„Scheene Demogradn“

Der letzte sächsische König Friedrich August III. hat sich vor allem mit einem Satz im Gedächtnis der Nachkommen seiner Untertanen eingegraben: „Nu da machd doch eiern Drägg alleene!“ („Macht doch euren Dreck allein!“) soll er 1918 beim Unterzeichnen der Abdankungsurkunde gesagt haben. Und wenn der Sachse dann seinen Dreck allein machte, dann fiel er offenbar schon damals gern aus dem Rahmen. 1923 beispielsweise. Damals wurden im Freistaat unter einer Koalition von SPD und KPD u.a. die „Proletarischen Hundertschaften“ mit Unterstützung des Landes ausgebaut. Das war eine paramilitärische Organisation, die anderswo in Deutschland als Gefahr für die junge Republik galt und daher verboten war. Im Oktober hielt denn auch der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert die sächsische Landesregierung für gefährlich, weshalb er sie unter Anwendung der Reichsexekution absetzen ließ und vorübergehend einen Reichskommissar mit der Regierung des Freistaats betraute.

Während es im Landtag eine linke Mehrheit gab, jubelten die Landeskinder dennoch auch ihrem abgedankten König zu, als er aus seinem schlesischen Exil zu Besuch nach Dresden kam. Der Ex-Monarch quittierte den Jubel der Sachsen launig mit den Worten: „Ihr seid mer ja scheene Demogradn!“ („Ihr seid mir ja schöne Demokraten!“). Also scheinen die Sachsen doch damals das Meinungsspektrum gern voll ausgeschöpft zu haben.

Glaubt man besorgten Redakteuren in nicht-sächsischen Medien oder in Hannover sozialisierten Politikern, so ist Sachsen heutzutage ein brauner Schandfleck voller „Mob“ und „Pack“. Erklären kann man sich deren Verhalten höchstens mit nicht überwundenen Prägungen aus den Zeiten der NS- und SED-Diktatur und zu wenigen Regierungswechseln in der Zeit nach der DDR. Natürlich hat bei derlei tiefgründiger Analyse niemand die Absicht, ein Bild vom Sachsen als braunes Abbild von Walter Ulbricht zu errichten, aber man muss sich ja ins Unvermeidliche fügen. Schließlich haben die dortigen Landeskinder ja einen Bus mit Asylbewerbern auf dem Weg zur Unterkunft blockiert und es haben dort auch ein paar Bautzener offen gezeigt, dass sie es gut fanden, als ein Haus rechtzeitig abbrannte, so dass erst gar keine Asylbewerber einziehen konnten. Und Pegida marschiert nun einmal unbeirrt jeden Montag durch Dresden, obwohl Bundesjustizminister Heiko Maas den Sachsen schon so oft gesagt hat, wie abstoßend, ekelhaft und abscheulich er das findet. Also muss man doch fragen dürfen: Warum ausgerechnet Sachsen?

Natürlich darf man das fragen, aber vielleicht ist das einfach nur eine Entlastungsfrage, um sich andere Fragen nicht stellen zu müssen? Vielleicht die danach, woher diese Wut kommt, die bis dato unbescholtene Bürger dazu bringt, beispielsweise im Kampf gegen neue Asylbewerberheime zuweilen den Anstand und den nötigen Abstand zu Rechtsextremen über Bord zu werfen? Diese Wut gibt es allerdings überall in Deutschland, in Sachsen ist sie nur sichtbarer.

Aber auf Sachsen lässt sich vieles gut projizieren. Weit im Osten gelegen, leben dort Menschen mit einem sonderlichen Dialekt, die – so kann man sich nötigenfalls einreden – mit einem selbst kaum etwas zu tun haben. Dazu ist es ein Land mit einer scheinbar geschlossenen eigenen Identität. Da ist eine solche Projektion komplikationsloser möglich als sie es in den Bindestrich-Ländern oder dem aus einstigen Kleinfürstentümern und preußischen Restbeständen zusammengesetzten Thüringen wäre. In Sachsen hingegen gibt’s nur Sachsen und die gehören fast alle zu Pegida, oder? Manchmal muss man doch im Kampf gegen Vorurteile auch vereinfachen dürfen.

