Des Kaisers Presseball

Eigentlich sollten ja gerade deutsche Journalisten den heimischen Gedenktagskalender gut kennen. Zumindest jene Daten müssten ihnen wohlvertraut sein, zu denen alljährlich nahezu jede hiesige Redaktion mahnende, ergreifende oder auch lehrreiche Geschichten in Auftrag gibt und meist auch darüber berichten lässt, dass politische Verantwortungsträger zu diesem Anlass mehr mahnende als ergreifende oder lehrreiche Reden gehalten haben. Ein solches Datum ist der 27. Januar, bekanntlich der Tag, an dem 1945 das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit wurde. In vielen Ländern ist dieser Tag ein offizieller Gedenktag, in Deutschland durch einen Bundestagsbeschluss seit 1996. Seit 2005 ist der 27. Januar auch der International Holocaust Remembrance Day der UNO.

Nun kann man sicher geteilter Meinung sein, wie hilfreich das offizielle Gedenken an einem Tag sein kann, der sich mit Bundestags-Sondersitzung und Gedenkrede sowie diversen anderen mehr oder weniger ebenso angelegten Veranstaltungen zu einer Art ergänzendem Volkstrauertag entwickelt hat. Man kann sich beispielsweise die Frage stellen, ob all die großen Worte dieses Tages diejenigen erreichen, die heutzutage auf deutschen Straßen Juden angreifen und Davidsterne verbrennen. Für diese jungen Männer ist die Verantwortung für die Schuld eigener Vorfahren kein Anknüpfungspunkt. Und die meisten dieser jungen Männer sind zudem sicher nicht ohne weiteres in der Lage, den Sinn dieser Form der Aufarbeitung eigener Schuld kulturell und sprachlich zu verstehen.

Wer diese Debatte anstoßen, vielleicht auch provozieren möchte, hätte dafür gute Gründe. Man kann sich nun fragen, ob es eine subtile Provokation der Organisatoren des Hamburger Presseballs war oder eine schwer erklärbare journalistische Vergesslichkeit. Jedenfalls hätte man wissen können, dass sich beispielsweise der Sprecher der Jüdischen Gemeinde Hamburgs, Daniel Killy, nicht gerade darüber freuen würde, zum Holocaust-Gedenktag eine Einladung zu Tanz und ausgelassener Feier zu erhalten.

Man könne und dürfe an diesem Tag nicht das Tanzbein schwingen, schrieb Daniel Killy deshalb an die Veranstalter. Ein Presseball am 27. Januar wäre ein Schlag ins Gesicht der Hamburger Politiker, die in die Gedenkveranstaltungen involviert sind, zitiert ihn der NDR. Dort meldeten sich sogleich weitere namhafte Hamburger zu Wort, um ihr Befremden über die Ball-Einladung zum Holocaust-Gedenktag auszudrücken:

Peter Schmidt von der Hamburger Autorenvereinigung bezeichnete die Organisatoren des Presseballs als „geschichtsvergessen“. Ralph Giordano, der verstorbene Publizist und Ehrenmitglied der Vereinigung, werde sich angesichts solch unsensiblen Verhaltens ausgerechnet in Deutschland vermutlich im Grabe umdrehen.

Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) nannte es gegenüber dem „Hamburger Abendblatt“ einen Fehler, den Presseball auf den Gedenktag zu legen. Nun liege es bei den Veranstaltern, wie damit umzugehen sei.

Und was sagt der Veranstalter? Karsten Lüchow von der Stiftung der Hamburger Presse, verweist auf die Tradition. Der Presseball finde immer am letzten Sonnabend im Januar statt. Eine Verschiebung sei unmöglich. Der Termin stehe seit vielen Monaten fest. Als Wiedergutmachung kündigte er aber öffentlich an, dass man dem Datum anständig Rechnung tragen werde.

Und wie trägt man dem Holocaust auf einem Ball anständig Rechnung? Ganz einfach: Der Gedenktag werde in den Eröffnungsreden erwähnt und man wolle an diesem Abend Spenden für den Verein Bertini-Preis sammeln, meldet der NDR.

Der Sprecher der Jüdischen Gemeinde lehnt das ab und spricht mit Blick auf die Spende von einem „Ablasshandel“. An dieser Stelle zu mutmaßen, die Stiftung Hamburger Presse könnte gehofft haben, dass Juden letztlich doch vor allem ans Geld dächten, wäre sicher zu billig und zu böse. Deshalb stattdessen eine ganz andere Empfehlung an die Presseballveranstalter, die doch großen Wert auf Traditionen legen und ihren Tanz ebensowenig verschieben können, wie der Papst den Ostersonntag. Sie sollten sich einfach auf einen alten deutschen Feiertag besinnen, der einst ebenfalls am 27. Januar begangen wurde, zum letzten Mal genau vor 100 Jahren: Kaisers Geburtstag. Solange Wilhelm II auf dem Thron saß, gab es kaum einen Verein in Deutschland, der seinen Geburtstag nicht mit irgendeiner Feierstunde begangen hätte. Und in den Zeiten, in denen die Vertreter der Regierung und großer Teile der Presse in den Grundfragen politischen Handelns bzw. Unterlassens auch keine Parteien mehr kennen, sondern nur noch Alternativlosigkeit, ist der Anlass ja vielleicht ganz passend. Des Kaisers Presseball knapp hundert Jahre nach dem Ende seiner Regentschaft, was für ein traditionsbewusstes Zeichen könnte die Hamburger Pressestiftung damit setzen.

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