Mit betreutem Journalismus gegen die Populisten

Von Peter Grimm. Viele deutsche Medien leiden. Die einen am Leserschwund und sinkenden Einnahmen, die anderen, vor allem die, die von Gebühren leben, am Glaubwürdigkeitsschwund und der Folge, dass stattdessen hierzulande Populisten Erfolg haben. Die stellen sich jetzt der Frage, wie sie denn ihre journalistische Tätigkeit noch besser gegen den Populismus zum Einsatz bringen können.

Letzten Samstag hieß es auf der Titelseite des Spiegel: „Die unheimliche Macht – Wie ARD und ZDF Politik betreiben“. Man las das grundsätzlich berechtigte Klagelied über den schwerfälligen und teuren Staatsfunk, der seine Glaubwürdigkeit verspielt und deshalb auch mitschuldig ist am Erstarken der AfD. Die Gebührensender können, je nach Lesart, gleich mehrfache Schuld am guten AfD Ergebnis haben. Mal haben sie sie einfach zu oft zum Gegenstand der Berichterstattung gemacht, dann wieder nicht ausreichend glaubwürdig vor ihr gewarnt.

Überhaupt ist die Glaubwürdigkeit ein Problem, nicht nur für den Spiegel. Die vielen gut gemeinten volkserzieherischen Stücke während der „Flüchtlingskrise“, die vielen Beiträge und Sendungen, die sich so offensichtlich gewollt in den Dienst der Verbreitung des „Wir schaffen das“-Geistes stellten, das oft kämpferische Übertönen, Ignorieren und Denunzieren kritischer Stimmen haben das Image der Gebührensender arg ramponiert. War die „Tagesschau“ einst vielleicht als zu trocken und behäbig belächelt, so galt sie doch weitgehend als Hort journalistischer Seriosität. Heutzutage steht sie in Teilen des Landes schon unter Propgaganda-Verdacht. Ein solcher Ansehensverlust sollte die  Sender, die die Legitimität von Zwangsgebühren begründen müssen, eigentlich verunsichern.

Noch mehr als von der schlechten Meinung, die Teile der Zuschauer- und Hörerschaft vom Programm haben, sind die Programmmacher aber offensichtlich davon geschockt, dass mehr als 12 Prozent der deutschen Wähler ihre Stimme einer Partei gaben, gegen die fast alle öffentlich-rechtlichen Redaktionen wacker angesendet haben. Befinden sich ARD und ZDF nun in einer Krise? Offensichtlich ja. Und wie kommt man da wieder heraus? Dieser Frage will sich die ARD-ZDF-Medienakademie im November beim Journalismusforum 2017 widmen. Bei den Kollegen liest sich das so:

Trumps Wahlsieg, der Brexit und die erdrutschartigen Siege der AfD in einigen Bundesländern werfen Fragen auf: Warum folgen die Menschen den Populisten, obwohl sie als Bürger von Medien-Demokratien die Lügen und Blähungen erkennen müssten? Warum erreichen die Medien die Menschen offenkundig so wenig, dass diese leeren Versprechungen unkritisch folgen? Die Antwort darauf hat mehrere Dimensionen.

Das Journalismusforum 2017 greift eine davon heraus: die der Vielfalt.

In den Redaktionen spiegelt sich die Bandbreite der Gesellschaft nicht wider: Weiblicher sind die Redaktionen zwar geworden, aber Migranten, Behinderte, verschiedene Religionen oder gesellschaftliche Schichten? Fehlanzeige. Bio-Deutsche aus dem Bildungsbürgertum beschreiben mit ihrer Sicht alle anderen Gesellschaftsgruppen – aus der Perspektive des Mitleids, der Bewunderung, dem Herausstellen der Fremdartigkeit – kurz: des Andersseins und des nicht selbstverständlichen Dazugehörens. Mit intellektuellem Anspruch werden Geschichten erzählt, die so aufbereitet für viele unverständlich bleiben.

Also im Klartext: Wenn weniger aus der Sicht von „Bio-Deutschen“ und mehr aus der Perspektive von muslimischen Migranten im deutschen Fernsehen berichtet wird, dann werden die deutschen Zuschauer auch nicht mehr AfD wählen?

Man könnte – sogar nur aufgrund von Informationen aus dem Programm von ARD und ZDF – durchaus auf den Gedanken kommen, die vielen AfD-Wähler sehen die Interessen von „Bio-Deutschen“ eher zu wenig vertreten als überrepräsentiert. Aber das ist offenbar altes Denken. Es wäre ein Einknicken vor den Themen der „Rechtspopulisten“.

