Angela Merkel für die, die nicht mitkommen

Zwei Tage vor Silvester haben wir hier die ungehaltene Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin gezeigt. Jetzt gibt es auch die gehaltene und vielleicht lohnt sich ein kleiner Vergleich. Die Standard-Sprechblasen haben sich erwartungsgemäß nicht gravierend verändert. Dem Selbstlob aus der Rede soll hier eigentlich auch kein eigenes folgen, aber ist nicht die Komposition der Textbausteine in der ungehaltenen Rede aussagekräftiger?

Das sind natürlich eitle Detailfragen, denn im Grunde ist es das Gleiche. Die Kanzlerin deutet hier und da mal ein Problem an und reicht es gleichzeitig ohne eigenen Lösungsvorschlag ans Publikum weiter. Die einzige eigene Aufgabe, zu der sich Angela Merkel persönlich bekennt, ist die, eine Regierung bilden zu wollen. Wie schön.

Ansonsten hat sie mitbekommen, dass doch nicht alle ihrer „lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger“ (Wieso eigentlich Mitbürger? Reicht nicht Bürger, ohne gleich mit jemandem sein zu müssen?) jubeln: „Deutschland ist ein wunderbares Land, in dem die Werte unseres Grundgesetzes gelebt werden.“

Verkneifen wir uns heute mal Bemerkungen zu der Frage, wie denn „die Werte unseres Grundgesetzes“ im Kanzlerinnenamt „gelebt werden“ und registrieren stattdessen wohlwollend, dass Angela Merkel auch für die Menschen, die eher unter der Missachtung der „Werte unseres Grundgesetzes“ leiden, einen Platz in ihrem Sprechblasenmosaik gefunden hat:

Es gibt zu viele Menschen, die an diesem Erfolg nicht teilhaben. Die nicht mit dem Tempo unserer Zeit mitkommen. […] Die sich sorgen, dass es zu viel Kriminalität und Gewalt gibt. Die sich fragen, wie wir die Zuwanderung in unser Land ordnen und steuern können.

„Für unser aller Sicherheit“

Diese bemitleidenswerten Geschöpfe, deren Hauptproblem es offenbar ist, dass sie „nicht mit dem Tempo unserer Zeit mitkommen“, würden jetzt auf diese Fragen gern auch eine Antwort bekommen. Aber woher soll denn die Kanzlerin wissen, „wie wir die Zuwanderung in unser Land ordnen und steuern können“? Dafür gibt’s doch bekanntlich dieses „wir“ aus der Kanzlerinnen-Weisheit „Wir schaffen das“.

Im Geiste dieser Volksgemeinschaft ohne Volk ist es auch nicht nötig, darüber zu reden, dass es bestimmte Probleme ohne die Politik der Bundeskanzlerin und ihrer Gefolgschaft gar nicht gäbe. Doch wenn Selbstverständlichkeiten einer staatlichen Existenz plötzlich als Punkt besonderer Anstrengungen herausgestellt werden müssen, scheinen die Probleme auf, mit denen immer mehr Bürger in ihrem Alltag konfrontiert sind:

„…wir werden noch mehr in einen starken Staat investieren müssen, der die Regeln unseres Zusammenlebens verteidigt und für Ihre Sicherheit – für unser aller Sicherheit – sorgt.

Ich danke deshalb an dieser Stelle ganz besonders den Polizistinnen und Polizisten, die auch heute Abend für uns da sind und zum Beispiel die vielen Silvesterfeiern im Land schützen.“

Es ist nur wenige Jahre her, da war ein besonderer Polizeischutz für die vielen Silvesterfeiern im Lande keine Erwähnung wert, also im heutige Maße offenbar unnötig. Aber das war zu einer Zeit, da hatte man auch das Freizeitverhalten bestimmter Jungmännergruppen aus Arabien und Nordafrika noch nicht so hautnah erlebt.

Unser Fazit zur ungehaltenen Neujahrsansprache war: „Mit bewundernswerter Redundanz werden Probleme angesprochen, die Angela Merkel an führender Stelle mit verursacht hat, um sie dann dem Bürger zwecks Erledigung vor die Füße zu kippen. Wir schaffen das? Nein: Das schafft uns.“

Die aktuelle Neujahrsansprache bestätigt das in unnachahmlicher Konsequenz.

Den aktuellen Ansprachetext finden Sie im Wortlaut hier und sehen ihn nach Ausstrahlung hier. Bevor Sie sich mit Merkels aktueller Neujahrsansprache befassen, schauen Sie sich doch zur Einstimmung oder auch als Ersatz die ungehaltene Rede der Bundeskanzlerin an.

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