Landtag ohne Landsleute

Es mag ja gute Gründe geben, die AfD nicht zu mögen und in ihr vor allem einen schwierigen politischen Gegner zu sehen. Man mag einen Teil ihrer Mitglieder für Rechtspopulisten halten und sich vornehmen, diese zu entlarven und vorzuführen. Nur ist das Amt einer Landtagspräsidentin dafür nicht geeignet, denn dann beschädigt man ohne Not die politische Kultur. Zumal, wenn man sich ohne ernsthaften Anlass so dumm anstellt, wie die Landtagspräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Sylvia Bretschneider (SPD), und der ungeliebten AfD auf diese Weise zu Unterstützung und Zustimmung verhilft. Welcher politisch korrekte Furor mit der Genossin durchgegangen ist, darüber kann man nur spekulieren.

Am Ende einer Landtagssitzung in der ersten Aprilwoche begann der AfD-Abgeordnete Gunter Jess seine Rede, wie allgemein üblich, mit der Begrüßung der Landtagspräsidentin und der Abgeordneten. Jess setzte noch „liebe Landsleute“ und „liebe Gäste“ hinzu, was für Genossin Bretschneider Grund genug war, den AfD-Kollegen zu unterbrechen und zu maßregeln. „Dass nun auch noch die Landsleute begrüßt werden – das gehört nicht hierher“, schimpfte Bretschneider. Es gebe klare Regeln des Anstands und die gelten auch für die AfD, schob die Landtagspräsidentin hinterher.

Die „Landsleute“ anzusprechen widerspricht also den Regeln des Anstands? Willy Brandt – die Genossin Bretschneider kann sich vielleicht noch an ihn erinnern – richtete am Tag nach dem Mauerfall in Berlin seine Rede an „liebe Landsleute von drüben und hüben“. Hans-Dietrich Genscher hatte einige Wochen zuvor auf dem Balkon der Prager Botschaft den „lieben Landsleuten“ gesagt, dass ihre Ausreise in den Westen genehmigt worden sei. Viele ehrbare Politiker hatten sich in den vergangenen Jahrzehnten an die Landsleute gewandt. Und jetzt sind die Landsleute plötzlich unanständig? Eigentlich passen sie doch gut in die Zeit, denn sie eignen sich hervorragend zur geschlechtergerechten Ansprache.

Die AfD nutzte den Vorfall natürlich und er nutzt ihr. Ein ins Netz gestellter Videomitschnitt sei, so berichten regionale Zeitungen, ein Renner in sozialen Netzwerken geworden. Und der gemaßregelte Abgeordnete Jess konnte sich wundern, warum die Landtagspräsidentin plötzlich Schwierigkeiten mit den „Landsleuten“ habe. Für die Vizepräsidentinnen von CDU und Linkspartei sei das nie ein Problem gewesen.

Die Genossin Bretschneider spricht inzwischen von einem Missverständnis. Sie habe es überhört, dass sie als Präsidentin geschäftsordnungsgerecht zuerst begrüßt worden war, und wollte eigentlich nur dieses vermeintliche Versäumnis ahnden. Ihr Nörgeln an den „Landsleuten“ war aber dennoch nicht zu überhören.

Sonderlich mutig ist eine solche Begründung nicht. Wenn sie die Verwendung des Wortes „Landsleute“ schon für einen Ausweis rechter Gesinnung hält, dann soll sie es doch klar sagen, auch wenn die meisten Menschen das für Unsinn halten dürften. Nur dann kann man sich damit wenigstens auseinandersetzen. Aber Courage fordern solche politischen Verantwortungsträger lieber von den Bürgern. Immerhin nicht von den Landsleuten.

Alle Zitate aus dem Schweriner Landtag aus: http://www.svz.de/regionales/mecklenburg-vorpommern/liebe-landsleute-darf-man-das-sagen-id16545736.html

1 Kommentar

  1. dentix07

    Brettschneider, ist das nicht die die vor kurzem schon mal einen AfD-Abgeordneten [sic] verwarnte und ihm das Wort entzog weil er Frau Landtagspräsident und nicht -präsidentin sagte? (Obwohl es in der Geschäftsordnung Landtagspräsident heißt und eine weibliche Form Landtagspräsidentin nicht vorkommt!)
    Irgendwie erinnert mich das an mal gesehene(?)Szenen aus dem damaligen Reichstag und ganz besonders an einen gewissen Richter der damaligen Zeit! Hieß, wenn ich mich richtig erinnere, Roland mit Vornamen?
    (Für die denen das nichts (mehr) sagt, bzw. zu faul zum googeln sind, gemeint ist Roland Freisler, berüchtigter Richter am Volksgerichtshof!)
    Und bevor mir jetzt jemand vorwirft ich würde Frau Brettschneider mit jenem Richter vergleichen! Nein, ich fühle mich dabei nur an ihn erinnert! (Man kann ja heutzutage nicht vorsichtig genug sein!)

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