Der Mann der Offensive

BITTE KORREKTUR AM ENDE DES TEXTES BEACHTEN! Eigentlich hätte er seine politische Zukunft längst verspielt, doch die hat er sich immer wieder ertrotzt. Jetzt setzen sich prominente Anhänger dafür ein, dass Volker Beck wieder in den Bundestag kommt und die Grünen seinen sicheren Listenplatz nicht einem anderen Parteifreund geben. Ohne ihn ist Deutschland nämlich nicht vor der AfD zu retten.

Was macht Volker Beck eigentlich so außergewöhnlich? Dass ein Politiker, dem ein einstmals nachsichtiges Verhältnis zu den damals in seiner Partei organisierten Pädophilen vorgeworfen wurde, es schaffte, dass ihm verziehen wurde, war schon nicht selbstverständlich. Es reichte den Parteifreunden und vielen Abgeordnetenkollegen, dass er sich nachträglich distanzierte und seine damaligen Aussagen neu interpretierte. Leider gab es bei der ersten Rechtfertigung ein paar Ungereimtheiten und all das begab sich dummerweise im Wahljahr 2013. Selbst die Beck gewogene taz schrieb damals: Für Volker Beck wird es jetzt eng: Kurz vor der Bundestagswahl ist ein Dokument aus seiner Vergangenheit aufgetaucht, das den Parlamentarischen Geschäftsführer der Grünen als Lügner dastehen lässt.1

Es ging um den Sammelband „Der pädosexuelle Komplex“aus dem Jahr 1988. Beck hatte darin ein „Plädoyer für eine realistische Neuorientierung der Sexualpolitik“ veröffentlicht. Darin sprach er vom „Kampf für die zumindest teilweise Entkriminalisierung der Pädosexualität“. Dafür könnte das Sexualstrafrecht geändert werden. Das Schutzalter von 14 Jahren könnte beispielsweise gesenkt werden. 25 Jahre später wollte er dies alles gar nicht so vorgeschlagen haben. Der Beitrag sei „unautorisiert“ erschienen und der Herausgeber habe es „verfälscht“, behauptete der Jurist in seine ersten Reaktionen. Doch dann wurde das Originalmanuskript gefunden und darin stand inhaltlich nichts anderes. Und wie reagierte der Gescholtene? Lesen wir weiter in der alten taz:

In einer öffentlichen Stellungnahme schreibt er: „Das jetzt gefundene Manuskript (…) bestätigt meine mehrfach geäußerte Annahme, dass der Text in der Buchveröffentlichung verändert wurde.“ Der Herausgeber habe Becks Überschrift verändert, weil sie ihm nicht ins Konzept gepasst habe – und so „die zentrale Aussage wegredigiert“.

Doch das stimmt nicht. Im Original heißt die Überschrift etwas kompliziert: „Reformistischer Aufbruch und Abschied von einer „radikalen“ Forderung – Plädoyer für eine realistische Neuorientierung der Sexual-(Strafrechts-)Politik.“ Handschriftlich ergänzt durch: „Im Hinblick auf eine Entkriminalisierung der Pädosexualität“. Im Buch wurde daraus die knappere Überschrift: „Das Strafrecht ändern? Plädoyer für eine realistische Neuorientierung der Sexualpolitik“. An der Aussage ändert das nichts.

Ähnlich sieht es mit dem Text selbst aus. Er ist, abgesehen von der kurzen Einleitung und einer veränderten Zwischenüberschrift, identisch. […] Der Originaltext ist vor allem ein wortreiches Plädoyer für eine „Verbesserung der rechtlichen Situation der (sic!) Prädophilen“.

Man kann den Text aber auch als Distanzierung eines grünen Realpolitikers von radikalen Pädoaktivisten lesen. Nach dem „Kindersex-Skandal“ 1985 in Lüdenscheid, wo die Grünen pädophilenfreundlicher Positionen wegen den Einzug ins Parlament vergeigten, sei es nicht zielführend, die Abschaffung des gesamten Sexualstrafrechts zu fordern. Im feindlichen Klima der Aids-Krise müsse man sich auf eine „bündnisfähige“ Politik konzentrieren. Beck empfahl den Pädos, sich mit Feministinnen auseinanderzusetzen und ihr „unaufrichtiges Kinderbild“ zu korrigieren.

