Leichter Wählen mit leichter Sprache

Sie dachten vielleicht früher, dass Politik eine ernste und schwere Angelegenheit sei. In Schleswig-Holstein beweisen Politiker im Landtagswahlkampf, dass man Politik auch leicht nehmen, bzw. in „Leichter Sprache“ erklären kann. Diese „Leichte Sprache“ hat inzwischen Konjunktur. Jede öffentliche Einrichtung, die etwas auf sich hält, hat sich Informationsmaterial in möglichst simplem Deutsch erstellen lassen, damit ihre Inhalte auch für Menschen verständlich werden, denen die gängige deutsche Schriftsprache zu komplex ist. Das ist wirklich ein gut gemeintes Anliegen, denn es soll ja möglichst niemand ausgegrenzt werden.

Aber ist die Politik in vielen Bereichen nicht doch zu komplex für die „Leichte Sprache“? In Schleswig-Holstein offenbar nicht, denn hier traut man sich die nötige Vereinfachung zu. Es gibt schließlich schon beeindruckende Vorbilder. Die Deutsche Rentenversicherung hat es beispielsweise geschafft, die staatliche Altersvorsorge in „Leichter Sprache“ zu erklären. Der Landeswahlleiter in Kiel ließ die Wahlbenachrichtigungen, die unterschiedslos an alle Wahlberechtigten geschickt werden, in leichter Sprache drucken. Es wäre eine böse Unterstellung, zu argwöhnen, die Landesregierung wollte damit allen Wählern sagen, dass sie sie nicht für fähig hält, komplexere Sachverhalte zu erfassen. Der Inhalt einer Wahlbenachrichtigung ist ja im Grunde auch recht simpel ist. Im Gegensatz zum Wahlprogramm einer Partei. Lässt sich das denn auch so leicht beschreiben?

Ja! Ein eindrucksvolles Beispiel dafür liefert die SPD aus Schleswig-Holstein, die ihre Vorhaben dem Wähler auch in „Leichter Sprache“ erklären kann. Dem Wähler? Nicht der Wählerin? Ja, denn auch bei Sozialdemokraten ist das Gendern für die „Leichte Sprache“ zu schwer:

Damit das Programm leichter lesbar

ist, verwenden wir nur die männliche

Form.

Alle Bezeichnungen und Inhalte sind

für alle Geschlechter.

So einfach ist das. Nachdem wir die sprachliche Geschlechtergerechtigkeit unerwartet simpel erledigen konnten, kommen die Genossen zu etwas Grundsätzlichem:

Wenn wir etwas versprechen,

dann führen wir es auch durch.

Unsere Versprechen haben wir

uns gut überlegt.

Wir versprechen nicht alles.

Mit unserem Wahl-Programm

geben wir dem Bürger einzelne

Versprechen.

Wie aufrichtig und überzeugend. Dann würden wir doch gern mal etwas von den einzelnen Versprechen lesen:

Wir arbeiten jeden Tag für eine

gerechte Gesellschaft:

Für jeden Menschen

in Schleswig-Holstein.

Nur mit uns gibt es gute Arbeit.

Und die beste Bildung.

Und starke Familien.

Und ein modernes Bundesland.

Gut, das war jetzt noch nicht ganz so konkret, aber es regt zum Nachdenken an. Manch einer könnte sich fragen, wieso er eine starke Familie kennt, an der kein Sozialdemokrat beteiligt ist. Oder ist da heimlich immer irgendwo ein Sozialdemokrat mit dabei? Bevor wir uns in solche Fragen verstricken, erst noch etwas Essentielles:

Verschiedene Menschen müssen die

gleichen Chancen im Leben haben.

Damit es gleiche Chancen für alle

Menschen gibt, müssen alle Menschen

gute Informationen bekommen.

Gute Informationen sorgen

für gute Bildung.

Dann wissen Menschen gut Bescheid.

Also dann mal ran an die guten Informationen und die einzelnen Versprechen. Das Wahlprogramm bietet auch in „Leichter Sprache“ die übliche Wahlkampflyrik, sortiert nach Politikfeldern. Aber manchmal wird es wirklich ganz konkret und nachvollziehbar. Nehmen wir zum Beispiel den Bereich „Mobilität“. Zuerst wird dankenswerterweise erklärt, worum es dabei geht:

Mobilität bedeutet:

Eine Person kann sich von einem Ort

zum anderen Ort bewegen.

Menschen müssen in unserer Gesellschaft

beweglich sein.

Nur so können sie überall

am Leben teilnehmen.

Es gibt verschiedene Verkehrsmittel,

um beweglich zu sein:

– Bus und Bahn

– Auto

– Fahrrad

Dass der Luftverkehr und die Schiffe nicht vorkommen, liegt vielleicht daran, dass sich die Wahlversprechen vor allem auf Landwege beziehen. Beispielsweise hier:

Die Eisenbahn-Verbindungen sollen besser

werden

Einzelne Eisenbahn-Strecken

sollen verbessert werden.