Die Lektüre der Einladung zum Journalismusforum  2017 ist eine Enttäuschung für alle, die  gehofft haben, die Meinungsbildner aus dem Gebührenfernsehen würden angesichts der Glaubwürdigkeitskrise begreifen, dass sie ihre Ausflüge in die Volkserziehung beenden und zum Journalismus, der möglichst vorurteilsfrei alles berichtet, was es zu berichten gibt, zurückkehren sollten. Die ARD-ZDF-Medienakademie sieht andere Fragen im Mittelpunkt:

Wie können Redaktionen bunter werden, wie die Diversität in den Köpfen trainiert werden, um so das Publikum besser in der Breite zu erreichen?

Das klingt nach Kollegenerziehung zur besseren Volkserziehung. Doch wir wollen nicht ungerecht sein. Vielleicht ist ja der Einladungstext nur ein wenig missverständlich formuliert worden. Klartext ist ja auch schwer, wenn sich inzwischen schon unglaublich viele Worte und Formulierungen verbieten, weil sie politisch unkorrekt verstanden werden könnten. Immerhin geht „Bio-Deutsche“, denn insbesondere die älteren weißen Eingeborenen aus der Mitte Europas sind bekanntermaßen nicht so diskriminierungssensibel.

Doch zurück zum Journalismusforum und dessen Programm. Was gibt es denn da konkret zu empfehlen? Viele Inhalte sind noch nicht genauer beschrieben, sondern nur mit den Überschriften. Aber es ist sicher hilfreich von Sheila Mysorekar zu lernen. „Berichterstattung über Migration – Stereotypen in Bildsprache und Text vermeiden“ ist das Thema der Expertin, die von der Medienakademie als „Trainerin für konfliktsensiblen Journalismus“, „indodeutsche Rheinländerin und Vorsitzende des Vereins Neue deutsche Medienmacher e.V. (NdM)“ vorgestellt wird. Ich nehme an, dass die indodeutsche Perspektive fürs neue deutsche Fernsehen besser ist, als die biodeutsche.

Wer es weniger konfliktsensibel mag, ist vielleicht bei Workshop 2 besser aufgehoben: „Einfache Sprache in der journalistischen Praxis – Methodengenau für verschiedene Zielgruppen und Kanäle“. Wer jetzt gehofft hat, dass mit „einfacher Sprache“, eine klare Sprache und nicht etwa die „leichte Sprache“ gemeint sein könnte, der ist spätestens beim Lesen der Vita der Referentin enttäuscht. Die gibt in Finnland inzwischen sogar Zeitungen in „Leichter Sprache“ heraus.

Aber vielleicht könnte man ja dort die Frage stellen, warum die leichte Sprache auf all die großen sprachpolizeilichen Errungenschaften wie Gendersternchen und geschlechtsneutrale Wortbildungen verzichtet? Die Antwort bitte in Leichter Sprache. Das hätte womöglich etwas Unterhaltungswert. Den sollte es auch haben, schließlich kostet der Spaß immerhin 290,00 Euro Teilnahmegebühr.

Zu manch einem Erkenntnisgewinn muss man aber nicht teilnehmen, da reicht die Lektüre der Einladung. Allein die kritiklose Verwendung der Formel „konfliktsensibler Journalismus“ zeigt, dass es hier um alles Mögliche geht, nur eben nicht um Journalismus. Ein guter Journalist lebt ständig mit Konflikten und von Konflikten; denen, über deren offene Austragung er berichtet, den versteckten, die er aufdeckt und denen, die er aushalten muss, weil er mit seiner Arbeit zuweilen auch Einflussreichen und Mächtigen auf die Füße tritt. Statt „konfliktsensiblen Journalismus“ lehren zu wollen, sollten Journalisten gestärkt werden, die Konflikte durchzustehen – sowohl mit denen, die sie an ihrer Arbeit hindern wollen, als auch mit konfliktscheuen Redaktionen, Zeitungshäusern oder Sendeanstalten.

Eigentlich liest sich diese Einladung zum „Journalismusforum 2017“ wie eine Realsatire. Man könnte gelassen darüber schmunzeln. Aber manchmal überwiegt das Entsetzen darüber, wie weit sich viele gebührenbesoldete Vertreter der Zunft von dem schönen Leitsatz von Hanns Joachim Friedrichs entfernt haben: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten“.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.