Inhaltlich gibt es pädophilenfreundlichere Texte in dem Band. Beck muss sich aber vorwerfen lassen, kein aufrichtiges Bild von sich selbst zu verbreiten.

Das unaufrichtige Bild war schnell vergessen und nach der Bundestagswahl war Volker Beck wieder so präsent wie ehedem, einschließlich der sicheren Selbstgerechtigkeit eines Menschen, der fest daran glaubt, immer das Richtige und Gute zu tun.

Wer Becks Weltsicht teilte, der mag davon begeistert sein, Andersdenkende fühlen sich oft genervt. Letztere mochten im Vorfrühling dieses Jahres kurz gehofft haben, dass sich der medienpräsente Beck aus dem politischen Tagesgeschäft zurückziehen müsste, weil er inflagranti beim Erwerb von Crystal Meth erwischt wurde.

Ein Innenpolitiker, der regelmäßig zahlender Kunde bei Drogendealern ist, das sah nicht gut aus. Beck zeigte schnell etwas Demut und zog sich ein bisschen zurück. Seine Ämter legte er nieder, das Bundestagsmandat natürlich nicht. So konnte er, nachdem ein Ermittlungsverfahren gegen Zahlung von 7000 Euro eingestellt wurde, ein Großteil seiner Ämter in der Bundestagsfraktion wieder übernehmen.

Volker Beck ist ein Mann, dem seine Verfehlungen offenbar niemals schaden können. Nur wie sieht es mit der nächsten Legislaturperiode aus? Es gibt Konkurrenten um die sicheren Listenplätze in Köln. Neben Beck und Katharina Dröge strebt mit Landes-Grünenchef Sven Lehmann der dritte Kölner ins Parlament, wo die NRW-Grünen derzeit 13 Mandate haben. Zwei Plätze der Kölner gelten als sicher. Für einen dritten müssten sie eine Anwartschaft auf den Landtag opfern oder die anderen Regionen überzeugen, dass Lehmann als Parteichef nicht auf das Kölner Kontingent angerechnet wird. Soll der Landesparteichef etwa auf ein Mandat verzichten? Andererseits:

Man stelle sich vor, Volker Beck könnte nicht im Bundestag sitzen! Wer bei dieser Vorstellung erleichtert seufzt kann, die 60 Prominenten sicher nicht verstehen, die die Grünen auffordern, unbedingt Beck zu nominieren. Warum? Weil es für die bessere Welt unerlässlich ist und außerdem wäre es ein Sieg der AfD, wenn Beck nicht mehr im Bundestag säße. Und wenn die AfD etwas will, müssen alle anständigen Menschen ja das Gegenteil wollen. Dafür steht Volker Beck: Verlässlich, hartnäckig, immer argumentationsstark und dialogorientiert und für viele unbequem. Das muss so bleiben. Er erweist damit der gesamten Gesellschaft einen großen Dienst.

Vieles erreicht Geglaubte ist nun in Gefahr, wenn antisemitische, rassistische, homo- und transphobe Stimmen wieder lautstärker werden, wenn die freie Religionsausübung oder das Recht auf Asyl in Frage gestellt wird, wenn in der Flüchtlingspolitik ein menschenrechtlicher Standard nach dem nächsten geschleift wird, wenn autoritäre Phantasien einer ausgrenzenden, „homogenen Volksgemeinschaft“ Zulauf finden. Nur zu gerne würden AfD und Co. Volker Beck zum Verstummen bringen. Seine Stimme wird umso mehr gebraucht: Nicht nur um das Erreichte zu verteidigen, sondern um wieder in die Offensive zu kommen.

