Berlin beseitigt Hürden

Berlin sieht sich gern als Vorreiter. Zumindest tun es die, die die deutsche Hauptstadt regieren. Angesichts des zunehmenden Verfalls der hauptstädtischen Infrastruktur ist eine solche Vorreiterrolle für viele Nicht-Berliner möglicherweise eine eher beängstigende Vorstellung. Aber, wer unabhängig von solchen Kleinigkeiten nur den gesellschaftlichen Fortschritt im Blick hat, könnte dem vielleicht zustimmen. Nicht nur, weil jetzt eine rotrotgrüne Landesregierung in eine lichte Zukunft führt, sondern weil diese auch zuallererst die wirklich wichtigen Themen anpackt.

Was wäre in Berlin wohl die erste Aufgabe für einen neuen Justizsenator? Ein Programm, den in Personalstärke wie Technik schwächelnden und daher völlig überlasteten Justizapparat zu stärken? Nein, mit solchen Kleinigkeiten gibt sich Dirk Behrendt (Grüne) nicht zufrieden. Für seine erste Vorlage, die er als Senator ans Berliner Abgeordnetenhaus schickt, hat er sich ein gesellschaftlich deutlich relevanteres Thema ausgesucht: „Hürden im Alltag beseitigen – Unisextoiletten in öffentlichen Gebäuden einrichten“, heißt seine Vorlage.

Falls Sie sich fragen, warum sich der Justizsenator in Berlin um die Notdurft in Amtsgebäuden kümmern muss: Der Mann ist auch für Antidiskriminierung verantwortlich und dort zeigt er nun auch Aktivitäten. Der „Tagesspiegel“ berichtet, dass bereits zehn öffentliche Gebäude ausgesucht wurden, die für das Toiletten-Umrüstungsprogramm in Frage kommen:

„Bei den nicht näher bezeichneten Gebäuden, die in Augenschein genommen wurden, handelt es sich um jeweils zwei Kultureinrichtungen, Amtsgerichte, eine Senatsverwaltung, ein Jobcenter, eine Schule, ein Finanzamt, ein Polizei- und ein Feuerwehrgebäude. Ein erstes Ergebnis der Untersuchung war, dass „in allen Objekten die Einrichtung von WCs für alle Geschlechter ohne Nutzungseinschränkung möglich ist“. Die Kostenschätzung für die Umrüstung der zehn Objekte werde voraussichtlich im März 2017 folgen, kündigte der Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung jetzt an.“

Schwierigkeiten mit der Abgeordnetenhausmehrheit muss der Senator bei seinem Toiletten-Umrüstungsprogramm nicht fürchten, auch daran erinnert der Zeitungs-Berichterstatter:

„Die Piraten hatten vor knapp drei Jahren ihren Antrag für Unisex-Toiletten damit begründet, dass der Besuch einer „binär geschlechtergetrennten“ Toilette die inter- und transsexuellen Menschen vor große Herausforderungen stelle. Diesem Argument schlossen sich im Januar 2015 alle Fraktionen im Abgeordnetenhaus an und forderten den Senat einstimmig auf, die Einrichtung von Unisex-WCs zu prüfen. Als vorläufiges Ergebnis wurde von der damals zuständigen Verwaltung für Arbeit, Integration und Frauen im Dienstgebäude in der Kreuzberger Oranienstraße Ende November 2015 ein Modellprojekt feierlich eröffnet. Umgewidmet wurden je zwei Toiletten in der dritten und vierten Etage. Ausgeschildert mit „WCs für alle Geschlechter“, ein passendes Bildsymbol fiel niemandem ein.“

So ein Bildsymbol zu finden ist auch wirklich eine schwierige Angelegenheit, daran darf der gesellschaftliche Fortschritt nicht scheitern. Vielleicht sollte man auch bei großen Berliner Neubauten die neuen Toiletten-Anforderungen nicht aus dem Blick verlieren. Beispielsweise ließe sich die übernächste Verschiebung des BER-Eröffnungstermins schlüssig mit der nötigen Toiletten-Umrüstung begründen. Für die Prioritätensetzung der Vorkämpfer des gesellschaftlichen Fortschritts in der Hauptstadt wäre das doch ein schönes Symbol.

2 Kommentare

  1. Ulrich Bohl

    Berlin liefert die Blaupause für eine rot/rot/grüne Regierung.
    Bei Wowereit noch arm aber sexy trotzdem wurden Milliarden für
    ein blamables Flugplatzprojekt verbrannt, konzentriert man sich
    jetzt auf anderen Blödsinn.
    Dazu der folgende Witz:
    Was ist der Unterschied zwischen dem Berliner Funkturm und dem Berliner Senat? Beim Funkturm sind die größten Nieten unten.

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  2. Wolfgang R. Weichselgärtner

    Nur zwei Fragen: Werden wir nur noch von Durchgeknallten regiert? Ist in der Berliner Regierung nicht bekannt, dass gerade in Zeiten wie heute Frauen manchmal auch die „exklusive“ Damentoilette als eine Art Schutzraum aufsuchen? Wenn das die aktuellen Probleme unserer Hauptstadt sind, dann leben wir in einer vor Glückseligkeit nur so triefenden Republik. Weiter so!

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