Genossen Burschenschaftler

Der Beschluss des SPD-Vorstandes, dass SPD-Genossen, die einer Burschenschaft angehören, die im Dachverband Deutsche Burschenschaft organisiert ist, entweder die Partei oder ihre Korporation verlassen müssen, war nicht besonders überraschend. Dass es ein Netzwerk korporierter Genossen gibt, das dagegen offene Kritik äußerte, hingegen schon.

Natürlich wenden sich auch die Mitglieder des Lassalle-Kreises in der SPD, wie sich das Netzwerk der korporierten Genossen nennt, entschieden gegen den Rechtskurs des Dachverbandes Deutscher Burschenschaften, sonst wären sie ja keine Sozialdemokraten. Nichtsdestotrotz wehren sie sich gegen den Unvereinbarkeitsbeschluss des Vorstands. Viele Verbindungen haben diesen Dachverband in letzter Zeit wegen dessen Rechtskurses bereits verlassen. Doch manche Verbindung kann aus Satzungsgründen gar nicht so schnell aus dem Dachverband austreten, wie sie vielleicht gern möchte. Lassalle-Kreis-Vorsitzender Florian Boenigk sieht „einerseits die streng zu verurteilende Entwicklung im Dachverband der Deutschen Burschenschaft, andererseits hoffen wir mit verdienten langjährigen Genossen (und zum Teil Gewerkschaftsmitgliedern), dass sie ihre Burschenschaft bald vom Dachverband der Deutschen Burschenschaft lösen können. Dieser interne Kampf ist mühsam, da hohe Quoren bei Generalkonventen (in manchen Bünden 1 mal pro Jahr) erreicht werden müssen“.

Vor allem aber schürt ein solcher Beschluss den Generalverdacht gegen alle Burschenschaftler, rechtsextrem zu sein. Dass dies von manchen Initiatoren des Beschlusses durchaus auch gewollt ist, ist ein naheliegender Verdacht. Immerhin hatten die Jusos, die auch den aktuellen Beschluss vorangetrieben hatten, in früheren Vorstößen versucht, jede Burschenschaftsmitgliedschaft für unvereinbar mit dem SPD-Parteibuch erklären zu lassen. Damit sind sie allerdings am Parteivorstand gescheitert. Dieser war aber seinerseits noch ganz anders zusammengesetzt.

Bis zur Kritik des Lassalle-Kreises haben viele beim Lesen oder Hören der Nachricht vom Unvereinbarkeitsbeschluss gedacht, dass das ohnehin reine Schaufenster-Entscheidung ist, weil die Burschenschaftler sich doch eher andere Parteien suchten, als die SPD. Doch es gibt sie. Zwar kann auch Boenigk nicht genau sagen, wieviele Genossen dieser Beschluss genau betrifft, ebensowenig wie die Parteiführung. Die Mitgliedschaft eines Parteimitglieds in einer Burschenschaft wurde bislang nicht zentral erfasst. Will der SPD-Vorstand nun eine Ermittlungsgruppe gründen?

Worauf der Lassalle-Kreis auch verweist, ist die lange Tradition von korporierten Genossen. Auf seiner Webseite präsentiert er diese Auswahl bekannter Sozialdemokraten, die sowohl der Partei als der Korporation die Treue halten konnten (Liste am Ende des Artikels).

Und Florian Boenigk schrieb ungefähr einen Monat vor dem Unvereinbarkeitsbeschluss noch: „Es überrascht nicht, dass die Reden über Ferdinand Lassalle, die Ehrungen und historischen Einordnungen seine Prägung als Verbindungsstudent außen vor lassen. Burschenschafter gewesen zu sein ist aktuell kein Gewinnerthema, insbesondere nicht in der SPD. Dennoch muss man sich die demokratische Schule der Burschenschaft während Lassalles Studentenzeit genauer ansehen, um den späteren „Arbeiterfürst“ und begnadeten Rhetoriker zu verstehen. Das Reden und Debattieren lernt man in Verbindungen und ihren Mitgliederversammlungen – genannt Konvente. Diese Konvente waren damals und sind auch heute ein Aufeinandertreffen unterschiedlicher Meinungen und Charaktere. Oft wird in heftigen Kontroversen mühsam um einen Kompromiss gerungen – wie auf allen Ebenen unserer Partei. Andere mit Argumenten überzeugen, Gegenpositionen widerlegen, Mehrheiten schaffen – das macht den Konvent einer Studentenverbindung aus. Lassalles Jahre in seiner Verbindung waren auch seine Lehrjahre als Redner. Nicht zuletzt als Verbindungsstudent erwarb er sich das Rüstzeug und das Selbstbewusstsein für seine späteren Auftritte als Jurist und als Politiker. Lassalles Herkunft ist bürgerliches Milieu, ein klares Bekenntnis dazu täte unserer Partei gut.“

Momentan sieht es nicht so aus, als hätte er große Chancen auf dieses Bekenntnis.

Korporierte Sozialdemokraten:

Ferdinand Lassalle (1825 bis 1864), Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins

Willy Aron (1907 bis 1933), Justizreferendar und erstes Bamberger Opfer des Nationalsozialismus

Karl Barth (1886 bis 1968), Evangelisch-reformierter Theologe, Verfasser der Barmer Thesen von 1934.

Fritz Bauer (1903 – 1968), Generalstaatsanwalt in Braunschweig, Generalstaatsanwalt in Hessen (Auschwitzprozesse)

Ludwig Bergsträsser (1883 bis 1960), Reichstags-, hessischer Landtags- und Bundestagsabgeordneter

Christoph Blumhardt (1842 bis 1919), Begründer der religiös-sozialen Bewegung (Religiöse Sozialisten) in Deutschland und der Schweiz

Eduard David (1863 bis 1930), Journalist und erster Präsident der Nationalversammlung

Georg Diederichs (1900 bis 1983), Ministerpräsident von Niedersachsen

Dieter Haak (1938 – 2012), SPD-Fraktionsvorsitzender im nordrhein-westfälischen Landtag, Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen

Georg Herwegh (1817 – 1875), Revolutionärer Dichter des Vormärz („Mann der Arbeit aufgewacht und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein  starker Arm es will.“)

Johann Jacoby (1805 – 1877), Mitglied des Paulskirchenparlaments, Gegner Bismarcks, Radikaldemokrat

Eugen Keidel (1909 bis 1991), Oberbürgermeister von Freiburg im Breisgau

Harald Koch (1907 bis 1992), Hessischer Minister für Wirtschaft und Verkehr 1947-1949, 1949-1953 MdB

Rolf Krumsiek (1934 bis 2009), Oberstadtdirektor von Wuppertal und Staatsminister in Nordrhein-Westfalen

Günter Kuhfuß (1926 – 2001), Oberkreisdirektor im Landkreis Osterode, Oberbürgermeister in Worms

Wilhelm Liebknecht (1826 bis 1900), einer der Gründerväter der deutschen Sozialdemokratie

Adolf Reichwein (1898 bis 1944), Reformpädagoge, Volkskundler, Kulturpolitiker und Widerstandskämpfer

Detlev Karsten Rohwedder (1932 bis 1991), Staatssekretär und Manager

Paul Tillich (1886 bis 1965), Theologe, Vertreter des religiösen Sozialismus

Ferdinand Tönnies (1855 bis 1936), Soziologe, Nationalökonom und Philosoph

Ernst Wilm (1901 bis 1989), Mitglied der Bekennenden Kirche, Präses der Evangelischen Kirche Westfalen

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.