Wer will nun eine derartige Offensive mit Volker Beck? Hier sind die Erstunterzeichner:

Dr. Ulrike Brenning, Journalistin und Musikwissenschaftlerin, Manfred Bruns, Bundesanwalt a.D., Günter Burkhardt, Geschäftsführer PRO ASYL, Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler, Rechtsanwalt/Kuratoriumsmitglied Deutsches Institut für Menschenrechte, Georgette Dee, Sängerin und Schauspielerin, Martin Delius, MdA Voritzender Piratenfraktion, Imke Duplitzer, Europameisterin Fechten, Rolf Emmerich, Festivalleiter Sommerblut, Köln, Andrea Fischer, Bundesministerin a. D., Romeo Franz, Geschäftsführer Hildegard-Lagrenne-Stiftung, Mitglied im Rat für die Angelegenheiten der deutschen Sinti und Roma in Baden-Württemberg, Nicola Galliner, Direktorin des Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg, Patrick Gensing, Autor und Blogger, Avitall Gerstetter, Kantorin der Jüdischen Gemeinde Berlin, Dr. Ralph Ghadban, Vorstandsmitglied vom „Muslimischen Forum Deutschland“, Vincent-Immanuel Herr & Martin Speer, HERR & SPEER Autoren, Aktivisten, Axel H. A. Holst, 1. Vorsitzender Deutsch-Israelische Gesellschaft Aachen e.V., Rabbiner Prof. Walter Homolka, Leo Baeck Foundation, Dr. Bertold Höcker, Superintendent Evangelischer Kirchenkreis Berlin Stadtmitte, Prof. Dr. Roland Hornung, Erster Vorsitzender des „Freundeskreis Israel in Regensburg und Oberbayern e.V.“, Jacob Hösl, Rechtsanwalt, Vorstand Aids-Hilfe Köln e.V., Anetta Kahane, Vorsitzende des Vorstands Amadeu Antonio Stiftung, Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Muslimischer Theologe, Thomas Klau, Politologe, Kuratoriumsmitglied Asylos, Stephan J. Kramer, Präsident des Amtes für Verfassungsschutz Thüringen, Norman R. Krayer, Vorsitzender POSITHIV CARE e. V., Maren Kroymann, Schauspielerin, Prof. Dr. Annette Kreutziger-Herr, Kulturwissenschaftlerin, Dr. Sergey Lagodinsky, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Christopher Lauer, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, Ahmad Mansour, Sprecher für das Muslimische Forum Deutschland, MFD, zusammen mit Cigdem Toprak, Stellvertreterin des Sprechers Mouhanad Khorchide, Stellvertreter des Sprechers Sineb El Masrar, Publizistin, Dr. Jürgen Micksch, Geschäftsführender Vorstand Stiftung gegen Rassismus; Vorsitzender interkultureller Rat in Deutschland, Pfarrer Hans Mörtter, Lutherkirche Köln, Detlef Mücke, AG schwule Lehrer in der GEW BERLIN, Ursula Müller, Exekutivdirektorin Weltbank, Klaus Nierhoff, Schauspieler, Peter Plate, Sänger, Produzent und Komponist, Prof. Eva Rieger, Musikwissenschaftlerin, Feministin, Katja Riemann, Schauspielerin, Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband e.V, Lea Rosh, Vorsitzende Förderkreis Denkmal für die ermordeten Juden Europas e.V., Georg Roth, Schauspieler, Vorstand Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren, Stephan Runge, Sänger, Texter, Komponist, Schauspieler, Levi Salomon, Sprecher/Koordinator Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus, JFDA, Günter Saathoff, Stiftungsvorstand, Cornelia Scheel, Autorin, Hella von Sinnen, Schauspielerin, Bernd Schachtsiek, Unternehmer, Professorin Sabine Schmidtke, Islamwissenschaftlerin, Institute for Advanced, Study in Princeton, New Jersey, Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Sacha Stawski, Honestly Concerned e.V., Hiltrud Stöcker-Zafari, Bundesgeschäftsführerin Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V., Prof. Dr. Jürgen Terhag, Professor für Musikpädagogik an der HfMT Köln und Leiter des Schwullesbischen Chors Köln, Ali Ertan Toprak, Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der, Immigrantenverbände/ BAGIV e.V, Claus Vincon, Schauspieler, Günter Wallraff, Schriftsteller und Journalist, Biggi Wanninger, Kabarettistin und Schauspielerin, Hon.-Prof. Dr. Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD)

KORREKTUR:

Wie der erste Leserkommentar richtigerweise anmerkt fehlen folgende Erstunterzeichner: Axel Hochrein, Bundessprecher Lesben -und Schwulenverband in Deutschland [der Initiator der “Offensive”], Güner Balci, Journalistin, Fernsehredakteurin und Schriftstellerin, Sibylle Berg, Autorin, Dramatikerin.

