Junior in seiner Karriere wichtig. Matthias Warnig, Ex-Stasi-Mitarbeiter und Geschäftsführer des Ostsee-Pipeline-Konsortiums North Stream, beschäftigte den jungen Mann zeitweise als Büroleiter. Nach einer Karriere bei North Stream stieg er unter anderem ins Werften-Geschäft ein.

Die ersten Übernahmen deutscher Werften gelangen ihm mit hochkarätiger Protektion. Im Juli 2009 soll der damalige russische Präsident Medwedew den jungen Witali Jussufow der Kanzlerin Angela Merkel als Retter der kriselnden Werften Warnemünde und Wismar empfohlen haben. Immerhin standen damals viele Arbeitsplätze in der strukturschwachen Gegend auf dem Spiel und der russische Investor bedeutete die Rettung. Seine ersten deutschen Werften arbeiten auch immer noch, wenn auch mit weniger Beschäftigten. Als nun in den letzten Monaten ein Retter für die Volkswerft Stralsund gesucht wurde, da hatte Jussufow gute Karten. Politisch bereitete das Geschäft im Nordosten trotz Ukraine-Krise keine nennenswerten Probleme. Und der Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann fremdelte ebenfalls nicht, denn es war nicht sein erstes Werften-Geschäft mit einem russischen Investor.

Schon 2013 – das Ausmaß der Ukraine-Krise war noch nicht zu erahnen – fragten russische Investoren beim Verband für Schiffbau und Meerestechnik an, ob es nicht möglich wäre, deutsche Werften zu übernehmen. Der Verband empfahl den Kontakt zu Brinkmann, denn der hatte als Insolvenzverwalter gleich für zwei insolvente Werften eine Zukunftsperspektive zu finden. Neben der in Warnemünde war dies der 380 Jahre alte Schiffsbaubetrieb J. J. Sietas in Hamburg. Dieser ging dann bereits im März 2014 an die Pella Shipyards der Familie Zaturow aus St. Petersburg. Zaturows versprachen Investitionen und bekamen die Traditionswerft für 7 Millionen Euro, was als Schnäppchenpreis gilt.

Doch die Russen überzeugen mit ihren Versprechen, Aufträge aus der Heimat zu akquirieren. Dass solche Ankündigungen durchaus Substanz haben können, zeigen die Ankündigungen Wladimir Putins, die Handels- und Kriegsflotte Russlands zu modernisieren. Allein 500 zivile Schiffe will das Land bis Land bis 2030 bauen bzw. bauen lassen. Der Kreml möchte die Aufträge zwar möglichst im Lande vergeben, doch mit dem Ausmaß der Flottenmodernisierung sind die russischen Schiffsbauer allein überfordert.

Dass das russische Kaufinteresse an deutschen Werften nicht zufällig kommt, sagen auch manche Käufer ganz offen. Der Manager von Pella Shipyard, Garegin Zaturow, ließ sich nach dem Kauf der Sietas-Werft von der FAZ so zitieren: „Wir sind ein privates Unternehmen. Aber unsere Strategie ist mit dem zuständigen Komitee des russischen Präsidenten abgestimmt.“ Das ist Klartext.

Die Politiker im deutschen Nordosten haben damit offenbar auch kein Problem, auch wenn offiziell und fürs Publikum gerade demonstrative Affronts gegenüber dem Kreml gepflegt werden. Das Auswärtige Amt beschäftigt sich mit solch kleinlichen Sticheleien, wie der Verweigerung der Einlaufgenehmigung für eine russische Fregatte, die zur Kieler Woche Ende Juni eingeladen worden war. Doch wenn es um handfeste Interessen geht, siegt doch immer noch die kaufmännische Vernunft.

Die Übernahme der Volkswerft durch Jussufow erfuhr nach monatelangen Verhandlungen noch einmal eine Störung kurz vor Abschluss durch das Angebot eines Investors aus Lettland. Der warb mit mehr Investitionen und mehr Arbeitsplätzen, nur eines blieb es schuldig, ein belastbares Finanzierungskonzept. Durch das Beleihen von Rohdiamanten wollte er den Werftendeal finanziell stemmen. Für Mecklenburgs regierende Politiker war dies nur unseriöses Störfeuer. Ob das Angebot in letzter Minute der Hoffnung geschuldet war, von der antirussischen Stimmung in der deutschen Politik profitieren zu können, ist ungewiss. Immerhin hat diese Stimmung nicht dazu geführt, den Deal mit Jussufow platzen zu lassen.

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