TV – Produktion

Wir produzieren für verschiedene Sender unterschiedliche Formate – von Magazinbeiträgen bis zu langen Dokumentationen. Hier sind einige Beispiele unserer Dokumentationen aus den letzten Jahren:

Die vergessenen Kinderheime in der DDR

Es ist ein vergessenes Kapitel in der DDR-Geschichte. Eine Geschichte, die so noch nie erzählt worden ist. Es geht um Kinder, den lieben Gott und Rebellion. Ein real existierendes Abenteuer inmitten der sozialistischen Ordnung: Kirchliche Kinderheime in der DDR. Sie existierten im Verborgenen, in einer Schattenwelt. Nur die Heimkinder selbst und deren Erzieher können mehr von ihnen erzählen.

Manuela und Christian sind froh, im katholischen Heim in Calbe aufgewachsen zu sein. Sie erinnern sich an eine behütete und glückliche Zeit. Martin Patzelt, Heimleiter in Calbe, gab nicht nur seinen Schützlingen ein Zuhause, sondern machte das Heim so attraktiv, dass es zu einem Treffpunkt für die Jugendlichen der Kleinstadt wurde. Rudolf wurde von seinen Eltern ins Kinderheim der Herrnhuter Brüdergemeine gegeben. Seine Eltern hofften, ihn so vor Repressionen zu schützen, denen er zuvor in der staatlichen Schule ausgesetzt war.

Romy und Thomas aus dem evangelischen Louisenstift in Königsbrück erinnern sich, dass ein kirchliches Kinderheim – trotz aller Vorzüge – immer noch ein Heim war und eine Familie nicht ersetzen konnte. Die Geschichte der konfessionellen Kinderheime beginnt in der Nachkriegszeit und endet mit dem Zusammenbruch der DDR. Tatsächlich waren die Heime unter kirchlicher Leitung Inseln im sozialistischen Bildungsdiktat. Diesen Raum und diese Freiheit konnten die kirchlichen Kinderheime bis zum Ende der DDR erhalten, aber nur, weil sie – so schien es – auch vom Ministerium für Volksbildung vergessen worden waren.

Das pädagogische Gegenmodell zur staatlichen Heimerziehung hat Kinder, die in die katholischen und evangelischen Heime kamen, geprägt. Unterm Kreuz wurden staatliche Erziehungspläne einfach ignoriert. Die Kinder lernten stattdessen, was es heißt, selbstbestimmt zu leben. Klagen und traumatische Erinnerungen an brutale Strafen und Missbrauch gibt es kaum. Obwohl auch unterm Dach der Kirche nicht alles gut war, erinnern sich diejenigen, die dort in den siebziger und achtziger Jahren aufgewachsen sind, nicht an Schläge, sondern an Freiheit. Im Gegensatz zu den staatlichen Kinderheimen in der DDR gibt es aus den konfessionellen Einrichtungen nichts Empörendes zu berichten. Vielleicht ist das der Grund, dass diese Heime heute vergessen sind?

Der Mut der Anständigen

Zivilcourage im DDR-Alltag

(Autor: Peter Grimm, Kamera: Eckart Reichl, Schnitt: Andreas Arndt, 30 min. (MDR 2010)

Die meisten DDR-Bewohner wollten sich ihr Leben möglichst unbehelligt von den Machthabern und ihren Institutionen einrichten, auch wenn die danach trachteten möglichst in alle Lebensbereiche einzugreifen. Man wollte nicht offen gegen die SED-Diktatur protestieren, sondern soweit wie nötig mitmachen, doch dabei auch anständig bleiben. Doch auch, wer „nur“ anständig bleiben wollte, konnte im Alltag plötzlich vor der Gewissensfrage stehen, sich Ansprüchen der Machthaber zu widersetzen oder ein Stück seines Charakters aufzugeben. Das anständig bleiben erforderte Mut, denn es zog Konsequenzen nach sich.  Eigenständigkeit und Eigenverantwortung blieben nicht ungestraft.

