Die Kunst des herrschaftsverträglichen Andeutens

In der heutigen Zeit wird es wirklich immer schwerer, einen Sachverhalt zutreffend zu beschreiben, ohne Formulierungen zu verwenden, die einen in den Verdacht einer verachtenswerten Gesinnung bringen. Wenn jemand beispielsweise sagt, durch die unkontrollierte Massenzuwanderung der letzten beiden Jahre würden Krankheiten eingeschleppt, dann ist das keine neutrale Aussage mehr. Wenn früher jemand diesen Satz ausgesprochen oder niedergeschrieben hatte, konnte er vielleicht noch behaupten, dass er damit lediglich auf das Problem aufmerksam machen wolle, dass Menschen, die aus Landstrichen mit schlechter medizinischer Versorgung und vielfältigen Erregern kommen, nun einmal nicht nur ihre Kultur, sondern auch ihre Krankheiten mitbringen.

Heute ist das anders. Heute bedeutet eine solche Aussage, dass Zuwanderer mit Krankheitserregern verglichen und damit in diskriminierender Weise herabgesetzt werden. Das weiß inzwischen jeder und ist natürlich darum bemüht, jede auch nur ähnlich klingende Formulierung zu vermeiden. Dumm nur, dass Probleme, die sich nicht mehr klar beschreiben lassen, trotzdem weiterhin existieren. Zuwanderer aus Gebieten mit schlechter medizinischer Versorgung und vielen Erregern bringen nun einmal nicht nur ihre Kultur, sondern auch ihre Krankheiten mit, auch wenn es keine angemessenen Worte mehr zu geben scheint, die man zur Beschreibung dieses Umstands straflos benutzen darf. Was also tut man als schreibender Journalist in einem solchen Fall? Hier ist die Kunst des von allen verstandenen Andeutens gefragt, wie weiland in der Diktatur, als dem Publikum auch Anspielungen reichten, um in einem Text das Unaussprechliche zu verstehen. So zu formulieren ist eine Kunst, die längst nicht mehr nur im Osten gepflegt wird. Auch West-Redakteure haben inzwischen in großer Zahl das gepflegte Drumherum-Texten gelernt, manche können das inzwischen fast besser, als die DDR-Veteranen.

Höheres Infektionsrisiko für Ehrenamtliche

Ein schönes Beispiel dafür lieferte die WELT in diesen Tagen in einem Bericht über die geänderten Impfempfehlungen des Robert-Koch-Instituts:

Neue Impfempfehlungen gibt es auch zu Hepatitis A und B sowie zu Tetanus. Die Impfung gegen Hepatitis A und B empfiehlt die Stiko nun auch ehrenamtlich tätigen Menschen, die einem ähnlich hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind wie bestimmte Berufsgruppen. Das gilt zum Beispiel für den Gesundheitsdienst und Menschen, die in Kitas, Behindertenwerkstätten und Asylheimen arbeiten. Auch Auszubildende, Studierende und Praktikanten werden ausdrücklich genannt.

Warum ist denn aber für Ehrenamtliche das Infektionsrisiko in letzter Zeit so ungemein gestiegen? Eine rhetorische Frage, denn man muss es gar nicht erwähnen. Liest man die Leserkommentare, weiß man sofort, was die Leser verstanden haben. Die zensurangepasste Kommunikation funktioniert inzwischen.

Allerdings nicht überall. Es gibt immer noch Schreiberlinge, die Platz für rücksichtslosen Klartext finden. Die CSU-Zeitung Bayernkurier beispielsweise ließ vor einem Jahr noch folgenden erschreckenden Beitrag durchgehen:

In Deutschland tauchen plötzlich wieder selten gewordene Infektionskrankheiten vermehrt auf – beispielsweise Hepatitis-B, Tuberkulose und Krätze. Allein die Zahl der Hepatitis-B-Fälle in Bayern hat sich heuer beinahe verdreifacht. Nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit in Erlangen (LGL) sei die Zunahme von Asylsuchenden ein Grund für den deutlichen Anstieg.

Und ohne daran zu denken, welche Vorurteile damit ausgelöst und Ängste geschürt werden können, schrieb das Blatt weiter:

Im Februar war ein Flüchtling in Bayern sogar an Hepatitis B gestorben. Das Münchner Gesundheitsamt hatte nicht wie rechtlich vorgeschrieben die für die Unterbringung zuständigen Ämter informiert. Daher lebte der Mann noch fast ein Jahr lang vor allem in einer Gemeinschaftsunterkunft in Geisenfeld (Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm), ohne dass die Betreuer dort von der Infektion mit der hochansteckenden Krankheit wussten.

Das war nun wirklich keine Berichterstattung im Sinne des „Wir schaffen das“. Zumal man sich nun wirklich nicht von dem Vorurteil leiten lassen darf, man könne sich vor allem bei den „Menschen, die zu uns gekommen sind“ anstecken. Die mitgebrachten Erreger hatten keine Integrationsprobleme und haben sich gern von „Menschen, die schon länger hier leben“ annehmen lassen. Die geänderte Impfempfehlung betrifft schließlich auch alle, unabhängig von ihrer Herkunft. Man hätte die im Raum stehende Frage also durchaus problemlos beantworten können, gäbe es heutzutage nicht so viele geächtete Formulierungen, die bei der Darstellung eines Sachverhalts einfach fehlen. Vielleicht sollten die Kollegen Journalisten einfach mal etwas Mut aufbringen und sich ihre Sprache nicht länger von Ideologen diktieren lassen.

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