Wer steht hier dem „Wir“ im Wege?

Dem Bundespräsidenten ist – glaubt man seiner allseits gefeierten Rede zum Tag der Deutschen Einheit – am letzten Wahlsonntag etwas aufgefallen, das er vorher offenbar nicht bemerken mochte:

Die große Mauer quer durch unser Land ist weg. Aber am 24. September wurde deutlich: Es sind andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen – aber Mauern, die unserem gemeinsamen “Wir“ im Wege stehen.

Ich meine die Mauern zwischen unseren Lebenswelten: zwischen Stadt und Land, online und offline, Arm und Reich, Alt und Jung – Mauern, hinter denen der eine vom anderen kaum noch etwas mitbekommt.

Ich meine die Mauern rund um die Echokammern im Internet; wo der Ton immer lauter und schriller wird, und trotzdem Sprachlosigkeit um sich greift, weil wir kaum noch dieselben Nachrichten hören, Zeitungen lesen, Sendungen sehen.

Offenbar erreichen die politischen Verantwortungsträger wirklich kaum Nachrichten aus den Lebenswelten, die es außerhalb von Parlamenten und Ministerien gibt. Vielleicht war der Genosse Steinmeier in seiner Zeit als Außenminister auch einfach zu beschäftigt, um mitzubekommen, wie schnell mittlerweile Kritiker von unkontrollierter Zuwanderung, EU-Bürokratie und „Euro-Rettung“ als rechtsextreme Fremdenfeinde oder nationalistische Europa-Gegner denunziert werden. Der Denunziation können dann ein ruinierter Ruf, berufliche Nachteile oder Gewalt folgen. Geht es „gegen rechts“, dann kann man mit mehreren Überfällen die Existenz von Gastwirten ruinieren, die lediglich der AfD einen Raum für eine Sitzung oder Veranstaltung vermietet hatten, ohne dass es eine allzu große mediale Empörung gibt. Angriffe auf Wahlhelfer und Kandidaten, brennende Autos und eingeworfene Scheiben sind ebenfalls offenbar schon so alltäglich, dass sie in der veröffentlichten Wahrnehmung kaum eine größere Rolle spielen als ein entlaufenes Haustier oder ein gestohlenes Fahrrad. Nur wenn die Kanzlerin im Wahlkampf auf ostdeutschen Marktplätzen Protestrufe und Pfiffe erntete, sahen die sensiblen Berichterstatter plötzlich die Demokratie in Gefahr.

Etliche AfD-Vertreter und Funktionäre sorgen sicherlich für gute Gründe, diese Partei nicht zu mögen und auch nicht zu wählen. Das hätten viele der jetzigen AfD-Wähler bei einem besseren Angebot der anderen Parteien sicher auch nicht getan. Doch wer bei existenziellen Themen Tabuzonen errichtet und die offene, nicht ausschließlich moraltriefende Debatte verweigert, darf sich nicht wundern, wenn die Tabubrecher allein für ihren Tabubruch großen Zuspruch bekommen.

Die Dämonisierung der AfD, die von nahezu allen Parteien und vielen Redaktionen mal mehr mal weniger gepflegt wurde, schreckte nicht mehr ab, im Gegenteil. Der oft gouvernantenhafte, plump volkserzieherische Auftritt all derer, um deren Stimmen nun auch die AfD warb, war oft so simpel, dass er selbst wohlmeinendes Publikum verärgerte. Kein Mensch mit einem Rest gesunden Menschenverstandes will so offen gezeigt bekommen, für wie dumm man ihn eigentlich hält. Auch das hat Konsequenzen.

Doch die Dämonisierung ging und geht weiter, die Töne werden schriller. Zwischen politisch-korrekter Gesinnung und Nazi scheint es keinen weltanschaulichen Zwischenraum mehr zu geben. Die Erinnerung daran, dass es einst beispielsweise anerkannt demokratische Konservative oder Rechtsliberale gab, scheint ein Positionslicht aus einer fernen Zeit zu sein. Heute bekämpft man den Rechtsextremismus dadurch, dass man die AfD möglichst ausgrenzt. Das ist gesünder, als wenn man wirkliche Neonazis bekämpft, denn die schlagen auch gern zu. Von AfD-Politikern muss man hingegen kaum Brandsatz oder Messer fürchten. Also sind die Mutigen lieber im Ausgrenzen couragiert: Im Bundestag will keiner neben der AfD im Plenarsaal sitzen, sie soll keine Ausschüsse leiten, obwohl es ihr zusteht etc. etc. Wer mit den politisch Unberührbaren umgehen möchte, wie mit jeder anderen politischen Partei auch, der riskiert, selbst in den Verdacht einer gewissen AfD-Nähe zu geraten. Der Weg erst zum „Pack“ und dann zum „Nazi“ ist bekanntlich nicht mehr weit.

So spaltet sich in der Tat das Land. Mittlerweile geraten ja schon die in den Verdacht, rechts zu sein, die weder „naiver Gutmensch“ noch „Nazi“ sein wollen, also die Menschen, die früher als ganz normale Mittelklasse galten.

Gibt es eine Brücke über den tiefen Graben, den der Bundespräsident beklagt? Kerstin und Frank Hansen wären an dieser Stelle die besten Brückenbauer: Sie ist SPD-Ortsvorsteherin und Gemeinderätin, er ist AfD-Kreisvorsitzender. Beide sitzen im Gemeinderat, sind im Dorf vielfältig ehrenamtlich engagiert. Sie leben nicht in den AfD-Hochburgen im Osten, sondern an der Flensburger Förde. Und für sie lässt sich das unterschiedliche Partei-Engagement gut miteinander vereinbaren.

Doch gerade die politisch Aktiven mögen solche Brücken nicht, sondern wünschen sich noch tiefere Gräben. Manch einer von Kerstins Genossen empfahl ihr die Scheidung. Als es Angriffe auf Haus und Autos gab, da erhielt Kerstin Hansen viel Zuspruch, nur nicht von ihrer eigenen Partei. Und die Angriffe gehen weiter. Zu sehen ist das hier auf Achgut.Pogo. Nachdem wir die Geschichte der Hansens erzählt hatten, meldete sich die Maischberger-Redaktion bei ihnen. Heute Abend sind sie in der Diskussion zum Thema „Tage der Uneinheit – Ist Deutschland gespalten?“ (ARD, 22.45 Uhr) zu sehen.

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