Eine Lehrerin  will ihre Schüler nicht politisch unter Druck setzen. Sie verweigert sich, Unangepasste zu maßregeln, steht ihnen sogar bei. Zwei Mal wird sie aus dem Schuldienst entfernt. Das zweite Mal für immer. Doch das hindert sie nicht, sich weiterhin für die einzusetzen, die an den Rand gedrängt werden. Als die entlassene Lehrerin in einem Altenpflegeheim anfängt, ist sie über die Zustände schockiert und protestiert dagegen, wie mit hilflosen alten Menschen umgegangen wird. Sie hat auch manchmal Erfolg und erreicht Verbesserungen. Doch sie wird zu unbequem und wieder entlassen, obwohl das eigentlich nach DDR-Arbeitsrecht gar nicht möglich wäre.

Nun wird sie Fußpflegerin und als solche geht sie wieder in die Altenheime, um sich für die Bewohner einzusetzen. In der ganzen Zeit ist sie sich sicher, dass sie das Ende des SED-Staats erleben wird, wie sie schon 1967 in einem Gedicht schreibt. Mittlerweile übernimmt sie ehrenamtlich die Fußpflege in einem Obdachlosenheim – mit 85 Jahren.

Für einen selbstständigen Heizungsmonteur aus Schönebeck stellte sich die Frage des Anstands anders. Trickreich schloss er Versorgungslücken, konnte Menschen und auch Betriebe mit Heizungskesseln versorgen, die sie in der Zuteilungswirtschaft nicht bekommen konnten. Doch immer mehr besetzten ausgerechnet die Mitverantwortlichen der Misere, die Funktionäre, diese Versorgungsnische und wollten von ihm bedient werden. Davon hatte er bald genug und plante seine Flucht. Seine Frau, eine Lehrerin, wollte die DDR nicht verlassen, zeigte aber die Fluchtpläne des Mannes natürlich nicht an. Die Folge: Sie wurden beide verhaftet und dem Heizungsmonteur von der Stasi noch Steuerhinterziehung angedichtet, um ihn zu kriminalisieren. Er wurde betraft dafür, dass er Folgen der Mangelwirtschaft ausglich. Seine Frau nur dafür, dass sie ihn nicht anzeigte.

Verschwörung unterm Kirchendach

Plauen, Weimar, Wolfen im Herbst ’89

(Autor: Peter Grimm, Kamera: Eckart Reichl, Schnitt: Andreas Arndt, 30 min. ARD/MDR 2009)
Die Kirche in der DDR war den Genossen verdächtig: eine Institution, die fast überall präsent war und sich ihrer Befehlsgewalt entzog. So kamen in der Provinz die Initiatoren des Umsturzes im Herbst 1989 aus den Kirchen.
7. Oktober 1989: In Plauen demonstrieren Tausende. Nicht zum DDR-Geburtstag – sondern gegen das SED-Regime. Mit Knüppeln und Wasserwerfern versuchen Volkspolizei und Stasi vergeblich, die Demonstration aufzulösen. Wird nun geschossen? Thomas Küttler, Superintendent der Evangelischen Kirche, sucht das Gespräch mit der Obrigkeit. Es gelingt ihm in dieser aufgeheizten Situation, den Einsatzleiter zu überzeugen, die Demonstration zu dulden. In Plauen gelingt, was in Leipzig erst zwei Tage später, am legendären 9. Oktober geschieht: Die protestierenden Massen setzen sich gegen die Machthaber durch. Die Kirche war den Genossen schon immer verdächtig – eine Institution, die überall präsent war und sich trotzdem der Befehlsgewalt der Machthaber entzog. So kommen gerade in der Provinz die Motoren des Umsturzes im Herbst 1989 aus den Kirchen. Dort werden die Oppositionsgruppen gegründet, die Demonstrationen geplant, die Besetzung von Stasi-Dienststellen vorbereitet. Manchem kirchlichen Mitarbeiter wächst plötzlich eine immense Verantwortung zu. Der Raum Bitterfeld-Wolfen ist fast ein Sinnbild für den vollkommen abgewirtschafteten SED-Staat. Axel Noack ist dort Pfarrer und bietet in seiner Kirche den Raum für die Oppositionsgruppen, die sich auch dort sehr schnell gründen. Der spätere Magdeburger Bischof ruft in der Region den „Runden Tisch“ ins Leben und wird damit ein wichtiger Mann für die Abwicklung des SED-Regimes in einem der am schlimmsten durch Misswirtschaft zerstörten Landstriche der DDR. Rudolf Keßner in Weimar ist schon lange Jahre in der Opposition aktiv – und in seiner Kirchgemeinde. Ein Pfarrer überredet ihn 1988, nicht in den Westen auszureisen.

