Partisanen
 

Die Partisanen

Sie kämpften – von der Welt bald vergessen – einen aussichtslosen Kampf um ihre Unabhängigkeit: Die Partisanen in Litauen, Lettland und Estland. Aus den Wäldern heraus attackierten sie die sowjetischen Besatzer. Daher ihr umgangssprachlicher Name: Waldbrüder. Nur noch sehr wenige von denen, die damals in den Wäldern kämpften und die folgenden langen Jahre der Lagerhaft überlebten, können ihre Geschichte heute noch selbst erzählen. Vier von ihnen aus Lettland folgt dieser Film. Er folgt ihren Lebensläufen und erzählt eine Geschichte, die im Westen oft zu Missverständnissen, Fehldeutungen, Distanz und bestenfalls Vergessen geführt hat. Schlimmer ist es nur noch, wenn alle Partisanen in die Schublade „SS-Veteranen“ einsortiert werden. Doch dafür sind die vier von uns Porträtierten viel zu jung. Als sie sich als Jugendliche dem Widerstand anschlossen, war der Zweite Weltkrieg längst zu Ende.

Modris Zihmanis
Biruta Rodoviča

Der Ile-Bunker ist wiedererstanden. Vor einigen Jahren hatte der örtliche Förster in seinem Wald die Reste einer Bunkeranlage entdeckt und begonnen, den Bunker teilweise wiederherzustellen und zu einem Gedenkort zu machen. Auf diese Weise kann nun Modris Zihmanis wieder sein Werk bewundern. Er hatte als junger Mann diesen Bunker mit geplant und gebaut. Und er war auch hier, als sowjetische Spezialeinheiten seinen Bunker mit Brandsätzen und Rauchgranaten buchstäblich ausräucherten. Mit 760 Mann traten die sowjetischen Truppen gegen eine Bunkerbesatzung von 27 an. 15 Partisanen wurden erschossen, Zihmanis hat den Kampf überlebt und auch die folgenden 15 Jahre Lagerhaft mit anschließender Verbannung. Zwischenzeitlich war er als Organisator eines Lageraufstands auch zum Tode verurteilt, wurde aber begnadigt.

Zihmanis ist nun über achtzig Jahre alt und immer noch sehr lebendig. Seine Geschichte erzählt er gern - unterlegt mit Witz und glänzenden Augen. Seit Jahrzehnten schreibt er Gedichte – über die Liebe, die Schönheit, die Freiheit und auch die Zeit in den Lagern. Wenn man ihn fragt, ob er mit seinem Leben hadere, kann er jugendlich lachen und zurückfragen: „Wieso? Wir haben doch gewonnen.“

Biruta Rodoviča lebte als junges Mädchen auf einem Bauernhof in der Nähe des Ile-Bunkers. Wie viele Bauern der Gegend unterstützte auch ihre Familie die Waldbrüder mit Nahrungsmitteln, Geld und gelegentlicher Unterkunft. Die junge Biruta brachte oft Sachen zu der Stelle, an der sie den Partisanen aus dem Bunker zu übergeben waren. Die genaue Lage des Bunkers sollte keiner kennen, die Angst vor Spitzeln war berechtigterweise groß. Im Wald traf sie bald immer öfter Modris Zihmanis. Sie verabredeten sich und Zihmanis erschien sogar auf Dorffesten, um seine Biruta zu sehen. Was sie miteinander verband kann man immer noch spüren, wenn man sie heute beide zusammen sieht. 

Auch Biruta wurde, wie alle Bauern der Umgebung vom Greis bis zum Kind, wegen Nichtanzeige der Partisanen zu einigen Jahren Lagerhaft mit anschließender Verbannung verurteilt und nach Sibirien deportiert. Ein typischer Lebenslauf von vielen, die mit den Waldbrüdern gingen oder ihnen halfen.

