Demokratie der Befragten-Mehrheit

Es ist doch schön, wenn es Umfragen gibt, nach deren Ergebnis die Mehrheit der Befragten das will, was man als Regierung zu tun beabsichtigt bzw. gerade tut. Insofern wird beispielsweise diese Meldung aus der vorletzten Augustwoche sicher ein zustimmendes Nicken von Heiko Maas erfahren haben:

Die Mehrheit der Deutschen wollen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter gesetzlich verpflichten, gegen Fake News vorzugehen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC, die der WELT exklusiv vorliegt.

Zwei von drei Deutschen wollen Plattformbetreiber wie Facebook oder Twitter verpflichten, absichtlich verbreitete Falschnachrichten auf ihren Kanälen aktiv zu löschen.

Vor der Bundestagswahl im September ist die Befürchtung groß, dass Fake News und Social Bots in Deutschland den Wahlausgang beeinflussen könnten. Social Bots sind Software-Programme, die automatisiert vermeintliche Nachrichten verbreiten, um so die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Nun wollen wir uns jetzt gar nicht mit der Frage aufhalten, wer denn diese Studie, die der WELT exklusiv vorlag, in Auftrag gegeben und bezahlt hat. Viel eher ist interessant, worauf denn diese klare Haltung gründet. Nehmen wir beispielsweise die Social Bots. Was hier getan werden müsste, wissen die befragten Bundesbürger offenbar genau:

Neun von zehn Befragten befürworten eine stärkere Reglementierung von Social Bots, mehr als 40 Prozent plädieren sogar für ein gesetzliches Verbot. Allerdings sagen der Umfrage zufolge nur 14 Prozent, dass sie über Social Bots relativ gut Bescheid wüssten.

Jeder Vierte kennt sie nur dem Namen nach und fast vier von zehn Befragten haben von dem Begriff zuvor noch nichts gehört. Fake News hingegen ist den meisten Deutschen ein Begriff. Mehr als jeder zweite ist der Meinung, darüber relativ gut Bescheid zu wissen.

Die einen liefern Fake-News und die anderen machen bloß Fehler

Aber mit Fake-News kennen sich unsere befragten Mitbürger aus. Sie wissen genau, wo diese platziert sind:

Fake News erwarten die Deutschen […] fast ausschließlich im Internet. Acht von zehn Befragten würden solche Falschmeldungen zu politischen Themen am ehesten bei Facebook vermuten und zwei Drittel nannten Twitter. Bei öffentlich-rechtlichen TV-Sendern sinkt der Anteil der Befragten auf nur noch neun Prozent, die dort Fake News erwarten. Bei kostenpflichtigen Tages- und Wochenzeitungen waren es nur noch fünf Prozent.

Diese Ergebnisse wärmen auch das Herz eines jeden Redakteurs in den traditionellen Medien, die doch in den letzten Jahren oft gescholten wurden. Eine Studie wies sogar nach, dass die vor zwei Jahren dominierende Berichterstattung über „Flüchtlingskrise“ und „Willkommenskultur“ viel zu unkritisch und tendenziell gewesen sei. Wie gut, dass die Mehrheit der Befragten im gut gemeinten Versuch der verbalen Wirklichkeitsverschönerung offenbar keine Fake-News erkannt hat. Wenn doch mal was falsch ist, dann war es ein Fehler. Fake-News machen die anderen, im bösen Internet.

Komisch nur, dass offenbar die wichtige Frage danach, wer denn darüber entscheidet, ob eine Nachricht falsch ist, keine Rolle spielt. Ist die Mehrheit der Deutschen wirklich damit einverstanden, dass staatlich festgelegt wird, was Wahrheit ist? Erinnert sich keiner mehr an ein paar hinderliche Grundrechte?

Vielleicht ist es ganz aufschlussreich, zu wissen, wo sich denn die Befragten so informieren:

Mit mehr als 70 Prozent nannten die meisten Befragten die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender als Hauptinformationsquelle zu politischen Ereignissen. Mehr als jeder Zweite greift für politische Informationen zur Tages- oder Wochenzeitung.

Na da haben doch die Fake-News-Produzenten aus dem Internet keine Chance. Dann braucht es auch keine neuen Verbote und Reglementierungen, oder? Aber wenn es die Befragten-Mehrheit doch unbedingt will?

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