Hinter Stacheldraht geboren

Kinder in den sowjetischen Lagern in Deutschland

(Autor: Peter Grimm, Kamera: Eckart Reichl, Schnitt: Andreas Arndt, 30 min. ARD/MDR 2008)

Keiner kennt ihre genaue Zahl. Sie wurden in den Lagern geboren, doch nicht extra registriert. Ein Vermerk auf der Häftlingskarteikarte der Mutter – mehr Hinweise auf ihre Existenz gab es nicht. Extra Rationen ohnehin nicht. Die Mütter mussten sehen, wie sie – selbst hungernd – im Lager ihre Kinder durchbrachten. Als die Speziallager 1950 aufgelöst wurden, lernten die Kinder erstmals in ihrem Leben etwas von der Welt jenseits von Baracken, Appellplatz und Stacheldrahtzaun kennen. Manche Kinder kamen aus dem Lager ins Heim, während die Mütter in DDR-Gefängnisse gebracht wurden. Nach der Entlassung das Kind wiederzufinden war schwer. Die betroffenen Frauen hatten nichts in der Hand, um zu beweisen, dass sie überhaupt ein Kind hatten.

Alexander Latotzkys Mutter wurde verhaftet, weil sie in Berlin einen Sowjetsoldaten wegen einer Vergewaltigung angezeigt hatte. Bis zur Auflösung der Speziallager 1950 bleibt er mit der Mutter zusammen, doch dann wird sie ins Frauenzuchthaus Hoheneck gebracht und er kommt ins Heim. Erst sieben Jahre später – Alexander ist mittlerweile neun Jahre alt – gelingt es ihr, den Sohn aus dem Heim zu holen—nach West- Berlin.

Barbaras Mutter war schon schwanger, als sie 1945 nach Sachsenhausen kam. Bis zu ihrem fünften Lebensjahr kannte die Kleine nichts anderes als „ihre“ Baracke. Als sie an der Hand ihrer Mutter zum ersten Mal die Welt draußen sieht, ist das für sie ein Schock. Egal ob Häuser, Autos, Tiere, Bäume oder auch größere Kinder – all das kannte sie nicht.

Die Mutter von Bärbel wurde 1945 in Oberschlesien interniert und über Gefangenenlager in Polen nach Fünfeichen gebracht. Dort bekam sie ihr Kind. Monate später verlegt man Mutter und Tochter nach Buchenwald. Hier verbringt Bärbel ihre ersten Lebensjahre. Nach der Entlassung bleibt die Mutter in der DDR. Eigentlich darf man im SED-Staat nicht über die Speziallager reden, doch Bärbel und ihre Mutter tun es trotzdem – in der Schule und unter Kollegen.

Die meisten versuchen jedoch, ihre Lagerkindheit zunächst zu verdrängen. Alexander hat dann aber in den neunziger Jahren begonnen, andere Lagerkinder zu suchen. Seither treffen sie sich einmal im Jahr in einem der Speziallager. Sie wollen, dass die Lager-Kinder nicht vergessen werden. Auch nicht die Kleinkinder, die im Lager nicht überlebt haben und die nirgends erfasst sind.

