Inspirationen aus Sarmatien

Er ist leider bei vielen Jüngeren zu sehr in Vergessenheit geraten: Der Dichter Johannes Bobrowski starb 1965 im Alter von 48 Jahren an einer Blinddarmentzündung und sein beeindruckendes Gesamtwerk, das ihn zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der letzten Jahrzehnte machte, entstand vor allem in den wenigen Jahren von 1961-1965.

Er sei ein „souveräner Solitär zwischen Ost und West“ gewesen, sagt Helmut Böttiger in seiner Deutschlandradio-Rezension einer vierbändigen Sammlung von Bobrowskis Briefen, die jetzt zu seinem 100. Geburtstag erschienen ist. Faszinierend ist Bobrowski allemal. In seiner Hauptschaffenszeit lebte er im Ost-Berliner Vorort Friedrichshagen und sein Haus wurde zu einer Pilgerstätte von westdeutschen und West-Berliner Autoren. So kurz nach dem Bau der Mauer gab es kaum einen weiteren Ort solcher Begegnungen. Böttiger schreibt:

„Die von Jochen Meyer umfassend und detailreich kommentierte, große vierbändige Briefausgabe erlaubt nun zum ersten Mal einen genauen Blick auf das Phänomen Bobrowski. Aus den zahlreichen Briefen aus allen Lebensphasen lässt sich mühelos eine differenzierte Biografie dieses geheimnisvollen Dichters rekonstruieren, der Anfang der sechziger Jahre mit der lyrischen Beschwörung des sarmatischen Raums hervortrat – eine Bezeichnung des antiken Geografen Ptolemäus für das Gebiet zwischen Ostsee und Schwarzem Meer.

Bobrowski stammte aus dem Memelland um Tilsit, ging im ostpreußischen geistigen Zentrum Königsberg aufs Gymnasium, und die Tiefe der Verbundenheit zu diesem Herkommen zeigt sich bis zum Schluss in Briefen an Landsleute und in genealogischen Forschungen. Auch mit Soldaten seiner Einheit blieb er lange in enger Verbindung. Interessant ist seine Wandlung zum überzeugten Kommunisten, die er auch noch eine Zeitlang nach dem Kriegsgefangenenlager im Donezbecken aufrechterhielt. Angesichts der innenpolitischen Entwicklung in der DDR trat jedoch schon bald eine Desillusionierung ein.“

Mehr hier: http://www.deutschlandradiokultur.de/johannes-bobrowskis-briefe-einzelgaenger-zwischen-ost-und.950.de.html?dram:article_id=383358

Zur Ergänzung die Verlagsbeschreibung:

Sarmatien, das Land zwischen Weichsel und Wolga – Johannes Bobrowski hat es zum literarischen Kosmos gemacht. Am Anfang fünfzehn verlorene Jahre: Arbeitsdienst, Wehrpflicht, Kriegsdienst, russische Gefangenschaft bis Ende 1949. Die Ost-West-Spannung der Epoche gibt seinen Briefen den Grundton. Mit den ersten Buchveröffentlichungen im »Westen« beginnt der jähe Ruhm des in Ost-Berlin lebenden Ostpreußen. Als er 1962 in West-Berlin den Preis der Gruppe 47 erhält (nach Ingeborg Bachmann und Günter Grass), eskaliert gerade die Spiegel-Affäre, und die Welt hält den Atem an in der Kuba-Krise.

Der Herausgeber Jochen Meyer hat über 1.200 Briefe aus den Jahren 1937 bis 1965 zusammengestellt. In seinen Erläuterungen macht er die Untertöne hörbar und verständlich. Dabei kommen auch die Gegenbriefe aus dem Nachlass des Dichters im Deutschen Literaturarchiv Marbach zu Wort. Von Ina Seidel und Ernst Jünger spannt sich der Bogen über Peter Huchel, Peter Jokostra, Paul Celan, Klaus Wagenbach, Günter Grass, Uwe Johnson bis zu den damals Jüngsten: Hubert Fichte, Nicolas Born, Guntram Vesper. Im Zentrum stehen die engsten Freunde: Max Hölzer und Christoph Meckel. Mit von der Partie ist die Stasi; sie präpariert insgeheim eine Anklage wegen »staatsgefährdender Hetze«.

Mehr hier: http://www.wallstein-verlag.de/9783835305779-johannes-bobrowski-briefe-1937-1965.html

Johannes Bobrowski: Briefe 1937-1965

von Jochen Meyer, Wallstein-Verlag, Göttingen 2017, 4 Bände, insgesamt ca. 2500 Seiten, 199 Euro

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