Wie auch immer die ersten Namen bei der Einfügung in den Text verloren gingen, dahinter stand keine Absicht. Ebenso hat unser erster Kommentator recht mit dem Hinweis, dass Volker Beck mitnichten Jurist ist, obwohl das manche Journalisten annehmen. Auch dem Autor dieses Textes war dies so im Gedächtnis, wahrscheinlich weil Beck eine Zeit lang rechtspolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion war. „Oft wird er als Jurist angesehen. Die Wahrheit: Beck hat keinen Beruf – nur den des Politikers. Sein Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik in Stuttgart brach er nach vier Jahren ab, ging 1987 als Mitarbeiter zur Bundestagsfraktion nach Bonn.“, schrieb die FAZ schon 2013. Und immer noch spukt Beck als Jurist in manchen Köpfen. Auch der Autor hatte es offenbar immer vermieden, solche Sätze zu lesen „Er musste sich viel mit juristischen Fragen beschäftigte und immer wieder darauf hinweisen, dass er selbst kein Jurist sei.“ Nun diese Hinweise wurden hier leider bis heute überhört. Die sichtplatz-Redaktion bittet Sie für diese Fehler um Entschuldigung und dankt dem aufmerksamen Leser.

Der komplette Aufruf hier: http://www.ksta.de/blob/24136714/46227ea9d32ed338b80fdc5a1d3e3b16/volker-beck-wird-im-bundestag-gebraucht-data.pdf

5 Kommentare

  1. Holger Burkhard

    Mir persönlich fällt zu Beck aber auch gar nichts Positives ein. Seine „Rolle“ bestand eigentlich doch nur darin, sich mit seinen Strafrechtsfalschanzeigen lächerlich zu machen.

    Antworten
  2. Pingback: Sex, Drogen und Hochmoral – sichtplatz.de

  3. Sebastian

    Ich bin schwul und hasse den Beck wie die Pest.

    Ich glaube das er absichtlich als Gallionsfigur der Schwulen aufgebaut wurde um schwule (weisse)Männer zu diskreditieren.

    Wieso setzt man der Bevölkerung eine Schwulenikone vor, der absolut antideutsch, amoralisch und einfach nur widerlich ist?

    Mit den widerlichsten Ansichten (Paedolegalisierung, Kinderverstuemmelei, Tiere schächten, harte Drogen).

    Was bleibt bei der Bevölkerung hängen?

    Schwul, Junkie, Antideutscher, Pädophiler, Kinderverstuemmeler, Tierquäler…

    Das ist doch kein Zufall!! Nichts in der Politik passiert aus Zufall.

    Der Typ hat wahrscheinlich dermaßen Dreck am Stecken…und da rede ich nicht von ein paar Gramm von irgendeiner Substanz.

    Ich will den Typ nicht mehr sehen!

    Mfg

    Basti

    Antworten
  4. Pingback: Korrektur – sichtplatz.de

  5. dentix07

    Sie haben diese (die noch vor den von Ihnen genannten Erstunterzeichnern stehen) vergessen:
    Axel Hochrein, Bundessprecher Lesben -und Schwulenverband in Deutschland [der Initiator der „Offensive“]
    Güner Balci, Journalistin, Fernsehredakteurin und Schriftstellerin
    Sibylle Berg, Autorin, Dramatikerin

    Das Hochrein im die Stange hält ist verständlich, war Beck doch maßgeblich an der Schaffung des LSVD [Upps, wenn man das V in der Abkürzung wegläßt landet man bei einer Droge! grins) beteiligt, war Sprecher des LSVD und trat als Sachverständiger für diesen vor dem Rechtsausschuss des BT auf.

    Seit wann ist Beck Jurist? Wikipedia weiß über seine Ausbildung nur: „… studierte Beck Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik an der Universität Stuttgart, beendete sein Studium jedoch ohne Abschluss.“
    Hat er das Jurastudium zwischendurch nachgeholt?

    Ein Name in der Liste sticht ins Auge: Anetta Kahane, Vorsitzende des Vorstands Amadeu Antonio Stiftung
    Das ist IM Victoria und derzeit auch mit Maas „Task Force“ gegen „Haßkommentare“ auf Facebook beschäftigt!

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.