Rassismus für Unterbelichtete

Die Diskriminierung lauert überall und manche Formen haben unentdeckt viele, viele Jahrzehnte überdauert. Zum Glück gibt es ja immer mehr aus üppigen Fördertöpfen besoldete Beauftragte, die mit dem Aufspüren neuer Diskriminierungstatbestände nicht nur die Welt besser machen können, sondern mit regelmäßigem Einkommen gleichzeitig ihren Lebensstandard verbessern. Und das zahlende Publikum, also die Steuerzahler, lernen Dinge, die sie bis dato nicht für möglich hielten.

Wer, außer besonders Engagierter, hätte gedacht, dass die Fotografie rassistisch ist. Also nicht die Bildinhalte, die von Fotografen in die Welt getragen werden, sind es, sondern die Technik der Fotografie an sich. Egal, ob alte analoge oder neue digitale Technik – sie ist rassistisch. Wenn Sie das nicht glauben wollen, dann fragen Sie doch eine ausgewiesene Wissenschaftlerin, die das klar herausgearbeitet hat.

Dr. Natasha A. Kelly arbeitet u.a. für das Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung und als Dozentin an der Berliner Humboldt-Universität. Sie ist Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin mit – wie es im Gunda-Werner-Institut heißt – „den Forschungsschwerpunkten race und gender“. Außerdem wird sie als „gewählte Hauptvertreterin der Europäischen Union im Landesbeirat für Integrations- und Migrationsfragen des Berliner Senats“ vorgestellt. Mehr Sachkunde geht ja fast nicht.

Frau Dr. Kelly hat nun bereits im Sommer in einem Interview den Stein ins Rollen gebracht, als sie bewies, dass es überall Rassismus gibt, auch dort, wo man ihn noch nie vermutet hat:

Rassismus betrifft alle Disziplinen und alle Fächer und es gibt große Wissenslücken diesbezüglich. Ich habe mich vor Kurzem mit einem Physiker über das Thema unterhalten. Er glaubte, dass Rassismus die Physik nicht betreffe. Doch er irrt sich. Wenn wir etwa die Technik der Fotografie anschauen: Die Belichtungstechnologie wurde für weiße Haut entwickelt. Das ist eine Normsetzung, wie es sie in zahlreichen anderen Bereichen auch gibt, ohne dass das vielen Menschen bewusst wäre.

Die Belichtung in der Fotografie ist also rassistisch? Warum? Weil weiße Haut stärker reflektiert als schwarze Haut? Das ist für die Fotografie zwar relevant, aber der Technik kaum anzulasten. Die Naturgesetze, die Sonne, Gott oder wer auch immer für diesen Umstand verantwortlich gemacht werden kann, ist vielleicht nach Dr. Kellys Maßstäben rassistisch, aber doch nicht die Technik, die mit diesen vorhandenen Vorgaben arbeitet, oder?

So leicht darf man heutzutage einen Rassismus-Vorwurf nicht abtun, zumal wenn er von Dr. Kelly, also einer Wissenschaftlerin kommt. Deshalb setzte sich der Tagesspiegel damit auch ernsthaft auseinander und konnte Kellys These darin auch untermauern:

Für viele professionelle Fotografinnen und Fotografen sowie Filmschaffende ist es gar nichts Neues, dass Fototechnologie nicht neutral ist. Barry Jenkins etwa, der Regisseur des oscarprämierten Films „Moonlight“, sagte dem Tagesspiegel unlängst: „Technisch gesehen war das Kino immer schon auf helle Haut fixiert: Setlicht, Make-up, selbst die Filmemulsion, auf der Kinobilder über ein Jahrhundert lang festgehalten wurden. Dunkle Haut reflektiert das Licht anders als helle Haut. Um Reflexionen zu vermeiden, wird sie mit Puder zugekleistert.“

Auch im Zeitalter der Digitalfotografie sind Kameras auf weiße Personen eingestellt, wie Tagesspiegel-Fotografin Kitty Kleist-Heinrich sagt: „Ohne zusätzliches Licht geht bei schwarzen Menschen nichts.“

Auch hier könnte der in Sachen Rassismus unsensible Weiße noch einwenden, dass die unterschiedliche Reflektion heller und dunkler Haut nun einmal vorhanden ist und die Fotografie darauf nur reagieren kann. Aber das muss man im richtigen Kontext sehen:

Von Anfang an wurden die Filmchemie, die Entwicklungsverfahren und die Farbabmischung für Bildschirme auf das Weißsein als globale Norm ausgerichtet, schreibt Lorna Roth von der Concordia University in Montreal in einem Aufsatz von 2009. Schließlich dominierten Weiße die Entwicklung der Technik. Und Weiße waren diejenigen, die sich Kameras als Erste leisten konnten.

