Aus für GULAG-Gedenkstätte?

Das Lager Perm-36 erinnerte an die Verfolgten der Sowjetzeit und galt als wichtigste GULAG-Gedenkstätte. Nun ist es geschlossen, die Leiterin entlassen und die Zukunft ungewiss.

Das Museum Perm-36 ist das einzige erhaltene ehemalige Arbeitslager für politische Gefangene auf dem gesamten Territorium der ehemaligen Sowjetunion. Seit 1994 hat die Nichtregierungsorganisation „Perm-36“ das ehemalige Lager nach und nach zugänglich gemacht und zum Museum umgebaut.

Bis zum letzten Jahr wurde das Museum auch vom Regionalgouverneur mitfinanziert. Dazu wurde die nichtstaatliche Einrichtung auch in eine staatliche Einrichtung umgewandelt. Und nun ist sie geschlossen. Doch nicht einfach auf Grundlage einer Order. Der Gouverneur ließ die Rechnungen für Strom und Wasser nicht mehr bezahlen, so dass dem Museum Strom und Wasser abgestellt wurde. Im Mai 2014 folgte die Entlassung der Direktorin Tatjana Kursina. Der Betrieb wurde eingestellt und das jährlich stattfindende Bürgerfestival „Pilorama“ abgesagt.

Einen solchen Erfolg der Leugner kommunistischer Verbrechen hatte niemand erwartet, trotz des immer geschönteren Bildes, das die offizielle Geschichtsschreibung von der Sowjetunion zeichnet. Das die Kommunistische Partei Russlands immer schon dagegen protestierte, dass in der international anerkannten Gedenkstätte insbesondere Schülern angeblich herabwürdigende Fakten über die Sowjetunion vermittelt wurden, verwunderte wenig. Auch dass gelegentlich andere regierungstreue Organisationen in diesen Chor einstimmten, ist nicht überraschend. Trotzdem war auch das Gedenken an die Opfer des Kommunismus in Russland immer gegenwärtig und ein Ort, an dem sich die Geschichte politischer Verfolgung besonders eindrücklich vermitteln ließ, war das Lager Perm-36. Seit 1946 existiert es am jetzigen Ort, in den siebziger und achtziger Jahren galt es unter den damals inhaftierten Dissidenten als besonders hart.

Der schrille Propaganda-Ton, den staatliche russische Medien seit Beginn des Ukraine-Konflikts anschlagen – mit den „Faschisten“ als einer zentralen Figur –  benutzt und fördert den roten Geschichtsrevisionismus. So wurde beispielsweise die Schließung des Museums vom Sender NTW mit einer Dokumentation unter dem bezeichnenden Titel „Fünfte Kolonne“ propagandistisch eingeleitet. Selbst ohne der russischen Sprache mächtig zu sein, versteht man die Botschaft: In Perm-36 würden ukrainische Nationalisten und Kollaborateure der deutschen Faschisten geehrt, das damalige GULAG-Personal werde dämonisiert und überhaupt seien unter den Häftlingen viele, die hier nicht unschuldig saßen, gewesen. Und dafür, unschuldigen Schulkindern all dies zu vermitteln, habe die Museumsdirektorin viele, viele Dollar von der amerikanischen Regierung erhalten. (Zum Nachsehen: https://www.youtube.com/watch?v=W99Y9aZ6C_o).

Mit einer internationalen Petition versuchen Museums-Unterstützer nun,  Öffentlichkeit und Hilfe zu mobilisieren, um eine Wiedereröffnung von Perm-36 als unabhängiges Museum zu erreichen. (Text im Anschluss, Link zur Unterstützung)

Petition der Permer Regionalvereinigung der Gesellschaft „Memorial“ und ihrer Unterstützer

Sehr geehrter Herr Präsident der Russischen Föderation,

Sehr geehrter Herr Gouverneur der Region Perm,

die Geschehnisse der letzten Monate in Bezug auf die Gedenkstätte für die Opfer des Gulags und das Museum der Geschichte politischer Repressionen „Perm-36“ erfüllen uns mit Besorgnis und Empörung. Für diejenigen, die während der Stalinschen Repressionen gelitten, die Verwandte, Freunde oder Kollegen verloren und die große Entbehrungen und Jahre der Rechtlosigkeit überlebt haben, war und ist „Perm-36“ ein Gedenkort für Millionen unschuldiger Opfer, die in den Lagern und Gefängnissen des Gulags ums Leben gekommen sind. Die Existenz eines solchen Museums in der Region Perm war für uns eine Bestätigung dafür, dass die föderalen und regionalen staatlichen Institutionen in Russland Lehren aus der Vergangenheit gezogen haben und bereit sind, alles dafür zu tun, damit sich eine der größten Tragödien des 20. Jahrhunderts nicht wiederholt.

