Rezensionen

Spannende Scheinwelt-Vergangenheit

Als Roman ist es ein fesselndes Buch, auch wenn der Leser sich anfangs oft fragt, ob die jeweilige historische Kulisse einen authentischen Hintergrund hat, ob es pure Fiktion ist oder gerade ein augenzwinkerndes Spiel mit der Realität getrieben wird, mit dem der Autor die, die es verstehen, zwischendurch zum Schmunzeln bringen will. Bei allen Fragen, die sich da jenseits der eigentlichen Handlung auftun, glaubt man, dass der Autor weiß, was er tut und dass man irgendwann auch auf alles eine Antwort bekommt. Dafür allerdings hört das Buch zu früh auf.

ROLF BAUERDICK: Pakete an Frau Blech

Roman. Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 416 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, 1 s/w Abbildung, ISBN: 978-3-421-04645-1, € 21,99 [D] | € 22,70 [A] | CHF 29,90 * (* empf. VK-Preis), Verlag: DVA Belletristik

Wenn man die Rezension eines Romans damit beginnen kann, dass man ihn – einmal begonnen – nicht wieder aus der Hand legen möchte, dann ist das Übergewicht der Vorzüge ja schon klar. Manchmal denkt man, auch weil das Buch ja auch im Zirkusmilieu spielt, hier wird wie in der Manege geschickt an Scheinwelten aus Wahrnehmungen und Illusionen gearbeitet. Man glaubt man könne den Trick erkennen und die Magie entlarven, um am Ende doch zu staunen.

Der Versuch, die Rahmenhandlung kurz zu erzählen führt eigentlich in die Irre. Maik Kleine verliert bei einem tragischen Unfall im Katastrophenwinter 1979 seine Geschwister. Die Mutter landet in einer psychiatrischen Klinik. Der Vater, einst bekannter DDR-Wissenschaftler, ist schon lange tot. Und Maik darf kurz vor seinem 14. Geburtstag zur einzigen weiteren Verwandten, der Schwester seiner Mutter, in den Westen ausreisen. Dort schließt er sich nach dem 18. Geburtstag einem Zirkus an und als sein Mentor und väterlicher Freund, der berühmte Zirkusdirektor Bellmonti, im Jahr 2007 stirbt, da tauchen alsbald Fragen nach dessen Vergangenheit und Stasi-Verstrickung auf. Gemeinsam mit zwei alten Zirkus-Freunden, einem Polen und einer Russin, sucht er nach der Wahrheit und entdeckt seine eigene Lebensgeschichte völlig neu. Erzählt wird in verschiedenen Zeitebenen und es ist nie langweilig. Es ist aber nicht nur spannend, sondern manchmal amüsant, manchmal dramatisch und traurig und auch tiefgründig poetisch, wenn man beispielsweise die wunderschöne Grabrede liest, die der polnischer Zirkusmusiker auf den verstorbenen westdeutschen Zirkusdirektor hält. Manchmal treibt man in der leichtfüßigen Spannung eines Krimis, um kurz darauf wieder in der eindringlichen atmosphärischen Beschreibung einer Szene gefangen zu sein. Wie abwechslungsreich und kurzweilig die „Pakete an Frau Blech“ sind, lässt die Rahmenhandlung nicht gleich erahnen. Ich gebe zu, nur aufgrund des Kappentextes hätte das Buch bei mir nicht unbedingt Platz auf meiner persönlichen Literaturliste gefunden. Aber ich hatte vor einiger Zeit ein unbedingt empfehlenswertes Sachbuch von Rolf Bauerdick gelesen: „Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“[1]. Das Buch bestach nicht nur durch die Sachkenntnis des Autors – anders hätte er wohl auch kaum so angenehm ideologiefrei schreiben können – sondern oft auch durch die Art des Erzählens.

Doch zurück zu den „Paketen an Frau Blech“. Wenn in der Eingangsszene beschrieben wird, wie ein knapp vierzehnjähriger Junge am DDR-Grenzübergang Marienborn in einem Bus voller freigekaufter Häftlinge sitzt, die in den Westen gefahren werden, dann frage ich mich: Gab es das, einen Minderjährigen im Häftlingsbus? Ich denke nicht: Das gab es nicht und der Autor hat einen Fehler gemacht. So wie er es beschreibt, halte ich eine regelbestätigende Ausnahme für möglich und rechne damit, dass sich das am Ende aufklärt. Dem Lesegenuss tut es keinen Abbruch, dass ich nur erfahre, wie es in der Romanhandlung dazu kommt und dass es das normalerweise nicht gab.

Und so hält man dank Bauerdicks Erzählkunst eine ganze Weile so manches Beschriebene für möglich, auch wenn man nicht glauben kann, dass es dafür eine authentische Vorlage gibt. Schließlich gibt es auch in einem Land, in dem man sich allenthalben am Gewöhnlichen festhält, das Außergewöhnliche. Und wenn er einige Geschichten wieder platzen lässt, weil sie eine Romanfigur nur erfunden hat, dann folgt man dem als Leser vielleicht auch. Natürlich zieht die Romanhandlung dann Kreise, bei denen man nicht mehr nach authentischen Bezügen sucht. Dann ist die Fiktion, die Illusion ganz klar, aber das ist ja kein Grund, aus dem Lesefluss ausbrechen zu wollen.

Dieses Spiel ist natürlich recht reizvoll, aber hier muss der Rezensent ein wenig zu nörgeln beginnen. Wenn man selbst in der DDR groß geworden ist, gleichaltrig mit dem Romanhelden Maik Kleine, ist man natürlich kein unbefangener Leser. Und manche Kleinigkeit in Kleines DDR-Leben scheint einem unstimmig. Aber auch hier haben sich Lebenswelten natürlich unterschieden und es gab vielleicht tatsächlich Gleichaltrige, die den SED-Staat als Heranwachsende noch so positiv gesehen haben und so wenig über seine Schwächen wussten. Und es ist schade, dass der Leser in diesem spannenden Spiel mit Scheinwelten evtl. den Eindruck bekommt, eine authentische Beschreibung, wie die der aufsehenerregenden Protestaktion Leipziger Studenten gegen die Sprengung der Paulinerkirche 1968 stimme gar nicht, nur weil sich ein fiktives Detail als Legende herausstellt.

Wenn wir beim Nörgeln sind, noch eine Kleinigkeit: Ein Fehler, den nun wirklich jeder einstige DDR-Bewohner trotz aller Erzählkunst sofort als Fehler erkennt, obwohl es an dieser Stelle offensichtlich keiner sein soll, ist es, wenn eine Romanfigur erzählt, man habe in Ungarn mit der Ostmark gut und günstig Urlaub machen können. Da sind dem Autor offenbar west- und ostdeutsche Lebenswelten im östlichen Ausland kurz durcheinandergeraten. Für DDR-Bewohner war Ungarn nicht nur vergleichsweise teuer, vor allem litten alle an Geldknappheit, weil sie nur eine geringe Summe Ostmark in Forint tauschen durften. Billig war es nur für Westdeutsche.

Natürlich ist in einem solchen Roman das Finale nicht unbedingt plausibel, aber es ist ja ein Roman, da darf vieles nicht stimmen. Er liest sich gut – und zeithistorische Fakten zu vermitteln ist nicht seine vordringlichste Aufgabe.

[1] http://www.randomhouse.de/Buch/Zigeuner-Begegnungen-mit-einem-ungeliebten-Volk/Rolf-Bauerdick/e286682.rhd

 

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