Zum Beispiel:

– Die Gemeinde Schönberg an der Ostsee

im Kreis Plön

– Die Stadt Geesthacht

sollen an den Zug-Verkehr

angeschlossen werden.

Das sind doch mal konkrete Aussagen. In schwerer Sprache hätte man jetzt vielleicht die Information erwartet, dass der Anschluss ans Bahnnetz allenfalls wiederhergestellt werden kann, denn beide Orte hatten schon einmal Bahnverkehr. Geesthacht wurde 1906 erstmals von der Bergedorf-Geesthachter Eisenbahn angefahren, zehn Jahre später kam die sogenannte Krümmelbahn hinzu. Und zum Bahnanschluss von Schönberg weiß Wikipedia zu berichten: „Von 1914 bis 1975 war Schönberg Bahnstation der Kiel-Schönberger Eisenbahn, welche derzeit reaktiviert wird.“ Da scheint jetzt nicht jedes einzelne Versprechen so ganz neu zu sein.

Aber wir wollen hier nicht kleinkrämerisch sein. Es gibt wirklich viele Vorhaben, die das Programm aufzählt: Bessere Bahn-Anbindungen an Hamburg, die Wiedereröffnung der Bahnstrecke zwischen der Wrist und Kellinghusen und auch auf der Straße soll es besser werden. Die SPD verspricht zudem alle Landesstraßen bis 2030 zu reparieren und vom Bund mehr Geld für Autobahnen und Bundesstraßen zu verlangen. Und dann gibt es eine schwere Zusage in „Leichter Sprache“:

Die neuen Verkehrs-Projekte

sollen ohne Fehler geplant werden.

Wow! Wie klar und eindeutig das ist. Daran kann sich die Partei dann wirklich messen lassen. Ist eigentlich so ein Programm in „Leichter Sprache“ ebenso verbindlich, wie das in normalem Deutsch? Jedenfalls erläutert die SPD ihre Vorhaben in allen Bereichen, ob Wirtschaftsförderung, bessere Bildung oder eine bessere Verwaltung. Wer würde beispielsweise einer solchen Aussage widersprechen wollen:

Alle Menschen in Schleswig-Holstein

sollen durch Bildung gleiche Chancen

für das Leben bekommen:

– Menschen aus allen sozialen Gruppen

– Frauen und Männer

– Gleich-geschlechtliche oder

verschieden-geschlechtliche Menschen

– Menschen mit und ohne Behinderungen

Man hätte noch so viele Spiegelstriche anfügen können, doch in „Leichter Sprache“ wird darauf dankenswerterweise verzichtet. Und beim nächsten Mal könnte man auf die Spiegelstriche vielleicht sogar ganz verzichten, denn „alle Menschen“ reicht eigentlich.

Doch kommen wir mal wieder zu den konkreten Punkten: Auch mehr Zugang zu schnellem Internet auf dem Land ist ein wichtiges Thema:

In ganz Schleswig-Holstein soll es

schnelles Internet geben

Schnelles Internet ist für unser Leben

sehr wichtig.

Schleswig-Holstein hat in den letzten

Jahren viel schnelles Internet gebaut:

Mehr als jeder zweite von drei

Schleswig-Holsteinern hat schnelles Internet.

Ob das nun wirklich im Jahre 2017 mitten in Europa als Erfolg gelten kann, wenn ein Drittel der Menschen keinen schnellen Internet-Zugang haben, darüber kann man in „Leichter Sprache“ vielleicht nicht so gut streiten, deshalb lassen wir das hier. Verheißungsvoller klingen ja auch Sätze wie dieser:

Die SPD hat einen Plan

gemacht, damit der Kontakt

mit der Verwaltung gut klappt.

Die Menschen müssen aber weiterhin

die Möglichkeit haben, mit den Mitarbeitern

der Verwaltung persönlich zu sprechen.

Die Mitarbeiter können nicht immer sofort

Auskunft geben.

Die Menschen können die Informationen dann

auch im Internet finden.

Ein guter Plan. Wer schnelles Internet hat, braucht nicht so viel Verwaltung. Oder wie sollte man sich diese Aussage aus der leichten in die schwere Sprache übersetzen? Aber es ist ja schön, wenn einen auch einfache Formulierungen zum Nachdenken anregen können.

Kommen wir am Ende unseres schlaglichtartigen Durchblätterns des SPD-Wahlprogramms zu der sozialdemokratischen Kernkompetenz schlechthin, dem Sozialen. Da findet sich natürlich u.a. auch die Forderung nach Bundesmitteln für den zweiten Arbeitsmarkt, sowie verschiedene Förderversprechen für Benachteiligte. Zusätzlich kündigt die SPD noch landesspezifische soziale Maßnahmen an:

Wenn Betriebe Arbeitnehmer

schlecht behandeln,

dann sollen sie keine Aufträge vom Bundesland

Schleswig-Holstein bekommen.

