„Bestrafe einen, erziehe hundert“

Wie praktisch ein Schauprozess ist, hat wohl niemand treffender zusammengefasst als Mao: „Bestrafe einen, erziehe hundert.“ In Diktaturen aller Couleur wurde und wird gern und oft nach diesem Motto verfahren, um immer den nötigen Anpassungsdruck zu halten, auf dass möglichst niemand widerspricht und aufbegehrt. Wer das Glück hatte, sein Leben in einem verhältnismäßig freien und demokratischen Gemeinwesen zu verbringen, ist mit dieser Praxis sicher kaum direkt in Berührung gekommen. Um diese Lücke ein wenig zu schließen, hat der WDR nun ein Lehrstück aufgeführt.

Wer beispielsweise als Autor darüber nachdenkt, über Antisemitismus für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu recherchieren und zu berichten, der weiß spätestens seit Mittwoch-Abend, was er alles zu vermeiden hat, wenn er nicht vom eigenen Auftraggeber an den öffentlichen Medienpranger gestellt werden will. Joachim Schroeder und Sophie Hafner wurden mit der Aufführung ihres Films „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ vom WDR in Texttafeln, im Internet und in Ansprachen des Fernsehdirektors Jörg Schönenborn als Autoren gebrandmarkt, die schlecht recherchiert und nicht überprüfte Aussagen in die Welt gesetzt hätten. Sie selbst fanden kein Gehör.

Bei Sandra Maischberger durfte Schönenborn seine Sicht der Dinge ausführlich darlegen. Dass er sich selbst vorführte, weil er mit seiner Argumentation den sachlichen klaren Einwänden von Michael Wolffsohn nicht gewachsen war, macht es leider nicht viel besser. Die Autoren wurden vorgeführt, mussten zusehen, wie eingeblendete Texttafeln im eigenen Film sie denunzierten. An der Studiodiskussion durften sie nicht teilnehmen.

An dieser Stelle wurde ja schon geschrieben, dass all diese Einwände allein schon deshalb aberwitzig sind, weil selbst wenn sie zuträfen, es dann eine redaktionelle Aufgabe gewesen wäre, diese offenen Fragen mit den Autoren in der Endfertigung zu klären und den Film entsprechend zu bearbeiten. Aber darauf kam es nicht an. Dem Sender passte die ganze Richtung nicht. Deshalb sollte der Film erst klammheimlich verschwinden, nur gelangte dieser Vorgang dummerweise in die Öffentlichkeit. Dass Antisemitismus-Experten den Film für wichtig, sehens- und unbedingt sendenswert hielten, brachte den WDR in eine immer peinlichere Lage. Noch gilt ja Rücksichtnahme auf Antisemiten als anrüchig genug, dass man sich dabei nicht gern erwischen lässt. Nun musste bekanntlich gesendet werden, aber dafür gehörten die Autoren bestraft.

Mehr Respekt für Tabuzonen

Wer sich als Autor künftig die Ergebnisse seiner Arbeit nicht stillschweigend nehmen lassen will, der weiß jetzt, was im Ernstfall möglich ist. Er kann dann von seinem Sender öffentlich als Journalist, der sein Handwerk nicht beherrscht, denunziert und gebrandmarkt werden. Was das für die künftige Auftragslage bedeutet, kann sich wahrscheinlich jeder vorstellen. In manchen Bereichen kommt dies, bedingt durch die marktbeherrschende Stellung der gebührenfinanzierten Sender, einem Berufsverbot gleich.

Diese Drohung an Autoren und Journalisten wurde nach dem Mao-Motto am Mittwochabend permanent mitgesendet. Der Anpassungsdruck steigt weiter. Viele, die von Aufträgen öffentlich-rechtlicher Sender abhängig sind, werden heikle Themen und Tabuzonen von vornherein meiden. Die Lücken in der journalistischen Wahrnehmung der Wirklichkeit werden so natürlich größer.

Am Morgen danach hat sich Fernsehdirektor Schönenborn übrigens im Netz noch einmal lange zum Thema geäußert und Zuschauerfragen beantwortet. Er bleibt bei der Linie, alle anderen hätten Fehler gemacht, und stellt die Autoren wiederum indirekt an den Pranger. Es mutet außerdem schon ein wenig an wie auf dem Gutshof, wenn man sich als erwachsener Zuschauer vom Herrn Fernsehdirektor duzen lassen muss. Aber man sollte sich nicht beschweren, es ist vielleicht der ehrlichste Ausdruck dessen, was etliche öffentlich-rechtliche Meinungsbildner von ihrem Publikum halten.

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