Seit über 20 Jahren wirken tausende russische und internationale Aktivisten und Freiwillige an der Entstehung dieser einzigartigen historischen Gedenkstätte mit. „Perm-36“ wurde weltweit bekannt. Seine Existenz ist ein Zeugnis dafür, dass das neue Russland sich der Zukunft zuwendet und sein totalitäres Erbe aufarbeitet. Nun hat sich herausgestellt, dass der Federstrich eines Beamten genügt, um die physische und intellektuelle Arbeit hunderter engagierter Bürger und Freiwilliger zu entwerten und der Gedenkstätte ihre Zukunft zu nehmen.

Mit Ihrem Wissen, Herr Gouverneur, wurde die Umwandlung des durch bürgerschaftliches Engagement entstandenen, nicht-staatlichen Museums in eine staatlich finanzierte Einrichtung für eine Intrige missbraucht: Im Januar 2014 hat die Permer Regionsregierung ohne Angabe von Gründen die Finanzierung eingestellt und im Mai wurde die Direktorin des Museums Tatjana Kursina, die zu dessen Gründern gehört, unerwartet entlassen. Derzeit ist die Gedenkstätte faktisch geschlossen: die Strom- und Wasserversorgung wurde abgestellt, Besucherführungen finden nicht statt. Alle Bildungsprojekte wurden eingestellt. Davon betroffen ist auch das jährlich Ende Juli stattfindende Internationale Bürgerfestival „Pilorama“, das in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal ausgerichtet werden sollte und an dem Tausende von Gästen teilnehmen, um über die Geschichte und Zukunft Russlands sowie dessen Beziehungen zu seinen Nachbarländern zu diskutieren.

Zudem wurde die Gedenkstätte „Perm-36“ zu Filmaufnahmen für eine propagandistische Fernsehsendung des Kanals NTW missbraucht, in der die Gründer der Gedenkstätte und ehemalige politische Häftlinge bösartig verleumdet werden. Empörend daran ist insbesondere, dass die Provokateure des Fernsehsenders bei ihrer „Exkursion“ in das Museum von ehemaligen Aufsehern des Lagers „Perm-36“ sowie von Vertretern der neostalinistischen Bewegung „Sut‘ Vremeni“ begleitet wurden. In der ausgestrahlten Sendung wird unentwegt die von Neostalinisten vorgebrachte Aussage wiederholt, dass im Lager „Perm-36“ ausschließlich Bandera-Anhänger und Kollaborateure der deutschen Faschisten ihre Strafe verbüßt hätten, und der Schluss gezogen, dass die Gedenkstätte eine faschistische und staatsfeindliche Einrichtung sei.

Im Lager „Perm-36“ gab es unterschiedliche Gruppen von Häftlingen, darunter auch Personen, die für Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs verurteilt wurden. Diese stellten jedoch erstens eine Minderheit dar und zweitens ist das Museum nicht ihnen gewidmet. Nicht sie stehen im Mittelpunkt der Ausstellungen und der Museumsführungen, sondern die Häftlinge der Permer Lager (Perm-35, Perm-36, Perm-37), die in den 1970er und 1980er Jahren aus politischen Gründen inhaftiert wurden. Darüber hinaus ist ein großer Teil der Ausstellung dem Gedenken an die Opfer von Repressionen in der historisch weiter zurückliegenden Stalinschen Periode gewidmet. Die politischen Häftlinge der 1970er und 1980er Jahre und die von den stalinistischen Repressionen Betroffenen sind als Opfer rechtswidriger politischer Verfolgungen auf der Grundlage von Gesetzen der Russischen Föderation und anderer vormals zur Sowjetunion gehöriger Staaten vollständig rehabilitiert worden.

Diese Fakten können auch die ärgsten Gegner des Museums „Perm-36“ nicht leugnen, sondern lediglich verschweigen und auf diese Weise die Öffentlichkeit in die Irre führen.

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrter Herr Gouverneur,

wir fordern Sie nachdrücklich dazu auf,

– die Gedenkstätte der Geschichte politischer Repressionen „Perm-36“ vor der Schließung zu bewahren,

– die Wiederaufnahme der Museumstätigkeit auf Grundlage der vertraglich vereinbarten zivilgesellschaftlich-staatlichen Zusammenarbeit zu ermöglichen und

– Tatjana Kursina wieder als Direktorin des Museums einzusetzen.

Permer Regionalvereinigung der Gesellschaft „Memorial“ und ihre Unterstützer

1 Kommentar

  1. Ina Schulze

    Gerade hatte Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift „Osteuropa“, einen Vortrag über den Gulag und das Perm-36 gehalten. Ich habe einen Artikel für den Weser Kurier darüber geschrieben und in meinen Blog aufgenommen. Es ist schon erschütternd, wie unterschiedlich Länder mit ihrer Vergangenheit umgehen.

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