„Ort der Antizivilisation“

Dass Michail Chodorkowski seine Lagerhaft in einem Buch verarbeiten würde, war zu erwarten. Der Titel macht neugierig, denn er schürt die Erwartung, der einstige Oligarch werde sich dem Schicksal der namenlosen Häftlinge widmen.

Dass der angeblich einst reichste Mann Russlands seine zehn Jahre währende Lagerhaft in Sibieren keinem rechtsstaatlichen Verfahren verdankt, wird wohl niemand bestreiten. Die spektakuläre Verhaftung zu einem Zeitpunkt, da der Oligarch politische Ambitionen verfolgte, war eine klare Botschaft an die Wirtschaftsmagnaten in Putins Russland. Doch dass er nur zu einem der reichsten Oligarchen Russlands werden konnte, indem er skrupellos die korrupten und kriminellen Strukturen nutzte, ist durch zu Unrecht erlittene Lagerhaft nicht weggewischt. Auf der Pressekonferenz in Berlin am Tag nach der Haftentlassung, konnte er in einem Nebensatz immer noch sagen, dass er sich glücklicherweise nicht um seinen Gelderwerb kümmern müsse. Umso interessanter ist es, wenn er sich in seinem Buch nun um die früheren Mitgefangenen kümmert. Wie das ankommt, zeigen einige Stimmen zum Buch.

So will es der Verlag gelesen wissen: „Der soeben aus der Lagerhaft entlassen Michail Chodorkowski schreibt bewegende Portraits seiner Mitgefangenen – und entlarvt das verrottete System der russischen Justiz.

Nach über zehn Jahren Inhaftierung kennt Michail Chodorkowski, einst reichster Mann Russlands, das korrupte System der russischen Justiz von innen. In Meine Mitgefangenen porträtiert er Mithäftlinge, die er in den Straf lagern Sibiriens und Kareliens kennenlernte. Erniedrigte und Beleidigte, von einem korrupten System Weggeworfene und Verratene. Menschen, die aufgaben, und solche, die trotz allem ihre Würde bewahrten.

Da ist Nikolai, wegen Drogenbesitz verhaftet, aber durch einen inoffiziellen Deal genötigt, eine zweite Straftat auf sich zu nehmen. Doch sich dazu bekennen, einer alten Frau die Handtasche weggenommen zu haben, will er um keinen Preis: einer Oma das Letzte wegnehmen, das würde er nie tun. Nur durch einen Selbstmordversuch kann er sich dem Schuldbekenntnis entziehen. Da ist Arkadi, ein Spitzel, der Neuankömmlinge in der Haftanstalt aushorcht und dafür kleine Vorteile bekommt. Da ist Sergej, der Sonderstatus genießt, weil er mit der Gefängnisleitung kooperiert, da sind gekaufte Zeugen und solche, die sich im entscheidenden Moment doch zur Wahrheit bekennen.

Meine Mitgefangenen ist ein Buch über Menschen in extremen Situationen, über die Ruinen eines Systems, das Recht bringen sollte und ein Instrument der Macht geworden ist und ein Buch über Würde an einem Ort, an dem niemand sie vermutet.“

Der Rezensent des Magazins Fazit im Deutschlandradio Kultur, Jochen Stöckmann, findet es denn auch bemerkenswert, dass der prominente Ex-Häftling von unpolitischen Haftkameraden erzählt: “ Da ist zum Beispiel Kolja, der gegen Haftvergünstigung ein zusätzliches Delikt auf sich nehmen soll. Er willigt zunächst ein, als er aber erfährt, dass ihm der Handtaschenraub an einer alten Frau untergeschoben werden soll, verweigert er diese übliche Form der ‚Kooperation‘. Großmütter bestehlen, das geht gegen seine Ehre. Einen Ehrbegriff, den der seit seiner Kindheit beiseitegeschobene in einer kriminellen Subkultur gelernt hat, die Chodorkowski als ‚Kollektiv der Verstoßenen‘ beschreibt. Da wird ein gewaltiger Unterschied deutlich zum ‚Lagersystem‘, wie es noch in den Achtzigern, zu Zeiten der gegen das Sowjetsystem opponierenden Dissidenten herrschte:

‚Damals gab es noch politische Strafkolonien, in denen Gefangene waren, die die gleichen politischen Auffassungen teilten. Vielleicht hatten sie auch unterschiedliche politische Positionen, aber sie hatten zumindest ein gemeinsames Interesse an der Politik'“

Ebenso vermerkt der Rezensent, dass Chodorkowski die Willkür vor Gericht und die eigenen Gesetze, der diese Willkür folgt, nicht nur am eigenen Fall erklärt, sondern wiederum an Urteilen, die zunächst nicht vordergründig politisch sind:

„Auch in dieser Frage geht Michail Chodorkowski über seinen eigenen Fall hinaus, analysiert anhand seiner kurzen Geschichten über Mitgefangene die tieferen Ursachen seiner Erlebnisse. Da war zum Beispiel Alexej, er wohnte mit seiner noch nicht volljährigen Freundin bei deren Eltern – und geriet in die Mühlen der von Putin ausgerufenen Kampagne gegen Pädophilie. Ein Abschnittsbevollmächtigter der Miliz brachte die Sache vor Gericht. Die Eltern des Mädchens schrieben Eingaben, die Richterin hatte – wie im Fall Chodorkowski – ‚Verständnis‘, musste dann aber die Kampagne bedienen, um nicht ihren Posten zu verlieren. Und wie hier im Kleinen, so zeigen sich die bis in die hintersten Winkel reichenden Mechanismen des Putinschen Machtsystems auch im großen, sogar im Weltmaßstab:

‚Die Korruption war eine Art Kontrollmechanismus, ein Mechanismus zur Kontrolle der Eliten. Putin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen, dass Korruption zur tragenden Konstruktion des Systems werden sollte. Übrigens ist Putin davon überzeugt – und er beweist es ja sehr effektiv – dass die Korruption auch in der Außenpolitik ein sehr effizientes Instrument ist.'“

Katja Tichomirowa verweist in der Frankfurter Rundschau darauf, dass Chodorkowski das Lager als Spiegelbild der russischen Gesellschaft beschreibt.:

„Seine Landsleute seien bemüht, mit der Welt der Gefängnisse nichts zu tun zu haben, sagt er, und lebten doch ständig mit der Drohung, jederzeit im Gefängnis landen zu können. ‚Von der Armut und vom Gefängnis kannst du dich nicht lossagen‘, sagt ein russisches Sprichwort. Jeder zehnte russische Mann kommt einmal in seinem Leben hinter Gitter, sagt die Statistik. Chodorkowski schreibt über das russische Gefängnis als einen ‚Ort der Antizivilisation‘, als eine ausschließlich negative Erfahrung, wie sie Warlam Schalamow beschrieb, eine Erfahrung, die niemand machen sollte, weil sie für die Häftlinge wie für ihre Aufseher gleichermaßen destruktiv ist.“

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