Der Aufbrecher

Pfarrer Taatz bewegt die Provinz

(Autor: Peter Grimm, Kamera: Eckart Reichl, Schnitt: Andreas Arndt, 30 min. MDR 2007)

In Schenkenberg bei Delitzsch und in den Nachbardörfern könnte es so sein, wie in vielen Orten der ostdeutschen Provinz – hohe Arbeitslosigkeit, Wegzug, Überalterung und unter den restlichen Jungen ist dann noch ein großer Teil rechtsradikal. Doch hier herrscht nicht die sonst oft allgegenwärtige Depression, denn in den letzten Jahren hat ein Mann gezeigt, das sich das Anpacken lohnt: Der Pfarrer Matthias Taatz. Er kümmert sich nicht nur um neun Kirchen und eine Kaserne als Seelsorger, sondern er wirbt Investoren, kümmert sich um Unternehmensansiedlungen, gründet einen Verein um in der alten Pfarrscheune ein Kultur- und Jugendzentrum aufzubauen. Er schafft es, hier Menschen zu mobilisieren und die sehen den Erfolg. Taatz packt an und deshalb ist er in „seinen“ Dörfern eine Autorität, wie wohl nur ganz selten noch ein evangelischer Dorfpfarrer im deutschen Osten.

So unterstützen ihn jetzt auch Menschen, die zuvor nie etwas mit der Kirche zu tun hatten. Eltern, die vollkommen kirchenfern aufwuchsen, weil schon ihre Eltern keinen Bezug zur Kirche mehr hatten, lassen bei Taatz ihre Kinder taufen.

Und er – der Macher, der Anpacker – er will dabei immer als Pfarrer erkennbar sein.

Es ist ihm gelungen, Bewegung in seine Dörfer zu bringen. Doch manchmal wünscht er sich, die Leute hier würden nicht nur mitziehen, sondern seinem Beispiel folgen und selbst die Initiative ergreifen. Aber vielleicht schafft er das ja auch noch.

aufsässig oder arbeitsscheu?

Verurteilt als „asozial“ in der DDR

(Autor: Peter Grimm, Kamera: Eckart Reichl, Schnitt: Andreas Arndt, 30 min. MDR 2006)

Zwei Jahre Haft drohte der Paragraph 249 des DDR-Strafgesetzbuchs für „asoziale Lebensweise“ an. Der Strafrahmen wurde nicht selten voll ausgeschöpft. Und um als „asozial“ zu gelten, reichte es, sich einer zugewiesenen Arbeitsstelle zu verweigern.

Doch angewandt wurde der Paragraph recht vielfältig: Aufmüpfige Jugendliche konnte es ebenso treffen wie Menschen mit sozialen Problemen, die man quasi in den Knast entsorgte.

Und gerade für die konnte der Paragraph 249 eine Kette aus Haftstrafen nach sich ziehen. Nach der Entlassung bekamen sie oft nur eine miserable Wohnung und einen möglichst schlechten Job mit Arbeitsplatzbindung und zahlreichen Auflagen zugewiesen. Dagegen lehnten sie sich auf, verweigerten sich und prompt folgte die nächste Verurteilung nach Paragraph 249. Marita hat so acht Jahre ihres Lebens in Gefängnissen verbracht. Sie erwartete 1987 nichts mehr, als nur eine erneute Verhaftung, weil sie statt im ihr zugewiesenen Wohnort Cottbus lieber bei einem Freund in Zwickau leben wollte. Dem Zwang wollte sie sich nicht beugen – die nächste Haftstrafe schien unausweichlich. Doch der Zwickauer Pfarrer Edmund Käbisch nahm sie – ein damals einzigartiger Fall – quasi ins Kirchenasyl auf. Das erregte zwar viel Unmut, doch letztlich wurde der Fall still „bereinigt“. Marita durfte plötzlich doch in Zwickau leben und bekam eine Chance, die in der DDR für sie gar nicht mehr vorgesehen war.