Außerdem haben die Sachsen oft genervt. Die Staatsregierung beschloss ausgeglichene Haushalte ohne Neuverschuldung schon, da wusste der Bundesfinanzminister noch nicht einmal, dass man dergleichen einmal „schwarze Null“ nennen könnte. Und dann belegte Sachsen auch noch bei den PISA-Tests immer Spitzenplätze. Nun aber wird die dunkle Kehrseite ausgeleuchtet, nebst vielen pauschalen Deutungen, warum „der Sachse“ so rechtslastig, rassistisch und fremdenfeindlich ist.

Dass es in Sachsen mit seinen gut 4 Millionen Einwohnern möglicherweise mehr gibt, als nur Pegida-Chef Lutz Bachmann und seine aus dem Westen eingewanderte Frontfrau Tatjana Festerling mit ihren paar tausend Anhängern, sollte ja eigentlich eine Binsenweisheit sein. Liest man viele der Sachsen-Diagnosen aus den letzten Wochen, scheint das aber mancher Berichterstatter vergessen zu haben. Und wo schon das kaum durchdringt, überfordert man einen nichtsächsischen Beobachter sicherlich mit der Feststellung, dass schon das Zusammentreffen von Oberlausitzern, Vogtländern, Erzgebirglern, Leipzigern, Chemnitzern, Dresdnern und Niederschlesiern ein multikulturelles Erlebnis sein kann.

Wenn man sich fragt, warum Sachsen, dann darf man vielleicht vorher fragen, ob Sachsen wirklich rechter, rechtsradikaler oder rechtsextremer ist, als der Rest Deutschlands. Schauen wir doch mal nach Leipzig. Da geht es in der Tat zuweilen recht extrem zu. Auf dieser Seite hieß es dazu schon im Dezember: Was denken Sie, wenn Sie die folgende Aufzählung hören? Brandanschläge auf Bahnanlagen, mit denen der Zugverkehr einer Stadt lahmgelegt wird, während die Attentäter das Risiko eines Zugunglücks billigend in Kauf nehmen. Mehrere Überfälle auf Polizeiposten, bei denen mehrere Einsatzfahrzeuge vollständig ausbrennen. Anschläge auf Banken, Parteibüros und Firmen. Reihenweise Überfälle und tätliche Angriffe auf politische Gegner. Jede Menge ausgebrannte Privatautos. Überfälle auf Geschäfte in der Innenstadt, bei denen allein an einem Abend die Schaufensterscheiben von 40 Läden zerstört werden. Das ist nur ein Ausschnitt aus der aktuellen Jahresbilanz in einer Stadt. Sollten Sie jetzt ein strenges Vorgehen gegen die Täter für nötig halten, so liegen Sie völlig falsch. All das geschieht im Namen des Guten, des Fortschritts und vor allem des Antifaschismus. […] Falls Sie noch Schwierigkeiten haben, das zu akzeptieren, so bietet Ihnen die linksextreme Webseite linksunten.indymedia.org jetzt zur besseren Gewöhnung die Möglichkeit an, das Ganze einfach mal sportlich zu sehen. Denn das oben Aufgezählte ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was die linksextreme Szene in Leipzig in einem frühzeitigen Jahresrückblick für sich verbucht und damit den Titel „Randalemeister 2015“ für sich beansprucht.[1]

Die braunen Sachsen sind linksextreme Randalemeister? Sind sie vielleicht gar nicht so einseitig rechts, sondern vielleicht nur ein bisschen radikaler und extremer als andere Landsleute, aber dies in alle Richtungen? Geschieht dadurch vielleicht in Sachsen manches einfach manchmal nur verstärkt, quasi wie in einem Brennglas deutscher Verhältnisse? Das hätte immerhin Tradition, denn das gab es in der Vergangenheit schon öfter. In Sachsen, konkret in Leipzig, gründete Ferdinand Lassalle 1863 seinen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV). Das sieht die SPD bis heute als Geburtsstunde ihrer Partei. Und niemand hat je fragt, warum die SPD ihren Geburtsort ausgerechnet in Sachsen hat.

Im sächsischen Crimmitschau, damals ein Zentrum der deutschen Textilindustrie, gab es 1903/ 1904 den halbjährigen ununterbrochenen Streik der Textilarbeiter. Lange Zeit blieb es der längste und intensivste Streik in der deutschen Geschichte und hatte maßgeblichen Einfluss auf alle weiteren Arbeitskämpfe in Deutschland, weil er sowohl für Gewerkschaften, als auch für die Arbeitgeberverbände eine Art Lehrstück für die Konflikte der neuen Zeit war. Niemand kam aber auf die Idee, zu fragen, warum sich das ausgerechnet in Sachsen so zuspitzte.