Diese Betriebe werden dann in eine

Liste eingetragen und nicht mehr beauftragt.

Das ist neu.

Und auch für die Bürger Schleswig-Holsteins, die kein Problem mit ihrem Arbeitgeber haben, hätte eine SPD-Landesregierung einen großen Schritt zu etwas mehr Gerechtigkeit zu bieten:

Das Bundesland Schleswig-Holstein hat

9 gesetzliche Feiertage.

Im Vergleich zu den anderen Bundesländern in

Deutschland ist das wenig.

Die SPD will deshalb einen

zusätzlichen Feiertag

in Schleswig-Holstein einführen.

Spannend ist jetzt nur die Frage, was denn am neuen Feiertag gefeiert werden soll. Vielleicht kann man ja die Feiertagsgerechtigkeit mit der Einführung des ersten islamischen Feiertages verbinden.

9 Kommentare

  1. Hannes Luhr

    Leichte Sprache ist u.a. für Menschen mit geistigen Behinderungen da, die hierdurch einen besseren Zugang zu Politik erhalten können.
    Den Verfassern der Leserbriefe steht ein Lesen des Wahlprogramms in normaler Sprache natürlich frei. Dieser Zugang steht Menschen mit geistigen Behinderungen nicht immer frei.
    Deshalb wünsche ich den Verfassern einmal über den „eigenen Bauchnabel“ hinauszuschauen.

    Antworten
  2. Karsten Annmann

    Was ist denn ein gleichgeschlechtlicher Mensch? Und was ist ein verschiedengeschlechtlicher (Zwitter?) ??

    Fehlt da nicht noch irgendwas dabei, damit es Sinn ergibt?

    Antworten
    1. Karsten Annmann

      ich habe mir nicht die Mühe gemacht, das Wahlprogramm der spd in hochintellektuellen-Sprache auch nur zu suchen: aber wenn das in einfacher Sprache schon ein 142-Seiten-Schinken ist, wie dick ist die Kiste dann erst in Weisen-Sprache?

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      1. Hannes Luhr

        Die Schrift ist in Leichter Sprache größer, es ist weniger Text auf einer Seite und es sind außerdem Abbildungen enthalten.

        Antworten
  3. Roswitha Rose

    Mein Eindruck ist eher, dass schon einmal darauf vorbereitet wird, dass dass unsere neuen Mitbürger auch verstehen worum es geht, wenn sie denn bald wählen dürfen. Und das wird kommen und dann können wir wählen wie wir wollen.

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    1. Karsten Annmann

      Stecken Sie den Sand. Nicht in den Kopf.

      Oder.

      Anders-Rum.

      Wenn die Neubürger alle tatsächlich so einfach gestrickt sind, wie unsere lieben Politiker anzunehmen scheinen, dann rennen die auch in etwa gleichmäßig allen billigen Versprechen aller Parteien hinterher und dann nivelliert sich der Effekt. Spannend dabei dürfte werden, wie man in einfacher Sprache eine Unterscheidung zu den anderen auswählbaren Parteien erzeugen will. Wenn da alle das gleich schreiben, wird es schwierig, jeweils eine Prognose für das eigene Ergebnis zu erstellen.

      😉

      Gibt es in funktionierenden Einwanderungsländern (Australien, Kanada, USA…) so einen Schmarrn eigentlich auch oder haben sich das unsere Granden diesmal wirklich ganz allein ausgedacht?

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  4. dentix07

    Ich glaube hier besteht ein Irrtum! Die „leichte Sprache“ wird nicht verwendet weil Politiker annehmen die Bürger wären so dumm, sondern weil Politiker so dumm sind das sie selbst in „schwerer Sprache“ nicht verstehen was sie sagen! Und da bei ihnen die Denkfähigkeit fehlt, gehen sie davon aus dies beträfe auch alle anderen!
    So gesehen ein tolles Konzept: Man baut eine Brücke auf Verständigungsniveau der Politiker damit der Bürger mit ihnen auf ihrer Augenhöhe kommunizieren kann!
    (Wer Sarkasmus findet liegt richtig!)

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  5. Kai

    @Rainer Wehpunkt – „kurz und schmerzlos“? Also, meinen verbliebenen Hirnzellen tut diese leichte Sprache sehr, sehr weh.

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  6. Reiner Wehpunkt

    Meiner Meinung nach zeigt das Thema ‚Leichte Sprache‘ doch, wie verantwortungsvoll die Politiker mit dem mündigen Souverän umgehen:
    ihn erst mit allen Mitteln verblöden, um dann in leichter Sprache den verbleibenden, noch ansprechbaren Hirnzellen kurz und schmerzlos zu erklären, wo es lang geht ins Reich der rosaroten Illusionen.

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