Aber auch politisch Missliebige konnte der Asozialenparagraph treffen. Man musste nur lange genug verhindern, dass einer einen Job bekam und konnte ihn dann verhaften. Der Vorteil: Das Stigma „asozial“ verfehlte bei vielen DDR-Bürgern seine Wirkung nicht, der Staat musste weniger Solidarisierungseffekte fürchten.

Bernhard Freutel erging es so. Eine zugesagte neue Arbeitsstelle durfte er nach der Kündigung der alten plötzlich nicht mehr antreten. Es folgten kurze Zeit später zehn Monate Haft. Danach entging er weiteren Drangsalierungen durch eine Arbeit als Friedhofsgärtner bei der Kirche. Er weiß, dass es immer noch einigen nach Paragraph 249 Verurteilten schwer fällt, darüber zu reden, warum sie in Haft waren. Das „Asozialen“- Stigma wirkt nach.

Die Kinder der Erschossenen

Begegnungen an einem Massengrab in Moskau

(Autor: Peter Grimm, Kamera: Eckart Reichl, Schnitt: Andreas Arndt, 30 min. MDR 2005)

Die Asche liegt im Massengrab Nr. 3 auf dem Moskauer Donskoj-Friedhof – die Asche der mehr als 1000 Deutschen, .die am Anfang der fünfziger Jahre in Moskau erschossen wurden. Hier ruhen sie inmitten der Überreste tausender anderer Hingerichteter aus Polen, Ungarn, Japan und der einstigen Sowjetunion. Über ihr Schicksal wurde jahrzehntelang geschwiegen. Angehörige erfuhren oft erst nach der deutschen Wiedervereinigung vom Tod der Verschleppten. Es waren keine Kriegsverbrecher, Nazi-Funktionäre oder Spione, die da Anfang der fünfziger Jahre verhaftet, abgeurteilt und verschleppt wurden. Es waren Menschen, die wahrscheinlich einfach störten oder die abgeholt wurden, um andere einzuschüchtern.

Joachim Schuberts Stimme fängt immer noch an zu stocken, wenn er über den Tag im Jahr 1951 spricht, an dem für ihn die Welt zusammenbrach. Morgens noch hatte sich der Sechsjährige von seinem Vater wie immer verabschiedet. Der arbeitete in Schwarzenberg bei der „Wismut“ im Uran-Bergbau. Herr über den Uran-Bergbau war die Sowjetunion. Und eines fürchteten die Russen an diesem neuralgischen Punkt besonders: Unruhe und Informationsweitergabe. Deshalb sollten die Bergleute eingeschüchtert. Da bot es sich an, plötzlich Arbeiter verschwinden zu lassen, die sehr selbstbewusst auftraten. Anders kann sich Joachim Schubert die Verhaftung seines Vaters und eines seiner Kollegen nicht erklären. Die konstruierten Spionage-Vorwürfe waren jedenfalls absolut lächerlich. Wieder gesehen hat Schubert seinen Vater nie mehr. Seine Mutter hatte etwas mehr „Glück“. Sie musste nicht mit ihrem Mann sterben, sondern „nur“ fünf Jahre im berüchtigten Frauengefängnis von Hoheneck absitzen.

Erwin Köhler, Potsdamer Bürgermeister, Christ und CDU-Mitbegründer wandte sich gegen die Gleichschaltung seiner Partei. Er und seine Frau Charlotte wurden ebenfalls in Moskau hingerichtet. Und es gab den West-Berliner Wolfgang Waterstraat, der Ost-Patienten behandelte und mit Medikamenten versorgte, die es nur im Westen gab. Der Arzt wurde aus der S-Bahn heraus entführt. Auch sein Verschwinden und sein Tod waren geplant. Doch die Angehörigen erfuhren nichts.

