Sieger bei stümperhaftem Unternehmen

GELESEN:

Victor Sebestyen: „Lenin. Ein Leben.“
Rowohlt Berlin, 703 Seiten, 29,95 Euro.

100 Jahre Oktoberrevolution, das ist ein Jubiläum das – gäbe es den Ostblock noch – in diesen Tagen sicher mit bombastischen Festveranstaltungen begangen worden wäre. Stattdessen ist das Jubliäum Anlass für interessante Literatur zum Thema. Michael Kuhlmann hat im Deutschlandfunk eine neue Lenin-Biographie des britischen Historikers Victor Sebestyen vorgestellt:

Wer sich nicht ohnehin mit der russischen Geschichte auskennt, der erlebt bei Victor Sebestyen einige Überraschungen. Das beginnt schon im Prolog, in dem es um die Oktoberrevolution geht. Sie sei ein haarsträubend stümperhaftes Unternehmen gewesen, das nur deshalb gelang, weil Lenins Gegner noch dilettantischer agiert hätten. Und ein Unternehmen, das relativ geräuscharm über die Bühne ging – am spektakulärsten bei der Besetzung des Winterpalais etwa war nach Angaben des Autors noch das Saufgelage im Keller, bei dem die Bolschewiki die edlen Weinvorräte des Zaren zur Strecke brachten. […]

„Viele Historiker waren der Meinung, dass der sowjetische Kommunismus seine bekannte Entwicklung genommen habe, weil Lenin ein westliches philosophisches Modell in einem rückständigen Land eingeführt habe. Tatsächlich ist aber eher das Gegenteil wahr: Lenin machte aus europäischem Gedankengut eine sehr russische Schöpfung. Seine Version des Marxismus, vor allem dessen Intoleranz und Grausamkeit, hatte sich in Lenins eigener revolutionärer Erfahrung als Russe im 19. Jahrhundert herausgebildet.“ […]

Lenin sei alles andere als ein Menschenfreund gewesen: Als 1892 eine Hungersnot in der Wolgaregion 400.000 Menschen dahinraffte, sei ihm nur wichtig gewesen, dass diese Katastrophe die Zarenherrschaft schwächte. Die sterbenden Bauern seien ihm 1892 genauso egal gewesen wie 1918. Für die Hungersnot nach dem Krieg machte er zunächst vermeintlich reiche Bauern verantwortlich. Später fand er andere Sündenböcke, gegen die er per Dekret den Mob aufhetzte, zum Beispiel gegen die Geistlichen.

„Zwei Jahre nach Lenins Edikt waren über dreißig Bischöfe und tausendzweihundert Priester getötet, Tausende verhaftet worden. Laut Augenzeugenberichten wurden Erzbischof Andronik in Perm die Augen ausgestochen, die Wangen durchbohrt und die Ohren abgeschnitten, bevor man ihn erschoss. Bischof Hermogen von Tobolsk wurde mit einem Stein um den Hals in den Fluss geworfen. Gleichzeitig machten die Bolschewiki durch den Kirchenraub eine gigantische Beute.“ […]

Ohne die Hilfe des Kriegsgegners Deutschland freilich – etliche Millionen Goldmark – hätte es die Oktoberrevolution 1917 nie gegeben. Diese Hilfe kam aber nicht von linken Spartakisten, sondern – von der kaiserlichen Regierung. Von denen – so möchte man hinzufügen -, die später die Legende vom Dolchstoß aufbrachten, mit der die deutsche Linke angeblich das unbesiegte Heer zu Fall gebracht habe. Aber es war eben dieses wilhelminische Deutschland, das mit seinem Geld für Lenin dem Westen jenen Dolchstoß versetzte, an dessen Folgen die Demokratien mindestens bis 1989 zu leiden hatten.

Die zitierte Rezension finden Sie hier: http://www.deutschlandfunk.de/lenin-symbolfigur-der-sowjetunion.1310.de.html?dram:article_id=398595

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