Wähler in Freilandhaltung

Wahlkampfzeiten mögen in vielerlei Hinsicht nerven, doch selbst wenn die Lage ernst ist, sorgen die Parteien noch für jede Menge Realsatire. In Berlin beispielsweise hat man in den nächsten Wochen vielerorts die Möglichkeit, solche unterhaltsamen Momente aufzuspüren.

Für einen kleinen Leckerbissen gleich am Beginn sorgen die Grünen mit einem Plakat, auf dem sie die „Freilandhaltung auch für Großstadtmenschen“ einfordern. Welche Wähler möchten die Grünen damit wohl ansprechen? Die Großstadtmenschen die schon in Freilandhaltung leben  sind ja die Obdachlosen. Aber dieses Lebensmodell wirkt nicht unbedingt verführerisch, kaum einer wird es freiwillig wählen.

Ich lebe ja in halbwegs großzügiger Wohnungshaltung mit gelegentlichem Auslauf. Damit bin ich nicht unzufrieden. Wenn ich mich allerdings heutzutage in Berlin öffentlichen Verkehrsmitteln anvertrauen muss, erlebe ich oft eine Massen-Menschenhaltung, bei der jeder Tierschützer zu Recht aufschreien würde, wenn es sich um einen Tiertransport handelte. Verbesserung in der Großstädterhaltung an dieser Stelle würden mehr  überzeugen, als das Freilandhaltungs-Versprechen.

Bevor wir uns nun fragen, ob Großstädter eigentlich überhaupt „gehalten“ werden müssen, möchte ich mich vorausschauend schon einmal von einem bösen Gedanken distanzieren, der sich mir einfach aufdrängte: Wenn mehr Großstädter in die Freilandhaltung kommen, dann muss man vielleicht nicht mehr so viel in die Wohnungshaltung investieren. Das spart Geld, schont die natürlichen Ressourcen, ist gut fürs Klima und die Gelder für die Erarbeitung des neuen Wörterbuchs der noch geschlechtergerechteren Sprache sind ebenfalls gesichert. Nein, so haben es die Grünen natürlich niemals gemeint, auch wenn man ihren witzig gemeinten Slogan durchaus so interpretieren könnte. Natürlich wollen sie uns nur mit ihrem etwas eigenen Humor sagen, dass uns grüne Senatoren mehr unbebaute Grünflächen bescheren werden. Kein Haus soll mehr die letzten Freiland-Oasen zerstören, es sei denn, es wird für „Flüchtlinge“ gebaut. Davon steht zwar nichts auf dem Plakat, aber diese Einschränkung versteht sich ja wohl von selbst. Zumindest für Wähler der Freilandhaltungs-Partei.

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