1946 war es das Land Sachsen, in dem es eine Volksabstimmung über das „Gesetz über die Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes“ gab, mit der die SED für alle Jahrzehnte ihrer Herrschaft sowohl die Enteignungen der sowjetischen Besatzungsmacht als auch alle späteren eigenen im ganzen DDR-Gebiet legitimiert sah.

Und um mal einen großen zeitlichen und sachlichen Sprung zu wagen, waren es 2006 auch zuerst die Sachsen, die an der Universität Leipzig ihre Verwaltung sprachlich auf die Verwendung eines generischen Femininums verpflichteten. Fortan sollte es sprachlich nur noch Professorinnen geben. Keiner hat damals gefragt, warum das ausgerechnet in Sachsen gemacht wird. Befürworter wie Gegner des Beschlusses sahen darin einen Schritt in einem Prozess, der keine sächsische Spezialität ist, sondern nur gerade in Leipzig einen temporären Höhepunkt fand.

Und so ist es mit „Mob“ und „Pack“, mit Islamkritikern, mit Links- und Rechtsextremen auch. Oder mit der AfD. Als sie 2014 mit einem damals als Traumergebnis geltenden Resultat in den Landtag einzog, galt der Freistaat auch sofort als eine ihrer Hochburgen. Doch auch hier hat sich nur zuerst zugespitzt, was andernorts ebenso geschieht. Die Wahlergebnisse in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt werden die seinerzeitigen sächsischen Resultate völlig unspektakulär wirken lassen. Wird man dann immer noch fragen: Warum Sachsen? Oder kommen dann andere Fragen auf die Tagesordnung? Zum Beispiel, warum sich Wut und Groll auch bei ganz normalen Bürgern soweit anstauen können, dass mitunter auch bei ihnen die Dämme zivilisierten Verhaltens brechen können? Wenn man eine Gesellschaft mit millionenfacher, meist arabisch-muslimischer Zuwanderung unvorbereitet innerhalb kürzester Zeit zu grundsätzlichen Veränderungen zwingt, ohne dies beim Namen zu nennen und darüber offen zu diskutieren; wenn man das monatelang im Notstandsmodus laufen lässt und über Folgen und Konsequenzen lieber schweigt; wenn man jegliche demokratische Abstimmung über diese fundamentale Frage furchtsam meidet, dann hat das Folgen. Diese Folgen sind überall spürbar, nicht nur im östlichen Freistaat.

Trotzdem bleibt natürlich die Frage, warum sich manches in Sachsen zuspitzt. Es liegt natürlich nicht nur daran, dass wir gern auf Sachsen projizieren, was es überall gibt. Diese Frage ist deshalb sicher auch interessant, aber andere Fragen zu beantworten ist dringender. Wenn wir Sachsen als einen Seismographen mancher gesellschaftlichen Verwerfungen begreifen würden, kämen wir auch genau bei diesen an. Aber stattdessen setzen leider auch die Verantwortungsträger im Freistaat lieber auf lautstarke Problemverdrängung. Da sind für den Ministerpräsidenten die Wutbürger und Brandstiftungsversteher einfach keine Menschen mehr. Und sein Stellvertreter weiß, dass es an der falschen Gesinnung der Polizeibeamten liegt, wenn die überstundengeplagte und unterbesetzte Polizei schwächelt. Und statt endlich den Bürgern reinen Wein über das einzuschenken, was gerade geschieht und auch einzugestehen, wo die Grenzen des eigenen Handelns liegen, gibt es flugs ein paar neue Projekte und Programme.

Da sagen wir doch mit dem letzten König: „Ihr seid mer ja scheene Demogradn!“

[1] http://sichtplatz.de/?p=4688

1 Kommentar

  1. Eingeborener

    Nicht zu vergessen: Die Montagsdemonstrationen 1989. Wo begannen die? In Leipzig, Sachsen. Nicht im „weltoffenen“ Berlin.

    Und wer hat sich denn gegen „Silicon Saxony“ mit Unternehmen und Fachkräften aus aller Welt, den Flughafen in Dresden und die Autobahn nach Prag mit aller Kraft gestemmt? Dieselben „Aktivisten“, welche sich jetzt mit „Refugees welcome“ Pappschildern positionieren.

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