Jahrzehntelang suchten die Kinder der Erschossenen nach Erklärungen und manche hegten noch lange die Hoffnung auf Rückkehr der verschleppten Eltern. Heute stehen sie vor dem neu errichteten Gedenkstein auf dem Donskoj-Friedhof.

Die Häftlingsbotin  

(Autor: Peter Grimm, Kamera: Eckart Reichl, Schnitt: Andreas Arndt, 30 min. MDR 2005)

Melanie Weber aus Freiberg hat einst auf eigene Faust „Häftlinge verkauft“, wie sie es heute nennt. Ganz allein, ohne Absicherung und mit vollem Risiko fuhr die Invalidenrentnerin in den achtziger Jahren mehrmals in den Westen, um die Namen unbekannter politischer Häftlinge auf die Freikauflisten zu bringen. Die kranke Frau schaffte dies über einen alten Freund in West-Berlin. Namen von Häftlingen bekommt sie von einem ahnungslosen Caritas-Sozialarbeiter, der sich in der DDR auch  um Gefangene kümmern darf. Sie will einfach den Menschen helfen, die es nötig haben. Dafür riskiert sie selbst viele Jahre Haft.

Schon 1968 hatte sie ganz allein Flugblätter getippt und in Briefkästen gesteckt, in denen sie um Nein-Stimmen zur sozialistischen DDR-Verfassung warb. Auch damals hatte sie Glück – die Stasi konnte sie nicht ermitteln. Mitte der siebziger Jahre wurde sie aber doch mehrfach festgenommen und verhört, nachdem ein Freund verhaftet wurde. Doch der Verhaftung entging sie, also nutzte sie ihre Reisemöglichkeiten dazu, Häftlingen zu helfen.

Der Sohn des Staatsfeindes

Die gestohlene Kindheit des Christian Dertinger

(Autor: Peter Grimm, Kamera: Eckart Reichl, Schnitt: Andreas Arndt, 30 min. ARD/MDR 2004)

Als er acht Jahre alt ist, wird seine gesamte Familie verhaftet. Und auch er wird quasi in Sippenhaft genommen. Er bekommt einen anderen Namen und Pflegeeltern in einer anderen Stadt. Aus einem katholischen kommt er in ein linientreu-kommunistisches Elternhaus. Er soll den Namen seiner ersten Familie möglichst vergessen und wird auf eine DDR-Karriere vorbereitet.

Es ist mitten in der Nacht, kurz nach Weihnachten 1952. Der achtjährige Christian wacht auf, weil das ganze Haus, in dem er mit seinen Eltern und zwei älteren Geschwistern lebt, lärmend von Staatssicherheit und Polizei durchsucht wird. Die ganze Familie wird verhaftet. Nur die Mutter schafft es vor ihrem Abtransport noch einmal ganz schnell an sein Bett und versucht vergeblich, das weinende Kind mit dem falschen Versprechen, gleich wiederzukommen, zu beruhigen. Alle älteren Familienmitglieder – auch die 13jährige Schwester und der 16jährige Bruder – kommen in Untersuchungshaft. Selbst Christians Großmutter wird noch in der selben Nacht verhaftet. Die ganze Familie soll komplett von der Bildfläche verschwinden. Viele Jahre wird Christian von den Verwandten nichts mehr hören.

Der kleine Junge wird in einer Stasi-Villa in Berlin-Pankow isoliert festgehalten. Er hat über Wochen keinen Kontakt zur Außenwelt. Das zermürbt den Kleinen und dann kommt auch noch sein neuer Vormund – ein Stasi-Mitarbeiter, der sich als „Heinz“ vorstellt – und erklärt dem Kind, daß er gar nicht der Sohn seiner Eltern gewesen sein soll. Der kleine Christian muß eine neue Identität annehmen und sich möglichst nicht mehr an die alte Familie erinnern

Christians Vater ist Georg Dertinger, CDU-Mitbegründer und erster Außenminister der DDR.

