„Teddy“ und die Patrioten

Manches kann einen in diesem zumeist langweiligen Textbaustein-Wahlkampf doch noch überraschen. Man sieht sich ein wenig im Netz um und entdeckt plötzlich ein AfD-Plakat mit dem Satz „Ernst Thälmann würde AfD wählen“. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet jene Partei mit dem früheren KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann für sich wirbt, deren Aussicht auf Bundestagssitze den Noch-Außenminister Sigmar Gabriel, bekanntlich auch Ex-Vorsitzender und Ex-Pop-Beauftragter der SPD, so sehr umtreibt, dass er vor ihren künftigen Abgeordneten als „echten Nazis“ warnt? Der Kommunist als Werbeträger für die AfD? Das muss eine Ost-Besonderheit sein, um noch mehr der bisherigen Wähler der SED-Nachfolgepartei zu bekommen. Der 1944 von den Nationalsozialisten ermordete KPD-Vorsitzende gehörte zu den Säulenheiligen des SED-Staats. Bei der AfD würde man ihn allein schon deshalb nicht vermuten, weil er damit doch eindeutig zur Erbmasse der Linken gehört. Doch die lässt ihn ja links liegen und wirbt nicht mit dem einstigen großen Vorbild. Diesen Platz wollte jetzt offenbar die AfD besetzen.

Nun muss man fairerweise sagen, dass es weder eine geschichtspolitische Wende von Björn Höcke oder einen ideologischen Flirt von Alice Weidel mit Sahra Wagenknecht gegeben hat. Die Wahlwerbung mit Ernst Thälmann ist eine Idee von Daniel Schneider, einem AfD-Bundestagskandidaten in Sachsen-Anhalt.

Interessanterweise ist Schneider, der vor der Wahl nun den einstigen KPD-Vorsitzenden als Wunsch-Unterstützer entdeckt hat, gleichzeitig Vorstandsmitglied der „Patriotischen Plattform“ und damit eher dem rechten Flügel seiner Partei zugehörig. Ist die Liebe zu Thälmann da eine Verirrung? Dass sich in einer neuen Partei zunächst überproportional viele politische Irrlichter sammeln, ist ja weder neu noch überraschend. Wie es nun in diesem Falle ist, darüber soll jetzt nicht spekuliert werden. Fakt ist, dass Schneider mit seiner Thälmann-Liebe in den Reihen der Gleichgesinnten nicht allein steht. Im Januar bereits sah man in Erfurt auf einer der von Björn Höcke initiierten Demonstrationen ein Transparent mit AfD-Logo und Thälmann-Zitat.

Vielleicht steckt das Kalkül dahinter, der Name des KPD-Vorsitzenden könnte im Osten immer noch positiv konnotiert sein, weil jedes DDR-Kind mit unzähligen Geschichten über das gute und mutige Wirken von „Teddy“ – so sein Spitzname – aufgewachsen ist. Die Thälmann-Freunde in der AfD haben wiederum vor allem ein Bekenntnis des Spitzengenossen zum Deutschtum liebgewonnen. Das von ihnen auf dem Transparent getragene Zitat: „Mein Volk, dem ich angehöre und das ich liebe, ist das deutsche Volk und meine Nation, die ich mit großem Stolz verehre, ist die deutsche Nation…“.

Regt sich jetzt eigentlich die Linke vernehmlich über einen Thälmann-Missbrauch auf oder hat sie ihr früheres Vorbild inzwischen abgeschrieben? Müssen das nun die Genossen von der MLPD allein machen, die sich ja immerhin noch klar zu Thälmann bekennen? Historisch ist er aus verschiedenen Gründen nicht unumstritten. Unter seiner Ägide hatte die KPD beispielsweise keine Berührungsängste, zuweilen mit den ansonsten bekämpften Nationalsozialisten zu kooperieren, wenn es gegen die noch stärker angefeindete Sozialdemokratie und die von ihr maßgeblich geprägte Weimarer Republik ging.

Aber was soll man nun schlecht über Thälmann reden. Im Osten kennt man noch die guten Geschichten aus der DDR-Schule und im Westen kennt man ihn gar nicht mehr. Und seine Zitate scheinen ideologieübergreifend Verwendung zu finden. Muss man jetzt über einen tieferen Sinn nachdenken oder darf es einen einfach nur ein wenig amüsieren? Bitte Letzeres, die Wahlkampfdarstellungen sind ansonsten ohnehin schon alle so humorbefreit.

1 Kommentar

  1. Uwe Dippel

    Also, wäre das ein Plagiat?
    Ich hatte Thälmann schon vor Monaten in einem Kommentar genau damit zitiert. Hmm.
    Wahrscheinlich doch eher ein Zufall, wie sollte ich denken, der einzige sein zu können, der Google betätigen kann!

    Und der Versuch, Thälmanns Zitat als ‚aus dem Zusammenhang gerissen‘ darzustellen dürfte auch nach rückwärts abgehen. Denn es ist überhaupt keine traditionelle ‚linke Vorstellung‘, dass ‚No borders – no nations‘ angestrebt werden sollte. Ausser nach dem Erreichen der Weltherrschaft. Denn vorher – und genau das sehen wir jetzt und sehen es auch heute von Juncker bestätigt – dient Grenzenlosigkeit vornehmlich dem Kapitalismus.
    Auch wenn man den Bürgern erzählt, sie könnten jetzt ohne Ausweiskontrolle oder Geldwechsel in den Jahresurlaub fahren.

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