Panische Angst vor der unsauberen Gesinnung

FUNDSTÜCK:

Sollten Sie die Süddeutsche Zeitung für ein Blatt halten, in dem durchgängig die Prinzipien der neuen deutschen Hochmoral gepflegt werden, dann wird Sie folgender Kommentar möglicherweise überraschen. Ein Auszug:

Die Angewohnheit, das vermeintlich Anstößige zunächst mal einer moralischen Reinigungsfirma zu überantworten, hat ihren festen Platz in der Asservatenkammer der Affektgesellschaft:

[…] Nachdem die Leitung der Frankfurter Buchmesse es dem rechten Antaios Verlag zugebilligt hatte, einen Stand zu vertreten, rief sie alle demokratisch Gesinnten dazu auf, gegen rechtskonservatives Gedankengut aufzubegehren. Allein der Gedanke daran, sich, in sei es noch so distanzierter Weise, zunächst einmal mit dem Weltbild der Rechten befassen zu wollen, scheint eine absurde Handlungshysterie auszulösen: Geschrei, Gestampfe und Gezeter – am Ende standen die Rechten als Saubermänner da, während die demokratische Mehrheitsgesellschaft eher wie ein reflexionsfeindlicher Abklatschverein rüberkam. Die Angst vor dem anderen Gedanken, vor der unsauberen Gesinnung ist inzwischen so groß, dass der Zwischenschritt des Nachdenkens zugunsten der automatischen Zurückweisung entfällt.

Im Frühsommer fiel ein paar Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin nach jahrelangem Herumscharwenzeln um die Mensamauer plötzlich Folgendes auf: Ein in spanischer Sprache verfasstes Gedicht des konkreten Poeten Eugen Gomringer stand dort in schönen schwarzen Buchstaben auf die weiße Wand geschrieben; es enthielt, übersetzt, die Worte: Frauen, Alleen, Blumen, ein Bewunderer. Die lesenden Studierenden waren sich schnell einig, dass dieses sich so harmlos gebende Gedicht in Wahrheit ein misogynes Machwerk sei, weil dort die Frau als Objekt männlicher Begierde vorgestellt werde. Kurzum, da war, wie Brecht so schön singt: „Tünche nötig“. Das Gedicht muss überpinselt werden, damit im intellektuellen Ruheraum der Uni wieder Frieden und Wohlsein herrschen.

Die Prorektorin der Hochschule, Bettina Völter, lobte die angestrebte Dampfreinigung als „gewaltfreies, demokratisch legitimiertes und auch ideologie-, diskriminierungs- und klischeesensibles Verfahren“ – so als sei es bereits eine demokratische Hochleistung, dass die Lyrikexperten der Uni dem 92-jährigen Gomringer nicht gleich den Hals umgedreht haben.

Mehr hier: http://www.sueddeutsche.de/kultur/politische-korrektheit-wer-streiten-will-muss-sich-auch-schmutzig-machen-1.3731727

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