Dieser Dertinger war nun dazu auserkoren, die Rolle des entlarvten Feindes in einem Schauprozeß zu spielen. Christian wurde erklärt, er sei eigentlich eine Kriegswaise und sein richtiger Name sei Müller. Die Dertingers hätten ihn nur als Pflegekind aufgenommen. Und weil sie sich aber als gefährliche Staatsfeinde entpuppt hätten, würde er nun in eine neue und bessere Pflegefamilie kommen. Der Junge wurde nach Schönebeck gebracht, zu linientreuen Pflegeeltern aus der Familie eines hohen Magdeburger Stasi-Offiziers. Nach dem katholischen Elternhaus in den ersten acht Lebensjahren erwartete Christian nun eine orthodox-kommunistische Erziehung. Ihm blieb nichts anderes übrig, als dieses Schicksal zu akzeptieren und er gewöhnte sich an die neue Familie, gewann nach und nach seine Pflegeeltern lieb.

Und er entsprach den Erwartungen an einen Sprößling einer sozialistischen Vorzeigefamilie. Natürlich aktiv in der FDJ, natürlich mit ausgezeichneten Leistungen an der Oberschule mit der Aussicht, nach bestandenem Abitur in der Sowjetunion zu studieren. Das galt als Eintrittskarte zu einer steilen DDR-Karriere.

Doch mit 16 Jahren bekommt der Junge einen neuen Schock. Sein Vormund erklärt ihm im November 1960, daß er doch nicht Christian Müller sei und die aus der Haft entlassene Mutter nach ihrem Sohn verlange. So mußte sich Christian auf einmal auf den Weg nach Annaberg machen und stand dort vor einer fremden Frau, die seine Mutter sein sollte. Die hatte darum gekämpft, nach der Haftentlassung wieder Kontakt zu ihrem Sohn zu bekommen. Und um einen vielleicht öffentlichen Skandal, verbunden mit einem prominenten Namen, zu vermeiden, entschieden die Mächtigen, Christian in sein drittes Leben zu stoßen.

Jetzt erfuhr er zum ersten Mal vom Schicksal seiner Familie. Die Schwester und die Großmutter waren nach einigen Monaten Haft ohne Urteil entlassen worden und sind in den Westen gegangen. Der bei der Verhaftung 16jährige Bruder hatte eine „Jugendstrafe“ von vier Jahren abgesessen und war ebenfalls in den Westen gefolgt. Christians Mutter war zu acht Jahren verurteilt worden und war ebensolange in Haft. Und Vater Georg saß noch in Bautzen – 1954 verurteilt zu 15 Jahren wegen angeblicher Spionage und „Boykotthetze“.

Die Pflegeeltern in Schönebeck, die wahrscheinlich die genaue Herkunft des Kindes, das ihnen sehr ans Herz gewachsen war, gar nicht kannten, begriffen den plötzlichen Verlust nicht. Die Pflegemutter starb einige Wochen später. Christian kam zur Beerdigung. Wenige Monate später beging sein Pflegevater Selbstmord.

Ernas Courage

(Autor: Peter Grimm, Kamera: Eckart Reichl, Schnitt: Andreas Arndt, 30 min. RBB 2004) 

Erna Etis hat ihr Leben riskiert. Die Cottbusser Postbotin hat dafür gesorgt, daß einige Juden überleben konnten. Sie hat die Familie Morgenstein vor der geplanten Deportation gewarnt und im Kohlenkeller eines NSDAP-Dorfbürgermeisters versteckt. Schon in den Jahren zuvor hatte sie Morgensteins geholfen, wo sie konnte. Mit Vorladungen und Verhören in der NSDAP-Kreisdienststelle wollten sie die Nazis einschüchtern – erfolglos. Sie organisierte nun auch Lebensmittel, die Morgensteins noch vor ihrem Untertauchen an Freunde ins Warschauer Ghetto schickten.