Wäre die Technik der Fotografie anders, wenn man Schwarze an ihrer Entwicklung beteiligt hätte? Diese Frage wird leider nicht beantwortet. Aber die Missstände sind nun einmal unübersehbar:

Auf Fotos von US-amerikanischen Schulklassen strahlen nur die Gesichter weißer Schüler, während die ihrer schwarzen Mitschüler fast mit dem Hintergrund verschmelzen.

Unsensibel nüchtern technisch denkende Weiße könnten nun auf den Gedanken kommen, man müsse dann die dunkelhäutigen Mitschüler einfach besser ausleuchten. Doch auch das kann ein rassistischer Gedanke sein, wie der Leser des zitierten aufklärerischen Textes lernen kann. Beispielsweise habe Polaroid einst eine äußerst umstrittene Aufhellung angeboten:

Für das Apartheid-Regime in Südafrika baute die Firma aber einen „Boost“-Blitz ein, sodass auch schwarze Gesichter auf den Fotos klar zu erkennen waren – das Regime verwendete die Fotos für Pässe, mit denen es die schwarze Bevölkerung kontrollierte.

Am rassistischen Charakter des einstigen südafrikanischen Apartheidstaates besteht natürlich kein Zweifel. Aber ist – unabhängig vom Regime – der Gedanke, dass man dunkelhäutige Menschen auf Passbildern erkennen möchte, grundsätzlich verwerflich?

An den Naturgesetzen lässt sich bedauerlicherweise wenig ändern. Der Umstand, dass helle Haut das Licht stärker reflektiert als dunkle, ist derzeit durch keine vollkommen diskriminierungsfreie Beleuchtungs-, Belichtungs- oder Nachbearbeitungstechnik zu lösen. Der Unterschied wird immer ein Unterschied sein. Also müssen wir vielleicht unsere Sehgewohnheiten ändern. Vielleicht liegt der Diskriminierungstatbestand darin, dass wir ein unterbelichtetes Bild als mangelhaft, als falsch belichtet empfinden. Wir brauchen einfach mehr Akzeptanz gegenüber allem Unterbelichteten. Wäre das eine Lösung? Frau Dr. Kelly hat ja leider keine andere vorgeschlagen.

Wer nun weiterhin die Regeln der Fotografie beachten möchte und eine gewisse Unterbelichtungsintoleranz aus allein schon geschmacklichen Gründen auch in der heutigen Zeit noch für vertretbar hält, dabei aber unter dem wissenschaftlichen Rassismus-Vorwurf von Dr. Kelly leidet, dem sei dieser Artikel von heise-online empfohlen. Hier finden Sie blendenstufengenaue Argumente. Warum ich mir diese erspare? Ich sehe in dem Umstand, dass sich der Unterschied zwischen schwarzer und weißer Haut auch in der Fotografie widerspiegelt nichts Rassistisches. Rassistisch wäre es, daraus einen unterschiedlichen Wert der jeweiligen Menschen abzuleiten, nicht der Unterschied an sich. Warum wollen Antirasissmus-Ideologen lieber den Unterschied bekämpfen als dessen ideologischen Missbrauch? Vielleicht, weil es wirklich zu viel verlangt ist, dass Ideologen die Engstirnigkeit von Ideologien verstehen.

4 Kommentare

  1. Alexander Rostert

    Das (und noch mehr zum Thema) habe ich schon vor ein paar Wochen bei Hadmut Danisch gelesen

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    1. dentix07

      Genau, hier: [http://www.danisch.de/blog/2017/08/31/unterbelichtet-wenn-journalisten-sogar-fuer-fotografie-zu-daemlich-sind/]

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  2. R. H.

    Es ist noch viel schlimmer, als die Wissenschaftlerin meint. Das Auge des Menschen ist von Gott rassistisch konstruiert worden. Es ist mir schon zweimal passiert, daß ich im nicht ganz so hellen Licht meinte, mir komme ein Auto ohne Fahrer entgegen. Des Rätsels Lösung: Am Steuer saß ein schwarzer Mensch. Also wollte Gott, daß Schwarze weniger leicht zu sehen sind.

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  3. Reiner Wehpunkt

    Solche Ausführungen, wie sie hier zitiert werden, erinnern mich an die Bekennerschreiben der RAF in den 70er Jahren. Ein Geschwulst von Wortaneinanderreihungen, nahezu unmöglich, sie zu Ende zu lesen; als versuche wenn man, Kieselsteine zu essen.

    Wie kann es sein, daß sich eine Gesellschaft von einem solch verwichsten Phrasendrescher-Schwachsinn seit Jahrzehnten manipulieren läßt? Bis in den Tod?

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