Zwischen rechts und ultralinks?

Wer die AfD nicht mag und sie deshalb gern in den Medien vorgeführt sähe, leidet oft unter dem fehlenden Format heutiger deutscher Fernsehjournalisten. Der Wille, die Vertreter der ungeliebten Partei dazu zu bringen, sich selbst mit ungeschickten Äußerungen in die Schmuddelecke zu stellen, ist ist bei den Journalisten erkennbar vorhanden. Aber trotzdem hat sich kein AfD-Vertreter mehr von einem TV-Moderator so  blamieren lassen,  wie seinerzeit der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke bei Günther Jauch. Wer also darauf wartete, dass der jeweilige AfD-Vertreter die Medienarena endlich einmal nicht als Sieger verlässt, der konnte sich jüngst an einem Interview wärmen, das der langgediente englische Journalist Tim Sebastian, ein Mann mit jahrzehntelanger BBC-Erfahrung , jüngst für das englischsprachige Programm der Deutschen Welle mit der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry führte.[1]

Sebastians letzte Sendung bei der BBC hieß „Hard Talk“ und der Name ist ihm auch bei seinem jetzigen Format für die Deutsche Welle Programm. Wer sich nun daran erfreut, wie Frauke Petry manchmal zu kämpfen hatte, der sollte sich vielleicht besser fragen, warum es eigentlich im deutschsprachigen TV keinen solchen Interviewer gibt, der hart aber vollkommen unideologisch nachfragen kann.

Wer unter denen,  die in der AfD eine Gefahr für das Land sehen (obwohl die AfD-Stärke das Symptom einer Entwicklung ist und nicht deren Ursache) nun auf weitere solcher journalistischen Momente mit seinen Lieblingsfeinden gehofft hat, wurde vom Oster-„Spiegel“, der auch ein Petry-Interview bot, wahrscheinlich bitter enttäuscht. Wir können ja mal kurz reinschauen, beispielsweise wenn es um die Gefahren der Rechtslastigkeit geht:

Die AfD ist eine liberal-konservative Partei. Im Übrigen finde ich es falsch, den politischen Kampf zwischen links und rechts als Kampf zwischen Gut und Böse zu begreifen. In Deutschland verbindet man mit rechts Fremdenfeindlichkeit und die Politik des Naziregimes. In Amerika gilt die liberale Wirtschaftspolitik eines Milton Friedman als rechts. Es kommt also auf die Definition an.

SPIEGEL: Gut, dann helfen Sie uns: Was ist für Sie rechts?

Petry: Ich denke nicht in solchen Kategorien. Mit unserer Bankenkritik oder der Kritik am Eurowährungssystem stehen wir ganz nahe bei Sahra Wagenknecht. Heißt das im Umkehrschluss, dass wir in Wahrheit ultralinks sind?

SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, dass die AfD keine rechte Partei sei?

Petry: Ich sehe natürlich, dass Sie Etiketten brauchen. Wenn es diese Zuschreibungen von Gut und Böse nicht gäbe, dann hätte ich kein Problem damit zu sagen: Ja, die AfD ist zu einem Teil das, was die CDU einmal gewesen ist – eine rechte demokratische Partei. [2]

Noch eine Kostprobe? Bitte: Deutschlands Währungs- und Migrationspolitik zerstört aktuell die europäische Solidarität, die Rückbesinnung auf die eigene Nation in allen europäischen Staaten ist ein natürliches Korrektiv zum Brüsseler Zentralismus. Wir sind der Meinung, dass ein gesunder Patriotismus in Deutschland selbstverständlich sein sollte.

Diese Haltung schließt Verantwortung für die eigene Geschichte ein, setzt aber ein gesundes Verhältnis zur eigenen Identität voraus, ohne die zukunftsweisendes Handeln nach innen und außen unmöglich ist.

[…]

Die deutsche Vergangenheit wird benutzt, um alles Mögliche zu rechtfertigen. Es heißt dann: Wir müssen das tun, weil wir als Deutsche besondere Schuld auf uns geladen haben. Wir müssen Deutschland in einem großen Europa aufgehen lassen, so hört man, um das Wiedererstehen eines deutschen Nationalismus ein für alle Mal zu verhindern. Dabei werden dann regelmäßig Nationalismus und Patriotismus in einen Topf geworfen. Selbst die aktuelle, desaströse Migrationspolitik kommt nicht ohne den Verweis auf die deutsche Vergangenheit aus. Vor wenigen Wochen hat die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, in Dresden davor gewarnt, Schuld und Verantwortung auf eine Stufe zu stellen, und uns zu mehr Wertepatriotismus ermuntert. Die eigentliche Verantwortung aus der deutschen Vergangenheit ist der Erhalt von Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.

SPIEGEL: Wenn Ihnen der Respekt vor der anderen Meinung so wichtig ist und damit eine plurale Gesellschaft – was haben Sie dann gegen Einwanderung?

Petry: Ich bin nicht gegen Einwanderung, aber warum folgt Ihrer Meinung nach aus dem Respekt vor der anderen Meinung die Notwendigkeit von Einwanderung? Uns fehlt zu diesem Thema seit Jahrzehnten eine ideologiefreie Debatte. Dabei wäre diese gerade deshalb so notwendig, weil die ökonomischen und sozialen Auswirkungen auf Herkunfts- und Gastland gleichermaßen umwälzend sind, wie kürzlich auch der Oxford-Ökonom Paul Collier in seinem Buch „Exodus“ beschrieben hat. Klar ist, dass die Einwanderung so vieler Muslime unsere Kultur verändern wird. Wenn man diese Veränderung möchte, muss es dazu eine von einer breiten Mehrheit getragene demokratische Entscheidung geben. Frau Merkel hat aber einfach die Grenzen geöffnet und alle eingeladen, ohne Parlament und Volk zu befragen.

Gut, dass sie das alles so sagen kann, aber warum fragt der SPIEGEL nicht beispielsweise nach den Konflikten mit dem saarländischen Landesverband? Die Bundesspitze will den Landesverband wegen rechter Bestrebungen auflösen und stößt durchaus auf Gegenwehr in der Partei. Antworten auf diese Frage hätte nicht nur das Publikum interessiert, das nach Negativschlagzeilen über die AfD giert, sondern auch Wähler von Petrys Partei.  Aber wir sollten nicht herumnörgeln, sondern uns daran erfreuen, dass es sich immerhin um ein Interview und nicht um ein journalistisches Tribunal handelt. Das Fach „Hard Talk“ müssen die meisten deutschen Kollegen eben erst noch lernen.

[1] https://www.youtube.com/watch?v=anmDcVeuZwA

[2] Alle kursiv gesetzen Zitate aus: DER SPIEGEL 13 / 2016, S. 28 ff. „Ich bin nicht gegen Einwanderung“, Interview mit Frauke Petry

 

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