Nach 1945 versuchte der Schneider Abram Morgenstein in Cottbus einen Neuanfang. Er bekam seine Firma und sein Haus zurück, starb aber schon 1949 an Tuberkolose. Die Witwe ging mit den Kindern nach West-Berlin. Haus und Firma wurden wieder enteignet und die Söhne wanderten kurze Zeit später nach Kanada aus.

1961 kam Bernhard Etis mit Mutter und Tante zu Besuch nach Cottbus, seiner Heimatstadt.

1937 war Vater Etis, ein Jude, mit seinem Sohn Bernhard, verhaftet worden. Sie saßen in verschiedenen Gefängnissen und später auch in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald.

Die Mutter blieb als Nichtjüdin in Freiheit und bemühte sich um Einreise-Visa in ein sicheres Land. 1939 bekam sie bolivianische Visa für die ganze Familie und Vater und Sohn wurden tatsächlich aus dem KZ entlassen. Sie konnten ausreisen und so überleben.

Nun kamen sie zu Besuch nach Deutschland und Bernhard lernte Erna kennen. Sie gehörte zu den wenigen, die ihm vom Schicksal seiner alten Freunde aus der Gemeinde erzählen wollte. Und sie hatten mit Morgensteins gemeinsame Freunde.

Es dauerte nicht lange und er verliebte sich in Erna. Wegen ihr zog er aus Bolivien in die DDR. Bernhards Mutter blieb in Berlin, im Westen, und er behielt seinen bolivianischen Pass, um sie besuchen zu können. Aber Erna und er blieben bis heute in Cottbus. Lange war er hier der einzige Überlebende der früher reichen jüdischen Gemeinde.

Der Umbetter

Erwin Kowalke und die Kriegstoten

(Autor: Peter Grimm, Kamera: Eckart Reichl, Schnitt: Matthias Behrens, 30 min., MDR 2002)

Ein Wochenende in der sächsischen Lausitz: Die Reste eines Flugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg werden ausgegraben. Ein Mann beobachtet gespannt die Bergungsarbeiten, denn der tote Pilot könnte ebenfalls hier liegen. Schließlich wird neben einigen Knochen inmitten von Trümmern und Sand nach stundenlangem Suchen die Erkennungsmarke gefunden.

Auch fast sechzig Jahre nach Kriegsende werden unter deutscher Erde immer noch Zehntausende tote Soldaten vermutet. Wird ein Gefallener gefunden, so ruft man hier zu Lande einen Mann: Erwin Kowalke. Der ist Deutschlands einziger hauptamtlicher Umbetter.

Seine Aufgabe ist es, die sterblichen Überreste des Soldaten zu identifizieren und ihn dann unter seinem Namen auf einem Soldatenfriedhof zu bestatten. Viele Angehörige bekommen dadurch endlich Gewissheit über das Schicksal der Vermissten und mit dem Grab einen Ort der Trauer und des Gedenkens. Kowalke selbst sieht seine Arbeit auch als einen letzten Dienst an den Gefallenen. Er möchte ihnen mit ihrem Namen auch ein Stück ihrer geraubten Würde zurückgeben.

Erwin Kowalke übt seinen Beruf seit 1963 aus. Zu DDR-Zeiten bewegte er sich dabei oft am Rande des Legalen. Die Sorge um gefallene Wehrmachtssoldaten passte nicht in das Geschichtsbild des ostdeutschen Staates. Kowalke war zwar von der Evangelischen Kirche für die Pflege von Kriegsgräbern angestellt, seine Informationen über die Toten musste er sich aber im Westen beschaffen. Dort saß die Wehrmachtsauskunftsstelle mit allen Personaldaten des deutschen Militärs.

Heute könnte Kowalke ungehindert arbeiten, doch wieder legt er sich mit den Behörden an. Jetzt will der Umbetter auch die vielen in Sammelgräbern vergrabenen unbekannten Soldaten exhumieren und identifizieren.

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