Die Berichte der Anderen

Der Mord eines vorgeblich 15-jährigen afghanischen Asylbewerbers an einer nachweislich 15-jährigen Einheimischen am hellichten Tage in einem Drogeriemarkt in Kandel erschüttert die Öffentlichkeit. Am Mittwoch ist die Tat geschehen, spätestens am Donnerstag ist die Geschichte selbstverständlich in allen Medien. In allen Medien? Nein, eine einst bedeutende Nachrichtensendung, die einmal als Flaggschiff deutscher Fernsehberichterstattung galt, hielt sich vornehm zurück. Am Donnerstagnachmittag nun vernahmen die Damen und Herren öffentlich-rechtlichen Redakteure bei ARD-aktuell ein Grummeln in der Öffentlichkeit, also beim Zuschauer, weil sich selbiger in der Tagesschau nicht über den Fall informiert fühlte.

Statt nun vielleicht gleich eine Meldung zu platzieren, erklärten die Damen und Herren Redakteure lieber via Facebook, warum sich der Zuschauer der Tagesschau bitteschön zu gedulden hat. Die Veröffentlichungsbeauftragten im gebührenfinanzierten Rundfunk müssen schließlich prüfen, ob die Nachricht die Öffentlichkeit überhaupt etwas angeht. So schreiben sie es zumindest:

Seit einigen Stunden wird uns in den Sozialen Netzwerken vorgeworfen, die tagesschau würde darüber nicht berichten. Wir würden bewusst etwas verschweigen. Die Identität des mutmaßlichen Täters ist bekannt. Er ist nach Polizeiangaben ein unbegleiteter jugendlicher Flüchtling aus Afghanistan. Nach bisherigen Erkenntnissen war er der Ex-Freund des Mädchens. Andere Medien haben dies bereits groß berichtet.

Warum waren wir so zögerlich? Das hat einen guten Grund. Nach allem, was wir bisher wissen, handelt es sich um eine Beziehungstat. So schrecklich sie gewesen ist, vor allem für die Eltern, Angehörigen und Bekannten – aber tagesschau und tagesschau.de berichten in der Regel nicht über Beziehungstaten. Zumal es hier um Jugendliche geht, die einen besonderen Schutz genießen.

Noch ist die Polizei am Anfang ihrer Ermittlungen und deshalb halten wir uns sehr zurück.

28 Sekunden

Wenn eine Fernsehredaktion sich eher als audiovisuelles Nachrichtenverwaltungsamt versteht, fehlt vielleicht das Verständnis dafür, dass es Journalisten gibt, zu deren beruflichen Selbstverständnis es gehört, mehr zu fragen als die Polizei erlaubt. Eine Ahnung davon vermittelt das Facebook-Statement der öffentlich-rechtlichen Berichterstattungsbeauftragten aber schon:

Das Motiv ist derzeit unklar. Inzwischen gibt es neue Details. Die Eltern hatten vorab Anzeige gegen den Jugendlichen erstattet, wie die Polizei bekanntgab. Einer Vorladung ist der Jugendliche offenbar nicht gefolgt. Es stellen sich weitere Fragen.

Welche weiteren Fragen das sind, darüber muss man im Bewegtbild-Nachrichtenamt selbstverständlich erst intern beraten, bevor man diese Gedanken mit den Medienkonsumenten teilt. Beispielsweise gäbe es hinreichend Gründe, zu hinterfragen, ob und wie denn das Alter des vermeintlich 15-Jährigen bestimmt wurde. Bei etlichen von vermeintlich „minderjährigen Flüchtlingen“ begangenen Gewalttaten hat sich schließlich am Ende herausgestellt, dass die Täter deutlich älter waren, als angegeben.

Immerhin am Schluss verspricht ARD aktuell in einem Nachtrag:

Die Tagesschau um 20 Uhr wird eine kurze Meldung zu der Tat in Kandel machen

Tatsächlich bekommt der Fall am Ende 28 Sekunden in der 20 Uhr-Ausgabe der Tagesschau. Da ist für offene Fragen natürlich kein Platz.

 

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