Neue Nachdenk-Kunst mit Sperr-Effekt?

„Die Erfahrung zeigt, dass sich die Dresdner grundsätzlich für Kunst im öffentlichen Raum interessieren. Ob sich dieses Interesse in Protest artikuliert, kann nicht vorhergesagt werden“, sagt die Dresdener Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) zu einem neuen Kunstprojekt der Stadt auf dem Dresdener Neumarkt. Der Neumarkt ist jener liebliche Platz rund um die wiederaufgebaute Frauenkirche. Im letzten Jahr sorgten drei auf dem Platz hochkant aufgestellte Schrottbusse für Unmut, die dort aufgestellt waren, um an eine Barrikade in Aleppo zu erinnern.

Die Provokation war gewollt und der Protest der Bürger einkalkuliert. Künstler und Politiker wollten schließlich die Bevölkerung der Pegida-Stadt mit dem Werk auch ein wenig zum Guten erziehen.

Der Künstler, Manaf Halbouni, konnte seinerzeit seine Förderer davon überzeugen, dass sein Nachbau eines Originals aus Aleppo manchen Besucher das Leid des Bürgerkriegs nachempfinden und zum Befürworter uneingeschränkter Zuwanderung werden lässt. So feierte die Süddeutsche Zeitung damals:

Jetzt ist das Postkartenmotiv verstellt, durch das Werk des deutsch-syrischen Künstlers Manaf Halbouni. Auf den Kopf gestellte, ausrangierte deutsche Linienbusse versperren den Blick. Bewohner der Stadt Aleppo haben sich mithilfe solch einer Barrikade aus Linienbussen vor Scharfschützen geschützt. Dass Dresden nun genau hier genau diese Skulptur aufstellen ließ, ist ein mutiges Zeichen für eine Stadt, die als Geburtsort von Pegida – einer unter anderem offen islam- und fremdenfeindlichen Organisation – international bekannt geworden ist. Diesem Zeichen gebührt Respekt.

Der Bevölkerung wird damit die Hässlichkeit zugemutet, die sie nicht gerne duldet. Viel wichtiger ist jedoch die Symbolhaftigkeit: Die Barrikade gibt der Frauenkirche auch ihre eigene Bedeutung zurück.“

Die Busse sind längst weg, doch das Postkartenmotiv wollen die Stadtmütter und -väter nicht so einfach wieder hergeben. Allerdings eines hat man offenbar gelernt aus der Geschichte mit den Bussen. Die war zu konkret. Dummerweise stellte sich nämlich heraus, dass das Foto der Original-Barrikade, durch das der Künstler inspiriert wurde, mitnichten einen Schutzwall für Zivilisten zeigte, sondern einen Posten der „Ahrar ash-Sham“, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als „Terroristische Vereinigung“ eingestuft wird und laut Stiftung Wissenschaft und Politik „zum islamistisch-salafistischen Spektrum des Aufstands“ gehört. Das war schon ein bisschen peinlich und Wasser auf die Mühlen der Gegner dieses Kunst-Projekts. Doch außerhalb von Dresden störte man sich an derlei Feinheiten nicht, die Schrottbusse bekamen ihren nächsten Platz in Berlin.

Der Dresdener Neumarkt aber sollte weiterhin ein Platz volkserzieherischer Kunst bleiben. Zu diesem Zwecke gibt es im Januar eine neue Installation vor der Frauenkirche. Diesmal stand sie zuerst in Berlin und kommt jetzt auf den schönen Platz. In der Sächsischen Zeitung schreiben die Kollegen voller Vorfreude:

Der Berliner Künstler Sven Sauer stellt am 26. Januar fünf Glaskästen mit lebensgroßen Figuren auf den Platz vor der Frauenkirche. Für drei Abende wird die Installation, jeweils von 18 bis 22 Uhr, quasi zum Leben erweckt. Durch Licht und spezielle Effekte wirken sie dann wie von eingefrorenem Tränengas umhüllt. Dazu gibt es Klänge, die den Eindruck vermitteln sollen, unter einer Gasmaske den eigenen Atem zu hören. Dafür ist der Dresdner Sounddesigner Bony Stoev verantwortlich.[…] Die Künstler haben Demonstrationen auf der ganzen Welt verfolgt. In den Kästen sind Personen, die gewollt oder ungewollt zu Medien-Ikonen wurden, Gesichter des weltweiten Protestes. Welche Rolle diese einnehmen, soll mithilfe der Installation diskutiert werden.

Nun lässt sich ja über Geschmack streiten und eine Textbeschreibung kann kaum wiedergeben, wie ein Kunstwerk wirkt. Immerhin muss es ja die Kulturbürgermeisterin hinreichend überzeugt haben, ihren Bürgern damit einen Platz zu verstellen, den viele von ihnen lieber unverstellt genießen würden. Und was überzeugt sie so?

„Aufgrund der Aktualität und der inhaltlichen Vielschichtigkeit wurde entschieden, es nach Dresden zu holen“, sagt Genossin Klepsch (Linke). „Gerade auf dem Neumarkt können Betrachter die Relevanz spüren“, ergänzt die Bürgermeisterin.

Es gibt allerdings auch andere Kunstwerke auf dem Neumarkt, deren Relevanz etliche Besucher des Platzes sicher spüren. Am Rande des – passend zum Platz – lieblichen Weihnachtsmarktes stehen, wie an vielen anderen Weihnachtsmärkten auch, große graue Betonlegosteine. Die könnte man doch auch nach Abbau der Marktstände auf dem Platz belassen. Irgendwie sind sie ja auch eine Art Barrikade und hätten damit sogar einen gewissen Bezug zu den Schrottbussen. Zu Kunstwerken erklärt, wäre ihr praktischer Nutzwert als Hindernis für islamistische Mörder, die mit Autos Ungläubige totfahren wollen, nur noch eine Nebensache. Und hässlich genug, um das Postkarten-Idyll an der Frauenkirche zu zerstören, sind sie auch allemal.

Aber vielleicht wird das ja zusätzlich auch so gemacht. Das eine schließt das andere ja nicht aus. Die Frage ist allenfalls, welchen Künstler man hier als Urheber feiern darf?

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