Leons Garkalns
Antonija Brasla

Ungewöhnlicher ist der Weg von Modris Freund Leons Garkalns. Auch Leons versteckt auf dem Gehöft seiner Eltern durchs Land ziehende Waldbrüder, sowie wichtige Güter und Waffen für die Partisanen. Auch sein Bruder ist mit dabei, den Eltern erzählen sie aber nichts. Möglicherweise ahnen die, was ihre Jungs da treiben - gesprochen wird darüber nicht. Eigentlich ist sein Weg vom Unterstützer der Partisanen zum aktiven Kämpfer in den Wäldern auch schon vorgezeichnet. Viele junge Männer machen diesen Schritt, als die Rote Armee beginnt, auch im Baltikum Einberufungsbefehle zu verschicken. In die Armee der Besatzer zu gehen, das kommt für Leons nicht in Frage. Doch als der Einberufungsbefehl eintrifft, bitten ihn ausgerechnet die Partisanen, zur Roten Armee zu gehen. Der Grund ist für ihn nachvollziehbar: Erscheint Leons nicht zum Militärdienst, steht Leons Familie automatisch unter Verdacht. Unterschlupf und Umschlagplatz im Keller des Gehöfts wären nicht mehr sicher. Aber darauf wollte die in der Nähe operierende Partisanen-Abteilung nicht verzichten. Deshalb sollte Leons sowjetischer Soldat werden. Wegen der Bitte der Waldbrüder tut er das auch, hat aber ständig Angst, gegen Partisanen eingesetzt zu werden. Leons Verbindungen zu den heimischen Waldbrüdern reißen nie ab. In jedem Sommer macht er sich mit alten Freunden auf den Weg zu einem Veteranentreffen – gemeinsam mit einstigen litauischen und estnischen Waldbrüdern. Die Zahl der originären Kämpfer wird von Jahr zu Jahr geringer. Nachkommen und Interessenten müssen die Lücken füllen.

Doch hier zeigt uns Leons eine Frau, die im Wald gekämpft hat – eine Waldschwester sozusagen, obwohl es diesen Begriff nicht gab. Antonija Brasla leistet als junges Mädchen Unterstützerdienste für die Partisanen, als sie von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet wird. Nach vielen Stunden Verhör unterschreibt sie eine Verpflichtungserklärung, um freizukommen. Statt für die Geheimpolizei zu arbeiten, geht sie in den Wald und kämpft. Die Waldschwester verliebt sich und als ihr Bunker von der Sowjetarmee überrannt wird, ist sie schwanger. Das schützt sie bei den anschließenden Verhören nicht vor Folter, trotzdem bringt sie im Gefängnis ein gesundes Kind zur Welt. Die Gefangene soll ihr Neugeborenes zur Adoption freigeben, aber sie weigert sich. Nach vielen Jahren Lagerhaft, noch in der Verbannung, erreicht sie es, das ihr Sohn zu ihr kommen darf. Bis sie allerdings auch ihre Heimat wiedersieht vergehen noch viele Jahre.

Das Veteranentreffen findet auf der grünen Wiese statt, es hat einen anderen Charakter als die umstrittenen Veteranen-Aufmärsche der Lettischen Legion am Freiheitsdenkmal in Riga. Aber manche Teilnehmer sind bei beiden Veranstaltungen. Während man im Westen Angehörige der Lettischen Legion nur als ehemalige Angehörige der Waffen-SS sieht, sehen die Letten das deutlich differenzierter. Es gab auch unter den Lettischen SS-Angehörigen unzweifelhaft Männer, die in NS-Verbrechen verstrickt waren. Zumeist haben sie sich aber der Legion angeschlossen, weil sie nach den Erfahrungen mit der ersten sowjetischen Okkupationszeit keine neuerliche sowjetische Herrschaft über Lettland wollten. Viele, die sich nach 1943 zur Lettischen Legion verpflichten ließen, kämpften mitnichten für Nazi-Deutschland. Das NS-Regime war schließlich durch den Hitler-Stalin-Pakt auch für die erste sowjetische Okkupation mitverantwortlich. Leons – Jahrgang 1929 – war zu jung, um vor der Entscheidung zu stehen, zur Legion zu gehen. Welche Erfahrungen sie dazu brachte, dem Werben nachzugeben, kann er verstehen nach dem, was er mit elf und zwölf Jahren erlebt hat. Die Besetzung Lettlands nach dem Hitler-Stalin-Pakt brachte eine harte Verfolgung für all die, die entweder zuvor dem lettischen Staat gedient hatten oder aufgrund ihrer sozialen und politischen Stellung als „Klassenfeind“ galten. Kurz vor dem deutschen Überfall gab es noch eine große Deportationswelle. Die Angst vor willkürlicher Verhaftung und Verschleppung war groß, denn jeden konnte es nun treffen. Die deutsche Besatzung begann mit anderen Greueltaten, den Massenerschießungen von Juden. Denen sahen die meisten Letten tatenlos zu oder sie versuchten es zu ignorieren. Manche machten sich auch als Mittäter schuldig. Die Bevölkerungsmehrheit versuchte, zum Alltag zurückzukehren.

Modris Zihmanis kämpfte nicht in der Legion. Seine ersten Widerstandsaktionen gegen die wiedererrichtete Sowjetherrschaft über Lettland waren strikt friedlich. Als Student schrieb, druckte und verteilte er Flugblätter. Als einer aus seiner kleinen Gruppe dabei verhaftet wurde, mussten die anderen fliehen. Bei den seinerzeit brutalen Verhörmethoden der Geheimpolizei rechneten sie mit einer Aussage ihres Freundes. Zihmanis ging zu den Waldbrüdern, in einen gemeinsamen litauisch-lettischen Verband. Es gibt viele lustige und abenteuerliche Geschichten, die er aus dieser Zeit erzählt: Beispielsweise wie sie im Stile Robin Hoods die sowjetischen Abgabeneintreiber im Wald überfielen und ihren Geldtransport plünderten oder wie sie beim „Requirieren“ Parteifunktionäre und Geheimpolizei narrten. Doch Zihmanis erzählt auch davon, wie sie als Partisanen Geheimpolizei-Offiziere und Verantwortliche für Deportationen „liquidierten“. Die Gewaltlosigkeit war Vergangenheit. Letztlich hatten sie alle vier zunächst die Hoffnung, dass die Westmächte der Sowjetunion nach dem Krieg nicht einfach die Beute aus dem Pakt mit Hitler überlassen würden. Die Hoffnungen wurden bitter enttäuscht, doch der Drang zur Selbstbehauptung blieb stark. Zwischenzeitlich sollen ungefähr 22000 Letten in den Wäldern gekämpft haben.

Doch einige Jahre später brach der Widerstand gegen die sowjetische Übermacht nach und nach zusammen. Viele der überlebenden Waldbrüder traten nun den Leidensweg durch die Lager an. Der Lagerhaft folgte Verbannung und konnten sie dann in die Heimat zurückkehren, so waren sie stigmatisiert. Sie sollten ins soziale Abseits manövriert werden. In den ersten Jahren nach der Heimkehr hatten einige von ihnen auch Angst, einander offen zu begegnen. Doch Modris und Leons beispielsweise blieben widerständig. Modris ging gelegentlich wieder in den Wald – diesmal zu Treffen mit Menschen aus den Oppositionsgruppen der siebziger und achtziger Jahre.

Als das Ringen um Freiheit und Unabhängigkeit die Massen erfasste und die Volksfront gegründet wurde, gehörten Leons, Modris und Biruta sofort zu den Organisatoren. Leons hat von Auce aus den Widerstand an den Barrikaden in Riga Anfang 1991 mitorganisiert. Er schloss sich mit der Gründung der „Landwehr“, dem ersten unabhängigen militärischen Verband in Lettland an. Aber einer der größten Momente für ihn war es, als er auf dem Schlossturm in Auce zum ersten Mal die lettische Fahne hisste. Modris hingegen genießt seine Freiheit als Dichter. Endlich kann er seine Gedichte drucken und verlegen lassen – ganz legal. Im Rückblick auf ihr Leben, sagen alle vier, dass sie den Schritt, Waldbrüder zu werden oder sie zu unterstützen, nicht bereuen – trotz aller Entbehrungen und Verfolgungen. Allerdings sagen sie auch, dass sie ihre Geschichte nicht ausreichend gewürdigt sehen, dass sie Angst davor haben, das alles könnte vergessen werden. Nur Modris lässt sich von schwermütigen Gedanken nicht anstecken. Schließlich, so wiederholt er lachend, hätten sie doch gewonnen. Vielleicht kann so nur einer reden, der einem – ohne dass es pathetisch klingt – erzählen kann, dass ihn die Hoffnung weder in den vollgestopften Gefangenentransporten, in den Lagern noch in der Verbannung verlassen hat.